Es war ein Sieg für die Filmkunst, wie sie gerade bei den großen Festivals sehr selten geworden sind: Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul erhielt für seine beseelte Geisterzählung "Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnert" die Goldene Palme von Cannes. Wer derzeit nach einem wirklich innovativen Filmerzähler sucht, nicht nur auf diesem Festival sondern überall im Gegenwartskino, der muss sich ebenso für den 39-Jährigen entscheiden. Dass Weerasethakul deutschen Kinozuschauern nahezu unbekannt geblieben ist, ändert daran nichts. Lediglich sein früherer Cannes-Beitrag "Tropical Malady" hatte 2005 einen kleinen Kinostart und nicht einmal als Filmkopie. Ob das diesmal anders wird, ist zweifelhaft. Vom Kölner Weltvertrieb Match Factory waren die deutschen Rechte jedenfalls bis zur Preisverleihung am Sonntagabend noch zu haben. Aber seit auch das Art-House-Kino vor allem ein Unterhaltungskino geworden ist, haben es eigenwillige Filmautoren bei uns schwer.
Wie in Weerasethakuls früheren Filmen führt auch "Onkel Boonmee" an die durchlässige Schnittstelle zwischen Realität und subjektiver Wahrnehmung, Gegenwart und Erinnerung. Allerdings sind die freundlichen Geister, die in das Leben des kranken Onkels treten, keine bloßen Hirngespinste. Im persönlichen Gespräch bekennt sich der Regisseur selbst zu seinem Glauben ans Übernatürliche: "Ich bin nicht sicher, dass man auf deutsch den Unterschied zwischen dem englischen ghost und spirit versteht. Ich glaube an letztere: Spirits sind wie eine andere Dimension, man fühlt ihre Gegenwart. Manchmal bezeichne ich sie als Türen. Nicht nur ich allein, in Thailand glaubt man das allgemein. Allerdings spüre ich sie nur zu Hause. Wenn ich in Frankreich bin, gibt es keine spirits. Ich weiß auch nicht warum." Zur Sicherheit dankte der Regisseur dann aber bei der Preisvergabe nicht nur ihnen, sondern auch den Geistern.
Goldene Palme: "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" von Apichatpong Weerasethakul (Thailand)
Großer Preis der Jury: "Des Hommes Et Des Dieux" von Xavier Beauvois (Frankreich)
Bester Schauspieler: Javier Bardem (Spanien) in "Biutiful" und Elio Germano (Italien) in "La Nostra Vita"
Beste Schauspielerin: Juliette Binoche (Frankreich) in "Copie Conforme"
Bestes Drehbuch: "Poetry" von Lee Chang-dong (Südkorea)
Beste Regie: "Tournée" von Mathieu Amalric (Frankreich)
Preis der Jury: "A Screaming Man" von Mahamat-Saleh Haroun (Tschad)
Goldene Kamera: "Año Bisiesto" von Michael Rowe (Mexiko)
Etwas bekannt wurde der Regisseur, der 2009 die Oberhausener Kurzfilmtage gewann, in Deutschland lediglich in der Kunstszene. Jurypräsident Tim Burtons verbindet mit dem Preisträger also nicht nur die Liebe zur Phantastik. Mit seiner großen Ausstellung im Museum of Modern Art behauptete sich der Hollywoodregisseur ebenfalls erfolgreich im Kunstkontext, das längst zu einer neuen Heimat der Bewegbilder wurde. Es war klug und wichtig von ihm und seiner Jury, nun auch das ehrwürdige Cannes - von der Preisentscheidung hörbar überrascht - daran zu erinnern, dass das Kino eine visuelle Kunst ist. Man darf die Hoheit darüber nicht kampflos den Museen überlassen.
Mit den anderen Preisen ehrte die dafür das klassische Erzählkino in großer Spannweite.
Der französische Beitrag "Des hommes et des dieux" von Xavier Beauvois, mit dem "Grand Prix" geehrt, erzählt eine authentische Geschichte aus einem algerischen Mönchskloster. Trotz des einträchtigen Lebens mit den muslimischen Nachbarn wurden die Mönche 1996 Opfer einer Entführung durch Islamisten, die tragisch endete. In bedächtigen, aufmerksam beobachtenden Szenen vermittelt Beauvois die unmittelbare Zeit davor: Man ist gewarnt vor der Gefahr, doch die Mönche entscheiden sich in langen Debatten schließlich gegen eine Flucht. Frei von jeder Überhöhung vermittelt "Von Menschen und Göttern" ein sehr differenziertes Bild von Spiritualität: Glauben heißt für diese Mönche eben auch Denken im Sinne einer theologischen Vergewisserung.
Auch der Gewinner des Jurypreises vermittelt die Tragweite einer persönlichen Entscheidung: Als ein Hotelangestellter im Tschad seinen Job als Bademeister an seinen Sohn zu verlieren droht, schickt er diesen kurzerhand zur Armee. Es ist ein gleichermaßen menschliches wie politisches Drama, das dieses afrikanische Land zum ersten Mal in Cannes vertritt. Regisseur Mahamat-Saleh Horoun entwickelt es in einem langsamen Crescendo zu einem erschütternden Finale.
Mit der glücklichen Preisvergabe schließt sich auf der Vorhang über dem letzten und problematischsten Wettbewerbsbeitrag. Nikita Michalkovs "Burnt By the Sun 2". Diese späte Fortsetzung seines Dramas aus der Stalinszeit brach sogar mit den Anforderungen an eine internationale Premiere, da es nicht nur in Russland, sondern auch in Kasachstan und Estland bereits ins Kino kam. "Vielleicht sind das ja Länder, die noch zu Russland dazu gehören", meinte Michalkov dazu bewusst provokant gegenüber der FR.
Dort dümpelt - ein weiterer O-Ton - "der teuerste Film des gesamten Sovjetkinos" seit April an den Kinokassen. Von vierzig Millionen Dollar konnten nur sechs wieder eingespielt werden. Zumindest auf das kapitalistische Russland bezogen ist des der größte Flop seiner Filmgeschichte.
In wahren Ausstattungsorgien erzählt Russlands Kinozar vom Leid des Großen Vaterländischen Krieges. Doch nach einem hübschen Einfall vor dem Vorspann - Stalin feiert seinen Geburtstag mit einer Stalintorte, aber niemand will sie anschneiden -reihen sich plakative Postkartenbilder nebeneinander. Ein deutscher Pilot bombardiert ein Rotkreuz-Schiff mit Fäkalien, worauf ihn ein Rotarmist mit seiner Pistole abschießt. Daraufhin versenken die Deutschen das ganze Schiff. Für Michalkov steckt in dem banalen Special-Effect-Feuerwerk dieser fünf Minuten die ganze "Metaphysik des Krieges."
Es scheint, als habe Russlands Kino-Zar Eisenstein und Fellini in einer Person verkörpern wollen. Tatsächlich aber wird daraus eher Tarantino ohne Humor. Im Schlussbild erfüllt die von der Regisseurstochter Nadezhda Mikhalkova gespielte Krankenschwester den letzten Wunsch eines Sterbenden auf dem Schlachtfeld - und öffnet barmherzig ihre Bluse. Ihre Herzen jedenfalls wollten Cannes Cinephile dafür nicht öffnen. Umso wärmer der Beifall für Juliette Binoche, die für eine etwas über-emotionale Darbietung im Kiarostami-Film "Copie Conforme" als beste Darstellerin geehrt wurde. Binoche nutzte die Gelegenheit, um noch einmal an das Schicksal von Jafar Panahi zu erinnern: Der große iranische Filmemacher befindet sich seit einer Woche im Hungerstreik.
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