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Filmfestival Sarajevo: Wiedervereinigung im Kino

Sarajevo 2009: Ein Beispiel dafür, was der Wille zum Wiederaufbau schaffen kann. Das Filmfestival spiegelt ihren Werdegang. 1995 gegründet, wurde das Festivalbüro anfangs noch durch Sandsäcke geschützt.

Ein Herz für Sarajevo: Der serbische Regisseur  Vladimir Perisic.
Ein Herz für Sarajevo: Der serbische Regisseur Vladimir Perisic.
Foto: afp

Als Abschlussfilm lief "The Wrestler", und man ist versucht, diese Geschichte eines Comebacks als Symbol zu nehmen. Aber das Filmfestival Sarajevo ist nicht auferstanden aus Ruinen, sondern 1995 in den Trümmern der Stadt erst gegründet worden - unter der Belagerung durch serbisches Militär. Das Büro von Festivaldirektor Mirsad Purivatra war noch von Sandsäcken geschützt...

Nun kann das Festival seine 15. Ausgabe feiern und prägt durch sein omnipräsentes rotes Logo mit dem Herzen das Straßenbild im Zentrum. Von Anfang an trotz regionalen Schwerpunkts auf internationales Publikum und Programm bedacht, hat es eine Atmosphäre von entspannter Offenheit geschaffen.

Vor der Leinwand sind auch alte Feinde und frühere Nachbarn wieder vereint: Die Jury unter Vorsitz der serbischen Schauspielerin Mirjana Karanovic, in Deutschland bekannt geworden durch ihre Hauptrolle im Berlinale-Sieger 2006, "Grbavica", erklärte einen serbischen Film zum Sieger. Vladimir Perisic erzählt in "Ordinary People", vom Krieg, was sonst, von einem blutjungen Soldaten, der sich in einem Erschießungskommando wiederfindet. Doch längst zählt nicht mehr die Parteinahme im Krieg, es zählt der Film, das Geschäft mit dem Film. Es zählt: das Geschäft.

Sarajevo 2009: Wer wissen möchte, was der Wille zum Wiederaufbau schaffen kann, sehe sich diese Stadt an. Fast ist man geneigt, von Boomtown zu sprechen, so mächtig drängen sich die Neubauten in jede Lücke, die Granaten oder Pleiten hinterlassen haben. Das neue Einkaufszentrum an der Hauptstraße, mit nussbaumfarbenem Holz innen wie außen verkleidet, steht westlichen "Shopping Malls" kaum nach.

Investoren aus Saudi-Arabien haben es bezahlt, heißt es, und draußen prangt in fetten roten Versalien der Schriftzug "Konzum" - nicht der Name des Zentrums, sondern nur der des Supermarkts im Souterrain, aber die Losung der Stunde, wie es scheint. Wenige Meter weiter draußen lassen US-amerikanische Finanziers den nächsten Kommerz-Tempel errichten, "Alta"; ein Mieter steht schon fest: McDonald´s fehlt noch in Bosnien-Herzegowina

Die Stadt ist bunter geworden, zumal durch die leuchtenden Kleckse der Reklametafeln zwischen den grauen Häusern, wie damals in Ostdeutschland kurz nach der Wende. Die Straßenbahnen etwa haben Antiquitätenwert (einige tragen noch deutsche Werbeschriftzüge) aber sie quietschen in schrillsten Tönen (optisch wie akustisch) durch die Straßen - ein Kontrast zu den kantigen Kuben aus Glas und Stahl an den Ausfallstraßen mit dem neuen Wahrzeichen, dem Turm des Medienhauses Avaz mit der spiralförmig gewundenen Fassade.

Grauer Beton dagegen dominiert in langen Bändern die geschlossene, abweisend wirkende Fassade des Parlament-Neubaus, dessen olivfarbener Aufbau auf dem Dach erinnert doch arg an den Turm eines Schützenpanzers.

Was Wunder, dass sie sich auch architektonisch wehrhaft zeigen: Dieser Straßenzug, wo das Tal etwas offener wird, war im Krieg Strecke für einen tödlichen Spießrutenlauf unter dem Feuer der Serben auf den Hügeln ringsum.

Inzwischen ist Sarajevo nicht mehr die Stadt der gesprenkelten Fassaden; Einschussspuren sind zwar überall noch zu sehen, zumal an den Wohnblocks in der Nähe des Flughafens klaffen die rohen Ziegel in den Löchern, die einst Granaten geschlagen haben. Aber die Vororte gleichen Neubaugebieten: Haus an Haus wird auf altem Grund neu errichtet.

Woher die Bewohner die Mittel haben, ist schwer zu sagen: Die ausländischen Investitionen haben die hohe Arbeitslosigkeit etwas gemildert. Aber einer der jungen Fahrer des Festivals antwortet auf die Frage, wer in den Kaufhäusern und zahllosen Boutiquen seine "Konverta Marka" lässt: "Fünf Prozent haben Geld, die anderen 95 haben nichts." Er selbst hat einen "Papa, der besitzt fünf Sportgeschäfte", deshalb kam er freiwillig aus Deutschland zurück.

Vom angeblichen Erstarken des Islam auch in Bosnien merkt der flüchtige Besucher nichts. Er notiert, dass es seit dem Besuch vor drei Jahren mehr Minarette gibt, aber noch sind etwa in Frankfurt am Main mehr verschleierte Frauen zu sehen als hier, wo die jungen Mädchen Selbstbewusstsein durch ihre Sommermode betonen und in Zweier- und Dreier-Formationen in der Fußgängerzone Ferhadja paradieren. Da schiebt sich von morgens bis spätabends ein großes Gewoge an Läden, Restaurants und Eisdielen vorbei, immer rauf und runter, vom "Konzum" bis zur Altstadt mit dem Hoppel-Pflaster, den niedrigen Holzbuden mit Tand für die Touristen, der Gazi Husrev-Bey Moschee und dem Baarija-Platz mit dem einst meistfotografierten Motiv der Stadt, dem Brunnen Sebilj.

Und vor allem hier wirkt das wegen der engen Nachbarschaft seiner Gotteshäuser verschiedener Glaubensrichtungen einst "Klein Jerusalem" genannte Sarajevo wieder so lebendig wie früher, als es das Beispiel für das multikulturelle Miteinander im Völkergemisch des Balkan abgab.

Autor:  Daland Segler
Datum:  21 | 8 | 2009
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