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Filmfestival Venedig: Alle Liebe dieser Welt

Roman Polanski neuer Film „Carnage“ begeisterte auf dem Filmfest in Venedig das Publikum. Madonna hingegen scheitert mit ihrem Streifen „W.E.“ wieder einmal an einer Überdosis Kunstwillen. Ihr feministischer Ansatz rettet das Werk am Ende auch nicht.

Roman Polanski zeigt uns in „Carnage“, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Im Bild: John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz (r.)
Roman Polanski zeigt uns in „Carnage“, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Im Bild: John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz (r.)
Foto: Getty

Ungeachtet der Touristenmassen, die sich durch ihre zarte Stadt schieben, sind die Venezianer eher entspannt. Man kann beobachten, wie sie sich an Bord der überfüllten Linienboote seelenruhig die Nägel maniküren oder so herzhaft gähnen, dass man die Mittagspasta in ihren Magensäften treiben sehen kann. Der Hoteltechniker, der sich eines bockigen Laptops annimmt, lacht freundlich angesichts des in seinen Augen hoffnungslos veralteten Geräts. Auch eine andere Form von Ungenügen, nämlich ruhende Baustellen, erschüttern die Venezianer nicht fundamental. Sollte auf dem Lido nicht längst ein neuer, moderner Festivalpalast stehen, wenigstens im Rohbau? Von wegen, weit und breit keine Spur.

Aber dann geht es auch schon in den nächsten Wettbewerbsfilm. Der Regisseur Roman Polanski konkurriert mit „Carnage“, seiner Kinoadaption von Yasmina Rezas Bühnenstück „Der Gott des Gemetzels“, um den Goldenen Löwen des 68. Festivals von Venedig. Der Film ist in New York City angesiedelt. Er handelt ebenso wie Rezas Drama von zwei Paaren, die unfähig sind, angemessen mit einem ganz alltäglichen Konflikt zwischen ihren Kindern umzugehen: Der elfjährige Zachary hat dem gleichaltrigen Ethan eins übergebraten, weil der ihn nicht in seiner Clique haben will und herabsetzt; dabei verlor Ethan einen oder zwei Zähne. Daraufhin laden Ethans Eltern, die Kunsthistorikerin Penelope (Jodie Foster) und der Sanitärhändler Michael (John C. Reilly), Zacharys Eltern zu sich nach Hause ein – oder aber bei sich vor, ganz wie man will. Eigentlich wollen sie den kleinen Vorfall mit dem Anwalt Alan (Christoph Waltz) und der Investmentbankerin Nancy (Kate Winslet) ohne viel Aufhebens besprechen, auch damit keine Forderungen zurückbleiben. Doch eine zivile Unterredung erweist sich als zunehmend unmöglich, denn bald wird klar, dass hier nicht nur unterschiedliche Milieus und Charaktere aufeinandertreffen, sondern auch gegensätzliche Weltsichten.

Die Animositäten liegen offen, nachdem sich Nancy, der plötzlich übel wird, freimütig auf Penelopes Kokoschka-Katalog erbrochen hat. Und plötzlich geht es gar nicht mehr um die Söhne der Paare, sondern um die zu Tage tretenden Defizite der Eltern. Auf verschiedenen Stufen der Eskalation wird demonstriert, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und wie wenig tragfähig der von Penelope beschworene Gemeinschaftssinn. Unter den bisher gezeigten drei Wettbewerbsfilmen konnte Polanskis Beitrag die meisten Lacher verbuchen. Sie verdankten sich vornehmlich der ebenso boshaft-pointierten wie genüsslichen Präzision, mit der hier vier großartige Darsteller ihre Rollen spielen. Wie Foster als weinerliche, weltfremde Idealistin eine Cola aus dem Küchenschrank reißt, schreibt allein schon eine Krankengeschichte erfolglos unterdrückter Aggressivität. Waltz könnte als komplett rücksichtsloser Macher leicht seinen nächsten Oscar holen. „Carnage“ mag zwar auch ein Kammerspiel sein, aber es ist zuerst ein Kabinettstück hoher Schauspielkunst. Polanskis größtes Verdienst ist es, seine Stars vollkommen zur Geltung zu bringen. Dazu passt, dass Polanski dann nicht selber nach Venedig kam.

Im Anschluss gab es Madonnas neue Regiearbeit. Die Erwartungen waren nicht sonderlich hoch, um mal zu untertreiben; im Inszenierungsfach und als Schauspielerin gilt die Pop-Ikone als besonders glücklos. Das kann einem fast schon wieder leid tun, aber irgendwie hat sich die Frau diesen Ruf ja auch hart verdient. In „W.E.“ geht es um die (Un-)Möglichkeit und den Preis einer großen Liebe. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die 1998 in New York lebt. Wally (Abby Cornish) wurde nach Wallis Simpson benannt, derentwegen der einstige britische König Edward VIII. im Dezember 1936 abdanken musste – schließlich war Simpson Amerikanerin und dann auch noch geschieden. Die Besessenheit für dieses Paar teilt Wally mit ihrer Großmutter und Mutter. Sie möchte gern ein Kind, ihr Ehemann, ein reicher Psychiater, aber nicht, und er will auch nicht, dass sie arbeitet. So verbringt Wally ihre Tage bei Sotheby’s, wo eine Auktion der Hinterlassenschaften von Wallis (W) und Edward (E) ansteht. Ein russischer Wachmann verliebt sich in sie: Evgenij ist das E zu Wallys W.

Madonnas Film (in der Nebenreihe „Fuori Concorso“) ist als Parallel-Erzählung konstruiert. Der große Zeitrahmen und die hastigen Wechsel zwischen mehr als hundert Drehorten sind indes weniger irritierend als der ziemlich simple, quasi-feministische Ansatz des Films. Hat nicht auch Wallis sehr viel aufgegeben für ihre Liebe zu Edward?! Ob die beiden wirklich Nazi-Sympathisanten waren, diese Frage beschäftigt die Regisseurin auch. Über die Figur der Wally, die so obsessiv über die große Liebe nachdenkt, dass sie sich der Herzogin von Windsor äußerlich anverwandelt, will Madonna die Geschichte des historischen Paars aus der Sicht der „Ausländerin“ Wallis erzählen. Das tut sie mit einer Überdosis Kunstwillen. Eigentlich geht es um das Spiel mit einer Persona, um Inkarnationen, um die gesellschaftliche Stellung der Frau an sich.

Nach der Vorführung von „W.E.“ gestern gab es kaum Buhs. Ist Madonna besser geworden? Oder war das Publikum nur müde? Nie kann man sicher sein.

Autor:  Anke Westphal
Datum:  2 | 9 | 2011
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