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Filmfestival Venedig: Vogelschau

Kathryn Bigelow und Marco Bechis suchen die Realität und finden die Schönheit.

Süchtig nach dem Krieg: Der Bombenentschärfer (Jeremy Renner) aus Kathryn Bigelows The Hurt Locker.
Süchtig nach dem Krieg: Der Bombenentschärfer (Jeremy Renner) aus Kathryn Bigelows "The Hurt Locker".
Foto: Verleih

Ein ferngesteuerter Roboter holpert unbeirrt durch eine staubige Mondlandschaft. Die Szenerie, aber auch der Todesmut des kleinen Gefährts, das eine Bombe entschärfen soll, erinnern deutlich an den neuen Pixar-Trickfilmhelden "Wall- E". Spaß aber hat an seinem Auftritt niemand, denn der fremde Planet heißt Irak und der willige Helfer der US-Besatzer steht schon vor seiner unehrenhaften Entlassung.

Was soll so ein ungelenkes Kriegsspielzeug schon ausrichten gegen scharfe Granaten? Es braucht Männer in Feuerwehranzügen, harte Männer, um die Straßen zu fegen im Land der täglichen Sprengstoffattentate. Kathryn Bigelow singt ihr Lied in "The Hurt Locker", ihrem ersten großen Hollywood-Blockbuster seit dem Science-Fiction-Drama "Strange Days" von 1995. Ob es ein Loblied ist, darüber lässt die Marketing-Abteilung von Warner Brothers keinen Zweifel: "Der tägliche Heroismus dieser willigen Tollkühnen wird in diesem explosiven Abenteuer enthüllt." In Venedig feiert die einst bedeutendste Filmemacherin des amerikanischen Genrekinos ein umstrittenes Comeback.

Es geht um die für private Firmen arbeitenden Bombenspezialisten, die den US-Armee-Einheiten für die knifflige Drecksarbeit zugeteilt werden. Schon ein dem Titel vorangestelltes Zitat des Sachbuchautors Chris Hedges bezeichnet den Krieg als reine Sucht. Der Abhängige im Mittelpunkt ist ein ebenso kaputter wie unersetzlicher Irrer. Wenn die Gefahr am größten ist, entledigt er sich erst einmal der Schutzkleidung samt Funkverbindung zu den ebenfalls hoch gefährdeten Soldaten. Dafür gibt es eine Ohrfeige vom hilflosen Vorgesetzten und den Adelsschlag der alten Recken: "Seht euch diesen wilden Mann an", schwärmt ein bulliger Offizier.

Geschrieben von Mark Boal, im vergangenen Jahr in Venedig vertreten mit seinem Anti-Kriegsfilm "Im Tal von Elah", wirft "The Hurt Locker" keinen Schatten auf das US-Militär. Wer wollte sich den Irak noch ohne vorstellen? Dass sich Bigelow bei der Pressekonferenz für einen schnellen Truppenabzug ausspricht und für Barack Obama wirbt, kann man ihrem Film nicht ansehen. In der Nachfolge der rauschhaften Kriegsfilme von Sam Peckinpah und Samuel Fuller feiert sie die Ausgestoßenen in Uniform - und stürzt den Zuschauer in den gleichen Sog, dem sich diese "wilden Männer" in Uniform verschrieben haben. Mit den filmischen Mitteln operiert sie dabei so souverän, dass ein Oliver Stone vor Neid erblassen wird.

Nie verselbstständigt sich ein visueller Einfall, alles fügt sich ein in ein Montagekunstwerk.130 Minuten vergehen in einer Dramaturgie ohne Leerlauf wie im Flug. Dass man in dieser Perfektion auch eine Stilisierung erkennen mag, will Bigelow bei der Pressekonferenz nicht hören: "Für mich ist es nichts als eine möglichst exakte Wiedergabe der Realität, ähnlich einer Reality-Doku." Dem von den US-Medien inzwischen kaum noch beachteten Krieg wolle sie einfach die fehlenden Bilder nachreichen. Kathryn Bigelow, die mit 57 noch immer aussieht wie jene Movie-Stars, die in ihren Filmen meistens fehlen, ging das schon früher so: Sie generiert Schönheit, ohne es überhaupt zu bemerken. Abgesehen von der Überraschung, US-Truppen im Umgang mit der irakischen Bevölkerung einmal mit der Höflichkeit deutscher Verkehrspolizisten zu erleben, ist es ein unerhört gut gemachter Film. Die Wirkung liegt nicht mehr in ihrer Hand: Wer nicht schon Krieger ist, könnte danach süchtig werden.

In Venedig gab es bislang nicht viele Filme von einem solchen Kaliber. Das ist allerdings kein Grund, die Köpfe hängen zu lassen, wie es derzeit zu beobachten ist: Bei strahlender Sonne ist die Stimmung gedrückt wie nach sieben Tagen Regenwetter. Doch allein für einen Film wie "Bird Watchers" hat sich die Expedition gelohnt. Viel spricht dafür, dass der in Italien tätige Chilene Marco Bechis den Goldenen Löwen gewinnen wird. Er führt ins brasilianische Mato Grosso do Sul, wo die Ethnie der Guarani-Kaiowa von einer Selbstmordwelle unter Jugendlichen betroffen ist. Zu Tagelöhnerjobs bei ausbeuterischen Farmern verurteilt, versinkt das Volk so schleichend und unaufhaltsam wie der Regenwald.

Bechis reiste ins Reservat und entwickelte mit den Betroffenen eine beklemmend dramatisierte Geschichte - doch als Doku-Drama ist auch dieser Film nicht zu bezeichnen. Ein jugendlicher Laiendarsteller hat das tragische coming-of-age-Drama inspiriert, das von der Kluft zum luxuriösen Leben der weißen Farmer erzählt. Sie vertreiben sich die Zeit mit Touristen, die zum Vogelgucken kommen. Als die Indianer die Reservatsgrenze überschreiten, eskaliert der schwelende Konflikt.

Wie vor Jahrzehnten der große Filmerzähler Robert Flaherty fasst Bechis das reelle Drama in dramatische, aber dennoch stille Bilder. Die Sicherheit der Bildkomposition ist dabei immer auch eine Garantie für Diskretion. Von der ersten Szene an nimmt dieser Film gefangen: Da erspähen wir mit den Vogel-Schauern die vermeintlich unentdeckten, halbnackten Ureinwohner. In der zweiten Szene holen sie sich den spärlichen Lohn der Inszenierung. Für einen spärlichen Wettbewerb ist dieser hypnotische Film tatsächlich Lohn genug.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  5 | 9 | 2008
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