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07. Februar 2012

Filmpolitik unter Viktor Orbán: Ungarns Kino in Gefahr

 Von Ralf Schenk
Protest gegen die Medienpolitik des Orbán-Regimes im Januar in Budapest  Foto: afp/FERENC ISZA

Ungarische Regisseure und Autoren rechnen mit ihrer Regierung ab. Nachdem das Orbán-Regime das demokratische System der Filmförderung zerschlagen hat, haben Künstler kein Mitspracherecht mehr. Stattdessen entscheidet ein Mann alleine über Wohl und Wehe des ungarischen Films.

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Ungarische Regisseure und Autoren rechnen mit ihrer Regierung ab. Nachdem das Orbán-Regime das demokratische System der Filmförderung zerschlagen hat, haben Künstler kein Mitspracherecht mehr. Stattdessen entscheidet ein Mann alleine über Wohl und Wehe des ungarischen Films.

Ungarns Kino ist in Gefahr. So jedenfalls sehen das Regisseure und Autoren, die ihre nationale Filmschau am Wochenende zu einer Generalabrechnung mit der Filmpolitik der Regierung nutzten. Vor gut einem Jahr zerschlug das rechtskonservative Orbán-Regime das bisherige System der Filmförderung, in dem ein demokratisches Mitsprachrecht der Künstler verankert war. An die Stelle der Gremien trat ein einzelner Mann: der Produzent Andrew G. Vajna, dessen Familie nach dem Ungarn-Aufstand 1956 emigriert war und der es in Hollywood zum Multimillionär brachte, unter anderem mit „Rambo“. Premier Viktor Orbán, dem Vajna publicityträchtige Auftritte mit Arnold Schwarzenegger und Robert de Niro verschafft hatte, belohnte seinen aus den USA zurückgekehrten Duzfreund mit dem Posten des neuen Filmstiftungs-Chefs und stellte ihm ein Jahresbudget von 18 Millionen Euro in Aussicht. Das Geld entstammt der Spielsteuer für Lotterien; wohin es fließen wird, obliegt allein Vajnas Gunst.

Öffentlich gewollte Intransparenz

Gegen die neuen Strukturen und deren offensichtlich gewollte Intransparenz machen Ungarns Filmschöpfer nun mobil. Weil Vajnas Filmstiftung keine Anstalten unternahm, die seit vier Jahrzehnten laufende nationale Filmschau nach der letztjährigen Pause wieder zu beleben, ergriff der Filmverband die Initiative. Deren neuer Präsident, der Regisseur Béla Tarr („Das Turiner Pferd“), stampfte die Schau nach nur einem Monat Vorbereitungszeit ohne Geld, aber mit Enthusiasmus aus dem Boden. Gezeigt wurden hundert Spiel-, Trick-, Dokumentar- und Lehrfilme, die noch mit Mitteln der alten Filmförderung oder als No-Budget-Produktionen hergestellt werden konnten.

Zudem gelang es Tarr, die Leiter der Festivals von Berlin und Cannes, Dieter Kosslick und Thierry Frémaux, nach Budapest einfliegen zu lassen, die hier mit kämpferischen Solidaradressen aufwarteten, künstlerische Freiheit und Toleranz anmahnten. Der Chef der Filmfestspiele Venedig, Alberto Barbera, saß derweil auf dem Flughafen Rom fest, weil er die ungarische Fluggesellschaft Malev gebucht hatte, die zu Beginn der Filmschau ihre Insolvenz bekannt gab.

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