Überall ist er zu sehen: seine irgendwie angeschlagene Visage, sein Körper, der sich meist an einer deutlich jüngeren und schönen Frau festhält, an Brigitte Bardot, an Jane Birkin oder Bambou. Der Dandy mit dem leicht vernachlässigten Look, der Mann mit der Zigarette ist zurück im öffentlichen Leben Frankreichs. Aber es ist nur eine Erscheinung, eine Art Déjà-Vu: "Gainsbarre, reviens!" titelt beispielsweise das Nachrichtenmagazin "Le Nouvel Observateur". Es klingt wie eine Vermisstenanzeige: Provokateur verzweifelt gesucht.
Vermisst wird der späte Serge Gainsbourg, der Melancholiker, der das Licht der Scheinwerfer und den Glanz der Pailletten suchte, um das ganze Spektakel für einen Augenblick umso finsterer wirken zu lassen. Er, der einen 500-Franc Schein vor laufender Kamera verbrannte und in Straßburg vor einem Parkett voller Rechtsradikaler die Rechte Faust in die Höhe hielt und a cappella seine Reggae-Marseillaise anstimmte: "Aux armes et cætera". Vermisst wird der Gainsbourg, der sich Gainsbarre nannte, weil "se barrer" verschwinden heißt.
Gainsbourg 2008, Paris, Cité de la Musique, bis 1. März 2009. www.cite-musique.fr
17 Jahre liegt sein Tod zurück und es scheint, als würde er den Franzosen erst jetzt so richtig fehlen. Im Februar diesen Jahres hätte er seinen 80. Geburtstag feiern können, wenn er nicht das schnelle Verbrennen dem langsamen Verfaulen vorgezogen hätte. Anlässlich dieses Datums widmet ihm die Pariser Cité de la Musique eine monumentale Ausstellung. Zeitgleich sind Bücher erschienen, alte Biografien, Alben und Kompilationen sind neu aufgelegt worden, demnächst wird sich sogar der Komikautor Joann Sfar an seinen ersten Film wagen und mit den Dreharbeiten zur Verfilmung von Gainsbourgs Leben beginnen.
Sicher, in Zeiten der Krise hilft der Blick zurück. Eine große Welle der Nostalgie hat Frankreich erfasst, nach Edith Piaf haben sich die Filmemacher über Françoise Sagan, Coco Chanel und den Komiker Coluche gebeugt. Trotzdem liegt der Fall Gainsbourg ein wenig anders. Eine Art Phantomschmerz ist zu spüren, und auf die Frage, wer in diesem Frankreich Sarkozys eigentlich ein würdiger Nachfolger sein könnte, wer die Rolle dieses "nationalen Totems, ein wenig destroy', aber vollkommen integriert" ("Nouvel Obs") übernehmen könnte, fällt die Antwort eindeutig aus: Niemand. Nicht die Rapper, die nur Gewalt verherrlichen, und auch nicht die Schriftsteller, selbst wenn Michel Houellebecq - zumindest was sein Level von Provokation, Alkohol und Nikotin betrifft - durchaus mithalten könnte.
"Gainsbourg 2008" heißt die Ausstellung, die ihn feiert, auch das ein bezeichnender Titel für eine Schau, die mit dem Schlimmsten, nämlich mit einer Heiligsprechung und der endgültigen Verwandlung des Chansonniers in eine Ikone hat rechnen lassen. Aber interessanter Weise hat man genau das vermeiden wollen. Kein Mausoleum ist da entstanden mit Nachbau seiner Stadtvilla in der Rue der Verneuil, wo er in einer Art schwarzem Kuriosenkabinett gelebt hat, und die seine Tochter Charlotte bislang unangetastet ließ und gerne in ein Museum verwandelt hätte, wenn die Räume sich nicht als zu klein erwiesen hätten.
Sicher, es gibt eine lange Vitrine mit Manuskripten, Noten, den Polizeiorden, die er sammelte. Kunst, mit der er sich umgab. Aber an keiner Stelle sind seine weißen Repetto-Schuhe ausgestellt. Statt dessen 24 Säulen mit Bildern, Fotos, Filmausschnitten: ein multimediales Bilder-Kaleidoskop, ein akustisches Tohuwabohu aus Dialogen, Chansons und Texten, gelesen unter anderem von Jane Birkin, von Charlotte, Catherine Deneuve, Isabelle Adjani, Vanessa Paradis.
Es geht, das ahnt man schnell, um Korrespondenzen, um Einflüsse, um das Werk eines Künstlers, der eigentlich Maler sein wollte, aber mit dreißig fast alle seine Bilder verbrannte; der ein Leben lang schrieb, Filme drehte und das Komponieren von Liedern immer für eine mindere Kunst hielt: "Bei meinen Chansons handelt es sich um ein Metier, beim Kino und den Bücher um Kunst."
In vier Epochen ist die Ausstellung aufgeteilt ("Die blaue Periode", seine Anfangszeit; "Die Idole" bis Ende der sechziger Jahre, "Die Decadanse", die sich bis Ende der Siebziger hin zeiht, und "Ecce homo" bis zu seinem Tod 1989), aber jedes Mal entdeckt man einen Künstler, der sich selbst zum Gesamtkunstwerk macht, der seiner Zeit voraus ist und gierig alle Einflüsse einsaugt: Er ist einer der ersten, der seine Lieder spricht.
Er verachtet das "yéyé", den Einfluss Amerikas auf die französische Popmusik, aber schreibt mit "Poupée de cire, poupée de son" einen der größten Erfolge des Genres und lässt danach die unschuldige Françoise Galle mit "Les Sucettes" ein Lied singen, dessen Doppeldeutigkeiten weder sie noch das Publikum verstehen. Und Ende der sechziger Jahre ist er es, der seine Verbindung mit Birkin vermarktet, der den erotischen Mehrwert dieser Beziehung erkennt und ausschöpft.
Und das Ende, die Achtziger Jahre? Eine Zeit voller politischer und moralischer Eklats, ein Kampf gegen die politische Korrektheit avant la lettre, ein Gainsbarre, der über die Strenge schlägt, der "Nazi Rock" und "Around the bunker" macht, obwohl er oder vielleicht gerade weil er als Zwölfjähriger den gelben Stern trug. "Mein zynischer Stil", so sagte er einmal, "ist kein Genre, sondern eine Vision."
Frédéric Sanchez, eigentlich kein Ausstellungsmacher, sondern Klangkünstler, gelingt es, die Bedürfnisse eingefleischter Fans wie auch die eines jungen Publikums zu befriedigen. Es ist, als gäbe es viele Gainsbourgs zu entdecken, einen erfolgreichen Werbefilmer und einen gescheiterten Regisseur; einer, dessen Bedürfnis nach Anerkennung auf der Höhe seiner Komplexe war.
Birkin sagt heute von ihm: "Er hatte große Mühe, sich an sich selbst zu gewöhnen." Er ist nicht der "hyper-héros hexagonal", wie er in einer Biografie beschrieben wird, sondern der zerbrechliche Künstler als der er in einer Collage zusammengesetzt aus unzähligen Polaroids erscheint. Es ist das Plakat zur Ausstellung, das Suchbild zur Verlustanzeige: Gainsbourg schmerzlich vermisst.
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