Milchkannen klappern, und die Kremser scheinen an ihren Haltepunkten einen Kongress abzuhalten. Walther Ruttmanns experimenteller Dokumentarfilm "Sinfonie einer Großstadt" von 1927 ist nicht zuletzt eine Feier der Beruflichkeit. Erst langsam kommt Berlin in Fahrt, die Stadt und die Arbeit organisieren sich im Rhythmus eines geheimen Takts.
Was Ruttmann filmte, hat der Fotograf August Sander in seinem legendären Projekt "Menschen des 20. Jahrhunderts" in zahlreichen Porträts ins Bild gesetzt. Die Akteure beziehen vor dem Fotografen Stellung, und fast immer übernimmt die berufliche Stellung die Regie bei den Posen der Abgebildeten. Die Arbeit ist das entscheidende Identitätsmerkmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ihr Wandel verändert, wie Siegfried Kracauer in seiner Studie über die Angestellten gezeigt hat, das gesellschaftliche Zusammenspiel.
von Sarah Jost und Gabriela Wachter (Hrsg.), Mit einem Vorwort von Helga Grebing. Parthas Verlag, Berlin 2008, 312 S., 29,80 Euro.
Eine Art fotografische Kulturgeschichte der Arbeit haben nun Sarah Jost und Gabriela Wachter in dem Band "Die verschwundene Arbeit" zusammengetragen, für den sie Berliner Sammlungen und Archive durchforstet haben. Ein Seilermeister aus dem Prenzlauer Berg hat längs einer Straßenmauer seine Reeperbahn aufgespannt, um unter freiem Himmel die Seile (Reep) drehen zu können. Ein Neuköllner Kollege fasst einen Bund Flachs zum Herteln.
Ständisches Bewusstsein
Heute sind nicht nur die Berufe aus dem Stadtbild verschwunden, auch die Begriffe, die ihr Tun benennen, scheinen sich verflüchtigt zu haben. Der österreichische Filmemacher Rudi Palla hat bereits in den neunziger Jahren in Enzensbergers Anderer Bibliothek bei Eichborn einen Thesaurus der untergegangenen Berufe zusammengestellt.
Der nun vorliegende Band knüpft an dieses Projekt mit den Mitteln der Fotografie an. Trotz der körperlichen Anstrengung ist den abgebildeten Handwerkern das ständische Bewusstsein abzulesen. Der Hausierer war noch nicht ein verdächtiger Zeitgenosse des fahrenden Volks späterer Jahre. Oft waren es die Besenbinder und Schirmmacher, die die Ergebnisse ihrer Arbeit von Haus zu Haus selbst vertrieben. Sie waren Akteure einer Gesellschaft, die von selbstbewusster Beruflichkeit durchdrungen war. "Ne solide Existenz", sagt Meck in Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" zu Franz Biberkopf, um ihn zu einer Händlertätigkeit zu bewegen. "Ne solide Existenz, darauf kommt es an, ne solide. ... Ist das Solideste, was man hat. Hosenträger, Strümpfe, Socken, Schürzen, eventuell Kopftücher. Der Gewinn liegt im Einkauf."
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