Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

07. November 2014

Frankfurt Hochhäuser: Obendrein sehr unberechenbar

 Von 
Blick auf die Skyline der Hochhausstadt Frankfurt.  Foto: dpa

„Himmelstürmend“ heißt die Schau im Deutschen Architekturmuseum über die Hochhausstadt Frankfurt.

Drucken per Mail

Mit vielen der Wolkenkratzer Frankfurts sind ganz besondere, nämlich schier unglaubliche Versprechen verbunden. Und so machte sich, lange ist das noch nicht her, Frankfurts damalige Oberbürgermeisterin für den Hochhausstandort Frankfurt nicht nur stark. Denn schick posierte Petra Roth, indem sie sich in einer äußert heiklen Lage zeigte, allerdings hochentspannt. Das Foto, das 2007 entstand, auf einem frei schwebenden Stahlträger eines Hochhausrohbaus, die Beine übereinandergeschlagen, zutiefst lässig, in schwindelerregender Höhe, aber offensichtlich vollkommen schwindelfrei, mochte ein Fake sein, als Bluff lächelnd durchschaubar, ja.

Gewiss ist es keine Simulation, wie einer der Turmbauer der Europäischen Zentralbank, die in diesen Tagen im Osten Frankfurts bezogen wird, gezeigt wird, die Stadt im Rücken, auf einem Rohbauträger balancierend wie auf einem stählernen Schwebebalken, die Hochhausstadt hinter sich, Frankfurt unter sich. Der Monteur als Artist, der Arbeiter als Dompteur der Höhe. So zeigt es, Reminiszenz an eine berühmte Fotografie vom Turmbau in Manhattan der 20er Jahre, die Fototapete, die den Besucher des Deutschen Architekturmuseums (DAM) zu der Ausstellung „Himmelstürmend. Hochhausstadt Frankfurt“ empfängt.

Gerade von der Bilderproduktion, auch darauf weist das DAM hin, lebt ja die Hochhausproduktion, von der Simulation und von der Symbolproduktion. Dafür hat Philipp Sturm als Kurator sehr entschieden in das von Oswald Mathias Ungers umgebaute DAM eingegriffen. Was von Ungers im Erdgeschoss stammt, wurde ummantelt, zum Verschwinden gebracht. Auf dunkelgrauen Stelen wird Frankfurts Hochhausgeschichte seit 1945 bebildert, auf der einen Seite chronologisch, darunter ein Hinweis auf die drei prominenten Vorgängerbauten aus der Zeit der Weimarer Republik, den Mousonturm, das Gewerkschaftshaus Max Tauts sowie Hans Poelzigs grandioses I.G.-Farbenhaus.

Neben der chronologischen Promenade eröffnet die Schau einen weiteren Parcours, in elf Zonen geht es für den DAM-Besucher quasi von der Innenstadt über das Bankenviertel, das Westend, das Messeviertel über die äußeren Stadtquartiere bis hin zur Peripherie am Flughafen. Denn mit dem Stadtteil „Gateway Gardens“ (was für ein Name) soll in unmittelbarer Flughafennähe ein weiteres Hochhausquartier entstehen, für das Jo. Franzke bereits ein elegantes Gründungsbauwerk hat errichten können.

Sensationell: Mies van der Rohes Vorschlag für die Commerzbank, 1968.  Foto: MoMa New York; Scala, Florenz

Mindestens ein weiteres halbes Dutzend Bauten sollen folgen, so zu sehen anhand von Modellen, wodurch der DAM-Besucher obendrein damit vertraut gemacht wird, dass in Frankfurt mehr als 500 Gebäude vorhanden sind, die höher als 60 Meter sind, gar 30 mit mehr als 100 Metern Höhe. Nicht von ungefähr zog bereits 1998 eine Schau im DAM eine Hochhausbilanz, „Maßstabssprung“ genannt. Ein solcher war 1991 in mehrfacher Hinsicht der 256 Meter hohe Messeturm des deutsch-amerikanischen Büros Murphy/Jahn gewesen.

Aufschlussreich die aktuelle Rekonstruktion des Wettbewerbs, sehr aufschlussreich die Modelle aus der Hochphase der Postmoderne. Ein Dokument obendrein ist das Foto, das den damaligen OB, den damaligen Messechef, den damaligen Investor mit einem überhistorischen Konquistadorenlachen zeigt, das Modell behandelnd wie eine Standarte, die man in einer neuen Welt einrammt.

Gleichwohl, der Messeturm war es, der in einem Frankfurt der bis dahin zahlreichen Wolkenkratzerscheußlichkeiten einen Stimmungsumschwung einleitete, nein, nicht nur auf dem Cover des Merianheftes, sondern mental, in Mainhattan selbst.

Die konkurrierenden Entwürfe, angefangen mit dem nicht realisierten Siegerentwurf Helge Bofingers, zeigen, wie sehr insbesondere Hochhausbau sich abhängig gemacht hat vom Zeitgeist. Konnte sich deshalb, weil er nicht mehr up to date war, ein Mies van der Rohe nicht mehr durchsetzen? Der insgeheim wohl größte Coup der Ausstellung besteht in der Rekonstruktion des Wettbewerbs für den Hauptsitz der Commerzbank, 1968.

Tatsächlich hat sich die Jury gegen den Großmeister Mies ausgesprochen, und zu den erstaunlichen Geschichten gehört auch, dass in der Stadt Frankfurt, die ja nicht nur ein legendärer Bankenstandort ist, auch in den Zeitungen keine Zeile aus den legendären Tagen, 1968, über die Niederlage des legendären Mies veröffentlicht wurde. Somit auch nicht über den durch die Ausstellung sehr schön dokumentierten Pavillon, den Mies neben dem Turmbau plante. Wäre er denn verwirklicht worden, wäre an der Stelle nimmermehr der Commerzbanktower Norman Fosters realisiert worden, das 1997 zweifellos höchste Gebäude Europas, dem allerdings das FR-Feuilleton einen weiteren Superlativ damals bereits absprach, den Status eines ökologischen Hochhauses. Damit sollte es, das Feuilleton im Zwist mit dem Büro Foster, ebenso recht behalten wie mit seiner Vorhersage, dass Frankfurt von den von Foster prophezeiten „hängenden Gärten“ kaum etwas werde ausmachen können.

Mit vielen Frankfurter Sky-scrapern wurden unglaubliche Versprechen in die Welt gesetzt. Dass allerdings insbesondere der Hochbau von Fiktionen lebt, kann man in der Ausstellung sehr gut daran erkennen, dass die weltberühmte Glasfassade der Deutschen Bank (ABB-Architekten, 1984) einem Betonskelett vorgehängt wurde, wie wiederum das hochelegante Juniorhaus Wilhelm Berentzens 1951 Stein um Stein vor einem Stahlskelettbau hochgezogen wurde.

Bei aller Camouflage, in die diese Schau durch konstruktive Details Einblick gibt, sie beichtet dem Besucher auch, dass Frankfurts Hochhausbau ein Tummelfeld kapitaler Hybris ist. Wer auf diesem Terrain auch immer die Strippen zieht, es stoßen Investoren und Bauherrn, Architekten und Planer aufeinander. Frankfurt hat immer wieder Anstrengungen unternommen, um seine Planungshoheit als Kommune zu behaupten, angefangen mit dem „Boehm-Plan“ in den 1950er Jahren bereits. Die Ausstellung erinnert an den äußert fahrlässigen „Fingerplan“ (1968), sie zeigt unmittelbar nebeneinander, dass nicht jeder Hochhausplan ein vernünftiger war.

Der Messeturm sorgte 1991 für einen Stimmungswechsel.  Foto: Jahn

Denn wäre man sonst davon abgekommen, das stark verdichtete Auffädeln von Türmen an ausgewiesenen Hochhausachsen („Speerplan“ 1983) keine sieben Jahre später durch einen Pulkplan zu ergänzen. Und ist es heute tatsächlich sinnvoll, anstelle von Grundstücken ganze Gebiete als mögliche Standorte auszuweisen?

Deutlich skizziert die Ausstellung ein Stück Frankfurt-Historie. Christoph Mäcklers nobler Sanierung des City-Hochhauses am Platz der Republik ist (selbstredend) nicht mehr anzusehen, dass sich an dem Ursprungsbauwerk der antikapitalistische Zorn austobte, als aus dem City-Haus im August 1973 die Flammen schlugen. Und nicht allein solcher Protest, auch das antisemitische Ressentiment johlte gegen den jüdischen Investor.

Frankfurt erschien als die Inkarnation einer verfehlten Stadtentwicklung, Mainhattan, das war ja nicht nur ein inflationär gebrauchter Gemeinplatz, wo doch Frankfurt tatsächlich zum Schauplatz einer vollkommenen Umwertung aller urbanen Werte wurde, das Westend an erster Stelle zum von der Politik artig eingehegten Tummelplatz rücksichtsloser Spekulation. Ein rabiater Fortschrittsfuror hegte zudem die irrwitzigsten Pläne.

So tat sich etwa das nicht unbekannte niederländische Büro van den Broek und Bakema damit hervor, dass es Teile der bestehenden Innenstadt nicht nur irrwitzig überbauen, sondern auch mehrstöckig untertunneln und unterkellern wollte. Die Stadt sollte als widerspruchsvoller Lebensraum ausrangiert und als lupenreiner Funktionsraum einrangiert werden. Frankfurt sah sich solchen Attacken immer wieder ausgesetzt, flugzeugträgerartige Megakonstruktionen wurden immer wieder erdacht, ob nun für die „Überbauung“ der 220 Meter langen und 23 Meter hohen historischen Großmarkthalle oder den Hauptbahnhof.

Zur ungestümen Hochhausgeschichte Frankfurts gehört auch seine ungestüme Abrissgeschichte. Nein, nicht nur die des AfE-Turms, in diesem Jahr erst, wie zu sehen in einem spektakulären Video, das zeigt, wie Beton zu Staub wird. Nicht zu vergessen die Niederlegung des 1962 fabelhaften aber nach nicht einmal 50 Jahren funktionsuntüchtigen Zürich-Hochhauses.

In Frankfurt haben sich große Architektennamen am Hochhaus versucht und im Wolkenkratzerbau verwirklicht – die heimliche Großmacht Frankfurts, keine Frage, ist der Frankfurter Christoph Mäckler, angefangen mit seinen Frankfurt-Projekt aus den 80er Jahren, als er die Boomtown zum Experimentierfeld von markant verteilten Hochhaus-Dominanten machte.

Es waren unhaltbare Fantasiegebilde aus dem Geist eines ästhetisch-geometrischen Willensakts, die Visionen belebten die kühnsten Gebilde des russischen Konstruktivismus. Zugleich illustriert die DAM-Schau, dass Mäckler in den letzten Jahren mehrere prägnante Turmbauten hat verwirklichen können. Mit seinen Vorhaben für ein „Maintor-Panorama“ kommt er auf seine 25 Jahre alten Ideen expressiv zurück – wie nicht zuletzt eine sehr schöne Handzeichnung zeigt. (Sie ist dem einst heftig bekämpften Widersacher und wegen des Umgangs mit der Großmarkthalle als Vatermörder titulierten Wolf Prix gewidmet. So offenbart sich in dieser Schau auch eine große Versöhnung).

Wahrhaftig extrem unberechenbar, so kann es auch nachgelesen werden im Katalog, ist der Hochhausbau in besonderer Weise. Nicht Planung und Politik behaupten die Lufthoheit über den Wolkenkratzerbau, vielmehr ist es „der Markt“, der seine kapitalen Interessen durchsetzt. Zum Katalog ist obendrein zu sagen, dass er ganz bewusst als Handbuch konzipiert wurde, und das Wort ist allemal angebracht, denn man kann ihn zur Hand nehmen, um sich von ihm mit Sinn und Verstand durch die Hochhausstadt führen zu lassen.

Erinnert sei indessen auch an ein anderes Büchlein, Ulf Jonaks „Die Frankfurter Skyline“, ein Standardwerk, kaum größer als eine Postkarte, zugleich filigran geschrieben, das bereits 1993 im Untertitel deutlich machte, dass sich die Entwicklung Frankfurts nur in Widersprüchen denken und beschreiben lässt: „Eine Stadt gerät aus den Fugen und gewinnt an Gestalt“. Das Buch las die Hochhauswelten als Parallelwelten, in den Türmen versinnbildlichte sich ein „geradezu stehpartyartiges Gedränge“ – und das dürfte auch auf zukünftige Wohntürme zutreffen.

So sinnvoll es ist, nach amerikanisch-asiatischem Vorbild auch in Frankfurt Türme nicht ausschließlich als gestapelten Büroraum zu nutzen, angesichts horrender Quadratmeterpreise von bis zu 13 000 Euro ist das Versprechen, mit den Wohntürmen halte „Urbanität“ Einzug in die Parallelgesellschaftswelten arglistiger Begriffsbetrug.

Nicht zuletzt illustriert die Ausstellung den zukünftigen Wohnturmtummelplatz Frankfurt. Auch er wird, von vornherein als exklusive Zitadellen geplant, den Unterschied zwischen vertikaler und horizontaler Lebenswelt zuspitzen, die Entzweiung von hoch und niedrig auf rigorose Weise sinnfällig machen, solange Urbanität als PR-Slogan unter die Leute gebracht und nicht als sozialpolitische Verpflichtung verstanden wird.

Deutsches Architekturmuseum: Frankfurt: bis 19. April. Der sehr nützliche Katalog ist im Prestel Verlag erschienen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Abgespielt

Auch das ist, liebe Leser, ein Gerät, mit dem man Ton abspielen kann.

Heute erklären wir unseren jungen Lesern, wie (vor allem: was) man einst bespielte. Inzwischen ist das sprachlich betrachtet Kinderkram. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 27. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 27. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 26. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 26. September 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps