kalaydo.de Anzeigen

Frankfurt: Kurz und schmerzlos

Den Suhrkamp-Verlag zieht es nach Berlin - aber öffentlich ziert er sich noch ein bisschen. Von Peter Michalzik

Suhrkamp in der Frankfurter Lindenstraße - noch. Demnächst gehts nach Berlin.
Suhrkamp in der Frankfurter Lindenstraße - noch. Demnächst gehts nach Berlin.
Foto: Boeckheler

Irgendwann wird jedes Partythema langweilig. Zwei Wochen lang haben uns der Suhrkamp Verlag und sein möglicher Umzug nach Berlin wunderbar unterhalten, aber jetzt ist auch mal wieder gut. Also bitte geht jetzt! Sie wissen doch eh schon, dass Sie gehen wollen, liebe Frau Unseld-Berkéwicz (die Verlegerin), dann machen Sie die Entscheidung jetzt auch öffentlich und holen damit den Versuchsballon der öffentlichen Diskussion wieder ein: Nein, Suhrkamp wird nicht geköpft werden, wenn der Verlag nach Berlin geht, das hat die Diskussion doch hinlänglich erwiesen.

Das symbolische Kapital, so haben die Reaktionen auch gezeigt, wird ebenfalls nicht verspielt werden. Dazu ist die Verbindung zwischen Frankfurt und Suhrkamp schon seit längerer Zeit viel zu marginal geworden. Das ist ein entscheidender Punkt: Man fragt sich inzwischen, wohin Suhrkamp überhaupt feste Bindungen hat. Zu den Autoren, ja gut, von denen leben viele in Berlin, aber ein kulturelles Milieu spiegelt sich im Suhrkamp-Programm schon lange nicht mehr wieder. Eher zeigte die Diskussion, dass das kulturelle Kapital, auf das man bei Suhrkamp so bedacht ist, auch nicht mehr das ist, das es einmal war. Also beenden Sie bitte die für alle quälende Diskussion!

Frankfurt scheint im Moment von der Nachricht geschockt. Man kann sich die Stadt ohne Suhrkamp schwer vorstellen. Aber der Verlust wird Frankfurt längst nicht so sehr schaden, wie die Stadt im Moment selbst meint. Was soll so schlimm sein, wenn ein Unternehmen mit bald unter hundert Mitarbeitern die Stadt verlässt? Ein finanzielles Gegenangebot zu den Berlinern scheinen die Frankfurter Stadtoberen Suhrkamp nicht unterbreiten zu wollen. Das ist achtbar, wo es doch gerade so in Mode ist, das Geld unter die Unternehmen zu streuen.

Für Frankfurt, das immer noch auf die glorreiche Vergangenheit der siebziger Jahre zwischen Suhrkamp und Joschka Fischer, fixiert ist, wäre der Weggang von Suhrkamp zwar schmerzlich, aber auch eine kulturelle Chance. Diese kulturelle Neuerfindung der Stadt ist in der Tat überfällig. Frankfurt könnte sich ernsthaft fragen, welche Kultur diese internationale, vom Geld geprägte, schnelle Stadt eigentlich heute hervorbringen kann und welche Kultur ihre Bewohner heute haben wollen. Nostalgische Gefühle für Adorno und Habermas finden dann in dieser Frankfurter Kultur sicher auch ihr Plätzchen.

Die negativste Folge der Berliner Abwerbung könnte eine ganz andere sein als ein Schaden für Frankfurt. Man könnte jetzt überall im Land auf die Idee kommen, sich woanders nach kulturellen Prestigeobjekten umzusehen. Würde vielleicht, hallo Köln, der Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht ganz gut nach Frankfurt passen? Die haben zwar keine finanziellen Schwierigkeiten. Aber wir können ja warten, was die Finanzkrise so bringt. Oder wie wäre es mit dem Münchner Hanser-Verlag? Auch ein sehr schönes Haus. Nein, die Berliner Staatsoper wollen wir nicht haben, die macht nur viel Ärger und ist zu teuer. Aber vielleicht könnte man die Frankfurter Theatermisere nach so vielen Jahren dadurch lösen, dass man das Deutsche Theater von Berlin Mitte an den Main verpflanzt? So könnte jede Stadt ins Nachdenken kommen.

Geld spielt dabei keine Rolle. Welcher Topf war das jetzt noch mal, aus dem diese Infrastrukturmaßnahmen bezahlt werden? Der müsste doch für unseren Fall passen. In irgendeinem der vielen Förderfonds, die zurzeit aufgelegt werden, werden sich die Mittel jedenfalls schon auftreiben lassen, um sich kulturelle Neuansiedlungen bezahlen zu lassen. Früher hieß das übrigens schlicht Abwerbung, was hier geschieht, heute läuft das unter Kulturförderung. Bisher wurde Unternehmensabwerbung global gespielt, jetzt, wo es mit der Globalisierung nicht mehr so richtig klappt, heißt das Spiel: Kulturabwerbung national.

Neben der ansprechenden Immobilie, die Suhrkamp in Berlin in Aussicht gestellt wird, geht es offenbar auch um einen beträchtlichen Geldbetrag, der dem Verlag bei einem Umzug aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, kurz EFRE, zufließen soll. EFRE ist dazu da, regionale Ungleichgewichte einzuebnen. Ist doch interessant, dass Berlin meint, kulturell ein strukturschwaches Gebiet zu sein. Die Stadt scheint jedenfalls keine Skrupel zu kennen, das Europa-Geld für den Suhrkamp-Verlag auszugeben. Aber nicht jede Kommune bekommt die Fördermittel, die das arme Berlin bekommt.

Gestern gab es im Suhrkamp Verlag eine Betriebsversammlung. Eine Entscheidung wurde auch hier nicht bekannt gegeben. Bis Mitte Februar aber, so ist zu hören, möchte sich die Verlegerin erklären. Thomas Sparr, einer von drei Geschäftsführern des Verlags, war übrigens nicht bei der Betriebsversammlung. Er soll in Berlin gewesen sein. Vielleicht sieht er sich schon die neuen Räumlichkeiten an.

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  29 | 1 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Interview Organspende-Regelung 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.