Einerseits ist das der reinste Charles-Dickens-Roman. Hier umschlingen dürre Kinderarme eine abgehärmte Wartende. Dort hantiert der tückisch linsende Helfershelfer des Bösen mit seinen Spinnenfingern. Und da wird eine Mutter von ihrem Baby weggerissen. Sie hat sich zu Boden geworfen und reckt den Arm so weit sie kann, aber ach, der Schuft, der sie gepackt, hat schon die Oberhand gewonnen. Der vom Opium geschwächte Oberschuft, erfährt man, brauchte zur Stärkung jede Menge Muttermilch.
So etwas hätte sich Dickens andererseits niemals ausgedacht. Und das Gesicht der Frau stammt keineswegs aus einem englischen Sozialroman des 19. Jahrhunderts. Schon runzelt sie die Augenbrauen, Verzweiflung ist von Wut ja kaum noch zu unterscheiden. Das ist das Gesicht einer bevorstehenden Revolution.
Die Szene spielt im Palasthof eines Großgrundbesitzers im feudalistischen China. Die Bauern müssen hier ihren Pachtzins einreichen. Sie werden schikaniert, übers Ohr gehauen und misshandelt. Es gibt Fotos, auf denen man Menschen sehen kann, die in den sechziger und siebziger Jahren weinten, als sie sich ihre eigene Vergangenheit anschauen. Aber es ist kaum denkbar, dass sie nicht auch lachten angesichts des Wüterichs, der so elegant auf einem Bein balanciert, als tänzele er fürs Theater. Die Skulpturengruppe "Hof für die Pachteinnahme" ist ein unterhaltsames, effektvolles Bühnenstück. Es gibt viel zu reden, wenn man es sich anguckt.
Wer aber Glück hat, ist für ein paar Momente allein mit diesen 103 Lebensgroßen. Sie sind wie soeben erstarrt. Es ist genau wie in dem Roman "42" von Thomas Lehr: Für alle anderen ist mitten im Leben von einer Sekunde zur nächsten die Zeit stehengeblieben, nur man selbst bewegt sich noch. Oder umgekehrt. Nun kann man in Ruhe das ewig gewordene Leben anstarren und sich zugleich grausen vor der Stille, aber auch vor der Wucht der festgefrorenen Ereignisse. In der Schirn Kunsthalle in Frankfurt wirken sie auf den ersten Blick wie eine völlig außer Tritt geratene Abteilung der Terracotta-Armee (aber nur, weil das die einzigen chinesischen Skulpturen sind, die jedermann in Europa kennt). Auf jeden Fall wie eine Prozession.
Dreidimensionales Bilderbuch
Das liegt daran, dass der Ausstellungsraum ein langer Gang ist - weiß und grau, was es noch leichter macht, hier Kunst zu sehen -, links die 103 Figuren, rechts das Publikum. Dass man nicht zwischen den Skulpturen laufen darf, ist bitter. Und nie werden wir dem gleichmütigen Wächter ins Auge schauen können, der müßig auf die Zagenden blickt. Denn in der Prozession ist schwer was los.
Bald orientiert man sich und weiß auch schon vorab zu viel. Würde aber eine uninformierte Schulklasse Aufsätze über dieses dreidimensionale Bilderbuch schreiben müssen, lägen die meisten vermutlich ohnehin richtig. Als Erstes (hinten in der Prozession) sieht man die Wartenden, dann die, die ihr Korn in eine Maschine geben müssen, die die Spreu vom Weizen trennen soll. Ein Bauer, der wütend in die von der Maschine ausgespuckte Masse gegriffen hat, trägt geradezu eine mit Vorwürfen gefüllte Sprechblase mit sich. Dann wird gemessen, aber Mienen und Gesten lassen ahnen, dass es auch hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Zur Ungerechtigkeit kommt der Betrug.
Kunst, die was will
Ist das nicht Propaganda? Selbstverständlich ist es das. Ist das nicht sozialistischer Realismus nach sowjetischem Vorbild? Gewiss, aber nicht nur. Die Künstler (dazu mehr auf den nächsten Seiten) gaben sich große Mühe, jede Figur individuell zu gestalten - wobei, so die Frankfurter Kuratorin Esther Schlicht, die hier gezeigte Fiberglas-Fassung noch feiner gearbeitet sei als das Original. Fein gearbeitet ist sie in der Tat, Haut und Haare zum Greifen, und aus dem Augenwinkel wird man Lebende und Fibergläserne bald verwechseln. Die schwarzen Glasaugen, lernen wir, kommen ebenso aus der religiösen und der Volkskunst wie das Material des Originals, Trockenton. Charakteristischerweise verliert sich die Individualität am Ende, als einige Burschen mit geschwellter Brust abgehen. "Nur bewaffnete Revolution wird all die sündhaften ,Höfe für die Pachteinnahme in der Welt völlig niederreißen", kommentiert an dieser Stelle ein deutschsprachiges Bildbändchen von 1968. Das heutige China, das machte die Pressekonferenz in Frankfurt klar, will am liebsten nur noch das Kunstwerk betrachtet wissen. Esther Schlicht wies darauf hin. Direkt danach sagte Feng Bin, Direktor des Kunstmuseums der Kunstakademie Sichuan (dem die "Reisefassung" gehört), man solle doch bitte vor allem das Kunstwerk betrachten.
In einer "Hauptsache-Kultur"-Sendung des HR lief kürzlich ein Beitrag, aus dem hervorging, dass Filmautor Samuel Schirmbeck und sein Team beim Drehen am Ort des Originals von "Sicherheitskräften" angegangen wurden. Es zeigte sich, dass der Lokalvertreter befürchtete, man wolle einen Zusammenhang zwischen den Untaten des Feudalherrn und dem heutigen Regime herstellen. Das alte DDR-Brecht-Problem.
Ohne das zu vergessen, sehen wir große Oper. Oper mit ambitionierter Personenführung. Dass Operngesten üppiger ausfallen, als es der Alltag vorsieht, macht sie nicht weniger wahr. Außerdem bleibt dem Künstler, vor allem, wenn er was will, nichts anderes übrig. Wie sonderbar sehen wir daneben aus, inzwischen eine große Gruppe, die Arme schlaff hängend eng am Körper. Alles in Farbe, völlig leblos.
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