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Frankfurter Buchmesse: Gut geklaut heißt: Bestseller in spe

Der ganz normale Wahnsinn: Beim Schlussspurt zwischen Torhaus und Messehalle ist es proppenvoll - auch wenn im Büchertempel statistisch wohl weniger Menschen unterwegs waren als im vergangenen Jahr. Von Danijel Majic

Gefundenes Fressen.
Gefundenes Fressen.
Foto: Arnold

Für Klaustrophobiker ist das Messetorhaus am Sonntag keine gute Adresse. Der letzte Publikumstag der Buchmesse lockt schon am frühen Vormittag die Besucher in Scharen auf das Messegelände. Doch vor dem Eintritt steht für alle Neugierigen zunächst der beschwerliche Gang durch die "hohle Gasse" der Sicherheitskontrollen. Das gilt auch für Elfen und Fantasy-Krieger.

"Ich bin eine leidenschaftliche Leserin", behauptet Jennifer, an den Rücken ein Paar Schmetterlingsflügel geheftet. Ihr Begleiter Michael liest, wie er sagt, vor allem "Fantasy" und führt als Teil der Verkleidung eine Langschwertattrappe mit sich, die von den Polizisten jedoch nicht weiter beachtet wird. Sie sind nicht die ersten Kostümierten, die an diesem Tag den Weg zur Buchmesse finden.

"Cosplay" nennt sich der aus Japan stammende Trend, Manga- und Videospielfiguren nachzuahmen. Am Nachmittag soll auf der Buchmesse der Deutsche Meister im "Cosplay" gekürt werden. Hunderte bunter Gestalten bevölkern den ganzen Tag das Gelände und nutzen, wie Jennifer und Michael, die Gelegenheit, nebenbei auch einen Blick auf andere literarische Gattungen zu werfen. Ein erster Hinweis darauf, dass es bei der Buchmesse längst nicht mehr nur um Bücher geht.

In den ersten vier Tagen verzeichnete die größte Buchmesse der Welt einen Besucherrückgang von rund vier Prozent. Und auch an diesem Sonntag sollen dem Vernehmen nach spürbar weniger Menschen zwischen Messetorhaus und Festhalle unterwegs sein als in den vergangenen Jahren. Schwer zu glauben, angesichts der proppenvollen Gänge und Korridore, den Staus an den Infotheken, Toiletten, Rolltreppen. Das Security-Personal hat alle Hände voll damit zu tun, den Menschenstrom in geordnete Bahnen zu lenken. "Bitte außen rum!", heißt es jedes mal, wenn jemand versucht die Abkürzung zwischen zwei Rolltreppen zu nehmen.

Beim Insel-Verlag liegen gleich mehrere Exemplare von Jürgen Habermas´ "Die neue Unübersichtlichkeit" aus. Ein Titel, der in Halle 4.1 gut Programm sein könnte. Die Stände der großen Deutschen Verlage reihen sich hier einander. An den meisten stehen die Bücher am Sonntag erstmals zum Verkauf. Entsprechend groß ist der Andrang. In dem Gedränge bieten die Stände selbst kaum Orientierung. Cafés, Snackbars und Zeitungskioske müssen als Landmarken herhalten.

Zu denen, die in dem scheinbaren Chaos den Überblick behalten, zählt Marisa Wirth vom Insel-Verlag. Ein Auge ist immer auf die Ausstellungsregale gerichtet, denn wie jedes Jahr zählt der Bücherdiebstahl auch diesmal zu den beliebtesten Nebentätigkeiten auf der Buchmesse. "Aber heute habe ich noch keinen erwischt", erklärt die Verlagskauffrau, für die dies bereits die fünfte Buchmesse ist. "Letztes Jahr war es schlimmer. Und außerdem wissen wir inzwischen: Die Titel, die am häufigsten geklaut werden, sind die Bestseller im Weihnachtsgeschäft." Die Lücken im Sortiment, ein positives Zeichen - so oder so.

Einige Stände weiter nimmt Micki vom Goliath-Verlag die Sache mit den gestohlenen Büchern nicht ganz so locker. Sein Arbeitgeber hat sich auf erotische Bildbände spezialisiert und die erfreuen sich bei Messelangfingern besonderer Beliebtheit. "Wahrscheinlich ist es vielen peinlich, die zu kaufen", sagt Micki etwas zerknirscht. Trotz allem komme er gerne nach Frankfurt. "Schon allein, weil man hier die ganzen Leidensgenossen trifft."

Zwischen den Hallen hetzen Kamerateams hin und her. Schauspieler und Sänger Ben Becker schleicht um das "Blaue Sofa", wo er sich in weniger Minuten den Fragen des ZDF-Kulturmagazins "Aspekte" stellen wird. Auch hier hat sich längst eine Menschentraube gebildet. Zwischen den Vorbeieilenden haben es sich Nadine Heinz und Stephanie Faßbender auf dem Boden bequem gemacht. Auch sie gehören zur Fraktion der "Cosplayer", wirken jedoch mit ihren einfachen japanischen Kostümen im Vergleich zu anderen eher dezent.

Noch sind es fast zwei Stunden bis zum Finale der Cosplay-Meisterschaft - Zeit für einen kleinen Imbiss, auch wenn sie noch nicht genau wissen, wo sie eigentlich hin müssen. "Das ist wirklich schon sehr groß hier", sagt Stephanie, "da bleibt nur: durchfragen."

Im Vergleich zum Trubel auf Ebene Eins wirkt das Pressezentrum fast wie ausgestorben. Ein paar erschöpfte "Cosplayer" sind vor dem Eingang zur Presselounge eingeschlafen. Hier stört sie fast niemand, die meisten Journalisten hetzen mit der Masse der Messebesucher über das Gelände. Hinter dem Informationsschalter wartet eine Angestellte auf Kundschaft, die irgendwann einmal kommen mag. Ein "Fact-Sheet" weist für die ersten vier Messetage rund 227000 Besucher aus - die Zahlen für Sonntag liegen noch nicht vor. Irgendwo in den unteren Ebenen brandet tosender Applaus auf, der die Kostümierten am Eingang aus dem Schlummer reist. "Eigentlich ein ganz normaler Messetag", sagt die Dame am Informationsschalter.

Autor:  Danijel Majic
Datum:  19 | 10 | 2009
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