Peking. Erneut ist China steht China im Visier der Kritik. Die Vorlage ist allzu verlockend und moralisch kann man scheinbar gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den chinesischen Gastlandauftritt bestätigt.
Die Debatte, ob die Volksrepublik Gelegenheit bekommen sollte, sich bei der wichtigsten Veranstaltung des internationalen Verlagswesens darzustellen, wird in den kommenden Wochen nun mit ähnlicher Schärfe geführt werden wie der Disput um Pekings Olympische Spiele im vergangenen Sommer.
Am Wochenende kam es auf dem China-Symposium der Buchmesse in Frankfurt zum Eklat. Die Leitung der Buchmesse hatte die Umweltaktivistin Dai Qing und den Lyriker Bei Ling eingeladen. Die chinesische Delegation, vor allem der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland, Mei Zhaorong, wollten nicht hören, was die beiden zu sagen hatten. Der Botschafter gab das Signal zum Auszug der chinesischen Delegation.
Die Entschuldigung der Buchmesse galt der Delegation. Was als Skandal bekonnen hatte, endete in einem Fiasko. War es doch auch der deutsche PEN, der sich nicht entschieden genug für den Meinungsaustausch und die -freiheit einsetzte.
Selbst Schuld! Denn Chinas Regierung hat - insbesondere im Umgang mit der Pekinger Schriftstellerin Dai Qing - nicht nur gegen Gesetze von Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit verstoßen, die laut Verfassung eigentlich auch in der Volksrepublik gelten sollten. Die zuständige Behörde für Presse und Publikation (GAPP) hat darüber hinaus alle Standards guter Öffentlichkeitsarbeit missachtet und erst viel zu spät erkannt, dass ihre Fundamentalopposition gegen Dais Auftritt alle bisherigen Bemühungen um ein positives Chinabild auf einen Schlag zunichte macht.
Damit haben sich die chinesischen Gastlandorganisatoren als das entlarvt, was sie sind: eine Zensurbehörde, die abweichende Meinungen vernichtet, statt sie zu fördern und über sie nachzudenken. Egal ob China seine Delegation zurückzieht oder nicht - die Konferenz, an der sich der Konflikt entzündet hat, ist nicht mehr zu retten. Es ist nicht schade darum, denn die öffentliche Debatte, die sich um die Buchmesse entwickelt hat, ist allemal mehr wert als das politisch korrekte Programm der Organisatoren.
Schließlich soll es um Völkerverständigung gehen - und im Streit lernt man mehr über einander als in höflichen Podiumsdiskussionen. Dennoch wäre es schade und schädlich, wenn sich der Diskurs über Chinas Gastlandauftritt nach diesem Wochenende weiterhin auf die Frage zugespitzt bliebe, ob und in welcher Funktion kritische Autoren rund um die Buchmesse in Erscheinung treten.
Zwar wird und muss die Frage der chinesischen Meinungs- und Pressefreiheit eine zentrale bleiben. Aber sie lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten, sondern nur mit einem für alle Seiten unbefriedigenden Jein.
Der Fall Dai Qing ist dafür das beste Beispiel: Dass in der Volksrepublik Autoren wie Dai leben und arbeiten, beweist, dass zwischen dem Kontrollwahn der Kommunistischen Partei und dem westlichen Wunschbild eines freien China eine Menge Platz ist. Seit drei Jahrzehnten geht die Journalistin in ihren Büchern und Texten über Themen, die von Umwelt bis zu Geschichte reichen, den Weg kompromissloser Wahrheitsliebe.
Es ist ein schwieriger Weg voller persönlicher Entbehrungen und Gefahren. Aber gerade deshalb hat Dai es verdient, mehr zu sein als eine Reizfigur für die einen und eine Galionsfigur für die anderen. Aber wer von denen, die sich nun mit mehr oder weniger großer Geste auf ihre Seite schlagen hat je einen ihrer Texte gelesen - oder es jetzt ernsthaft vor? Die Buchmesse bietet dazu Gelegenheit.
Es ist eine einmalige Chance, Dai und dutzende andere chinesische Autoren, von denen im Westen außerhalb eines kleinen Kreises von Chinakennern noch nie jemand gehört hat, erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Es lohnt sich hinzuschauen - und zwar nicht nur bei denen, die das Gütesiegel der Regimekritik tragen. Man muss kein Freiheitskämpfer sein, um wertvolle Literatur zu verfassen.
So enthält auch die offizielle Schriftstellerdelegation, deren 130 Autoren dieser Tage häufig als "linientreu" gebrandmarkt werden, ausgezeichnete Literaten wie Mo Yan, Yu Hua oder Li Er. Zwar mögen prominente Namen wie Dai Qing oder der des Nobelpreisanwärters Yan Lianke fehlen - aber auch ihre Werke werden in Frankfurt an den Ständen ihrer ausländischen Verlage präsent sein.
Und sie hatten noch nie eine bessere Chance, weiter übersetzt und in Umlauf gebracht zu werden. Denn das ist das Wesen der Buchmesse: Sie ist nicht nur ein Buchfest, sondern in erster Linie ein Marktplatz für Verlage. Einige Meinungsführer und -macher finden das anrüchig: Kultur soll rein und pur sein, nicht kommerziell. Als ob es so einfach wäre.
Da China wie in allen Bereichen der Wirtschaft auch im Publikationsgeschäft ein großer Markt und Marktakteur ist, sind die Verlage aus der Volksrepublik seit Jahren Teil der Buchmesse. Dass sie dieses Jahr im Fokus der Öffentlichkeit stehen, ist eine Chance, wie sie so schnell nicht wieder kommt. Wenn man sie nutzt, kann etwas Gutes daraus entstehen. Deswegen der dringende Appell: Schluss mit schwarz und weiß - mehr Grautöne bitte!
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