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24. Juni 2010

Frankfurter Liebieghaus: Der doppelte Körper der Macht

 Von Arno Widmann
Der große Sahure neben dem erstaunlich kleinen Regionalgott.Foto: Bruce White/Metropolitan Museum oft Art

Eine archäologische Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus behandelt zwischen altehrwürdigen Steinen durchaus auch aktuelle Fragen. Von Arno Widmann

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Sahure? Nie gehört. Ein Pharao der der fünften Dynastie. Er soll von 2490 bis 2475 vor unserer Zeitrechnung regiert haben. Im Frankfurter Liebieghaus ist von heute an in einer Ausstellung zu besichtigen, was von ihm übrig geblieben ist und was man über ihn weiß. Zum Beispiel der thronende Sahure mit einem kleinen Gaugott an seiner Seite aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Dazu kommen Stücke, die das Umfeld Sahures dokumentieren aus dem Louvre, aus Kairo, aus Berlin und München. Dazu kommt noch eine kleine Dokumentation der Arbeit des entscheidenden Wiederentdeckers von Sahure: Ludwig Borchardt (1863-1938), der die große Grabanlage des Pharao noch vor dem ersten Weltkrieg erforschte.

Der heutige Pharao der ägyptischen Altertümer, Zawi Hawass, der auch selbst in Abusir grub und gräbt, preist im Katalog Borchardts Arbeit: "Lässt man einmal seine Rolle bei der Ausfuhr der Nofretete-Büste aus Ägypten beiseite, war Borchardt einer der bedeutendsten Archäologen des 20. Jahrhunderts."

"Sahure - Tod und Leben eines großen Pharao" ist eine einzartige Ausstellung geworden. Vor allem natürlich wegen der Pracht der ausgestellten Stücke. Vor allem die Reliefs, auf denen Opferszenen, Auszahlung der Schiffsmannschaften, Götterprozessionen und Ähnliches zu sehen sind, sind von einer nur selten in der Geschichte der Bildhauerkunst erreichten Feinheit. Der Besucher muss nahe herangehen, um zu sehen, wie genau die Handwerker vor viereinhalb Jahrtausenden arbeiteten. Zitternde Nasenflügel wurden aus dem Stein geschlagen. Die Federn eines Kopfschmucks, die feinsten Zweige eines Baumes. Man wird heute kaum jemanden finden, der das so gut kann. Es muss damals aber Tausende Bildhauer gegeben haben. 10000 Quadratmeter, schätzen die Archäologen, soll der Bildschmuck in der Tempelanlage des Sahure betragen haben. Und dazu noch die Maler. Denn der weiße Kalkstein dieser Reliefs war bemalt. Nahezu jeder Quadratzentimeter.

Ein Modell der Anlage vermittelt auch einen Eindruck vom Totenkult. Die Leiche des Pharao wurde über einen Nilkanal an die Anlegestelle und von dort in den Taltempel gebracht. Der Aufweg verband den Taltempel mit dem Pyramidentempel, der über eine Scheintür mit der Pyramide verbunden war. Diese Scheintür trennt das Reich der Toten von dem der Lebenden und verbindet die beiden zugleich. Denn der Geist des Pharao kann den massiven Kalkstein durchschreiten.

Die Anlage ist etwa einen halben Kilometer lang und übertrifft damit die Grabanlage des Königs Chephren deutlich. Die Pyramide des Sahure war allerdings kleiner als die des Cheops. War diese noch von einer himmelstürmenden Monumentalität, so überwältigte die Grabanlage Sahures durch ihre Ausdehnung in der Fläche. Sahures Anlage gab über Jahrhunderte das Modell ab für ägyptische Herrschaftsarchitektur. Seine Tempelanlage prägte die spätere Entwicklung. Man wüsste gerne, was hinter diesem Paradigmenwechsel stand. Welche Konzeption dazu führte, dass man dem Himmelsgott Re nicht mehr so weit wie möglich entgegenkam, sondern eine breite Landebahn schuf für die Gottheit.

Und warum überzeugte das auch die Nachwelt? An den Kosten kann es nicht gelegen haben. Die Archäologen sind sich sicher, dass die Anlage Sahures nicht billiger, sondern wahrscheinlich deutlich teurer war als die des Cheops. Es wird wohl theologische Begründungen oder doch jedenfalls Legitimationen für diesen so augenfälligen Wechsel in der Ästhetik des Totenkultes gegeben haben.

Aber nicht nur die Anlage als Ganze setzte Maßstäbe. Auch einzelne Reliefs wurden in späteren Jahrhunderten Vorbild. Die linke Wand im großen Saal der Ausstellung vermittelt - in Repliken von in Berlin aufbewahrten Reliefs - eine Vorstellung von der überwältigenden Wirkung, die diese Anlage auf Besucher gehabt haben muss. Wer näher heran tritt, erkennt die Quadrate, die in den Stein eingezeichnet wurden, um den Kopisten die Arbeit zu erleichtern. Unsere Verblüffung über die Detailfreude und die Detailgenauigkeit dieser Reliefs ist nicht neu. Schon die alten Ägypter standen staunend vor diesen Steinen und versuchten sie zu imitieren.

Die Ausstellung stellt uns eine der größten Kultanlagen der Menschheit vor. Dafür ist sie etwas klein geraten, könnte man sagen. Aber auch wenn sie zehn Mal so groß wäre, wäre sie immer noch winzig im Vergleich zum Original. Das soll ein Museum werden. Aber es ist nicht damit zu rechnen, dass das in ein paar Jahren schon auch nur einen annähernd klaren Eindruck von dem, was Sahures Grabstätte einmal war, wird vermitteln können. Wer sehen möchte, wie der Glaube, ein von einem Pharao - sagen wir einmal etwas euphemistisch - beflügelter Glaube, Berge versetzt und schier Unmögliches möglich macht, der muss ins Liebieg-Haus nach Frankfurt. Und wer wissen will, mit welcher Begeisterung wohl eher ungläubige als gläubige Berliner und Frankfurter Juden des frühen 20. Jahrhunderts die Überreste dieses alle Dimensionen sprengenden Totenkultes ausgruben und veröffentlichten und dafür sorgten, dass die Menschheit wieder von diesen verlorenen Schätzen weiß, muss auch ins Liebieghaus.

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