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23. März 2012

Frankfurter Musikmesse: Das kulturelle Herz pocht heftiger

 Von Hans-Jürgen Linke
Eine Firma kann sich schick präsentieren, aber ohne ein entsprechend sozialisiertes Publikum findet sie keine Abnehmer.  Foto: dapd

Abhängigkeiten in der Musikindustrie: Bei Verlegern und Autoren, Journalisten und Intendanten, Orchesterleitern und Kulturfunktionären. Alle sind abhängig von Subventionen. Das behauptet zumindest ein neues Buch. Die Frankfurter Musikmesse in Zeiten einer Subventions-Diskussion

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Wir sehen uns!“ Das ist vermutlich der meistgesagte Satz auf jeder Messe, und erst recht auf der Frankfurter Musikmesse. Messen bestehen zu nicht unwesentlichen Teilen daraus, dass man sich sieht und später noch mal sieht. Und dann ein Jahr lang nicht mehr.

Der meistgesagte Satz ist auf der Musikmesse zugleich sicher auch der meistüberhörte Satz. Er gehört zum Begrüßungsritual wie das „Hallo, wie geht’s“. Er wird gesagt, während zweieinhalb Meter weiter gerade ein Schlagzeugsolo beginnt oder eine elektrische Gitarre gequält oder ein Klavier gespielt wird. Er wird gesagt, wenn man schon den ganzen Tag damit verbracht hat, Schlagzeugsoli, gequälte E-Gitarren und gespielte Klaviere zu erleben und weiß, dass der nächste Tag nicht sehr viel anders aussehen wird. Wer diesen Satz sagt, wird ihn wieder sagen, tagelang.

Die Frankfurter Musikmesse ist eine Industriemesse, auf der die internationale Musikindustrie, einschließlich der Bühnentechnik, aber ohne die Tonträger-Branche, sich und ihre neuen Errungenschaften präsentiert. Die größte spielbare Violine wartet hier auf das neugierige Wochenend-Publikum, oder eine E-Gitarre, die wie ein Schlagzeug klingt (während das Schlagzeug, das wie eine E-Gitarre klingt, offenbar noch ein bisschen auf sich warten lässt). Malerische Rockmusiker und deren als malerische Rockmusiker verkleidete Verehrer begegnen einander und interessieren sich für die gleichen Gegenstände. Die Gegenstände sind Musikinstrumente und Effektgeräte, und sie müssen erprobt werden. Das führt auf der Musikmesse zu einem gewissen Lärmpegel, der von Halle zu Halle in Punkto Klangeigenschaften und Dynamik variiert. Natürlich geht es bei den verstärkten Gitarren am wildesten zu, aber man sollte Klaviere nie unterschätzen.

Am beschaulichsten stellt sich das Geschehen noch in der Halle 3 dar. Zwar gibt es im Erdgeschoss auch Drumsets, aber im ersten Stock wird es geradezu besinnlich. Hier residieren die Verlage, die Verbände und die internationalen Musikinformationszentren. Sie versorgen den Musikmarkt vergleichsweise diskret mit Noten, mit Informationen und mit Zusammengehörigkeit. Rund um die Verlage hat die Frankfurter Messe fast nur Stände mit akustischen Gitarren und anderen hölzernen Instrumenten platziert, dazu die bei der Lautstärke überaus zurückhaltenden Akkordeon-Szene.

In der Halle 3 schlägt das kulturelle Herz der Messe, und es pulsiert in diesem Jahr etwas aufgeregter als sonst. Daran ist kein neues elektronisches Gerät zur Verbesserung der Bühnenperformance verantwortlich, sondern ausgerechnet ein Buch. Es stammt von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz, beschäftigt sich auf provokante Weise mit der subventionierten Kultur in Deutschland und wird allenthalben diskutiert, auch in der FR. Die meistgehörten Meinungen dazu auf der Messe sind, nach einer nicht-repräsentativen Umfrage: schwachsinnig, ärgerlich, schlecht informiert, schlecht geschrieben, verantwortungslos.

Besonders der letzte Vorwurf schwebt im Raum, denn gerade auf der Musikmesse in der Halle 3.1. dämmert einem recht bald, wie abhängig dieser bedeutende Industriezweig, der sich hier zum Musikbetrieb addiert, von Subventionen ist, die er selbst gar nicht aufwenden muss. In der Verstärker- und Bühnentechnik-Szene ist das weniger offensichtlich. Hier stellt man die Produkte her und verkauft sie an die Abnehmer. Viel deutlicher ist das dort, wo man sich der musikalischen Bildung und Information widmet, bei den Verlegern und Autoren, Journalisten und Intendanten, Orchesterleitern und Kulturfunktionären.

Beide Gruppierungen, die bunte, vitale Pop- und Rock-Szene und die ernsten Kulturträger, strahlen eine gut markierte gegenseitige Fremdheit aus; gleichwohl gehören beide zum gleichen System Musikbetrieb. Die Endverbraucher sowohl der Noten und Informationen, der Instrumente und Bühnentechnik und der damit produzierten Musik sind immer diejenigen, die Musik spielen und hören und die folglich irgendeine Art Musiksozialisation hinter sich gebracht und zum Teil noch vor sich haben. Schon während der Fachbesuchertage werden darum etliche Ereignisse und Rundgänge für Schulklassen angeboten, ein großer Raum widmet sich in etwas altbackener Schreibweise der „Music4kids“: Das ist die Education-Abteilung der Musikmesse.

Denn dass sich im Lande überhaupt genügend Abnehmer für all die verschiedenen Branchen des Musikbetriebs finden, ist nicht zuletzt eine Folge der musikalischen Bildung, die trotz aller Ignoranz und Sparwut der Bildungsträger in Deutschland immer noch vermittelt wird. Auch wenn der erfolgreiche Rock-Gitarrist, der gewissenhaft seinen nicht ganz geräuschlosen Dienst im Marshal-Amplifier-Stand versieht, nicht direkt von Subventionen abhängig zu sein scheint; auch wenn der industrielle Teil des Musikbetriebs sein Selbstbewusstsein nicht zuletzt aus seiner Subventionsunabhängigkeit bezieht, wäre doch auch ihre Position ohne das Fundament einer weit verbreiteten musikalischen Bildung in der Gesellschaft unsicherer. Trotz allen gegenteiligen Anscheins, der auf der Musikmesse gern verbreitet wird: Musik ist auch Kultur, nicht nur Industrie und Medienrummel.

Am Samstag, 24. März, ist Publikumstag auf der Frankfurter Musikmesse. Wir sehen uns!

Musikmesse Frankfurt: bis 24. März. musik.messefrankfurt.com

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