Wie soll man angesichts all der schlauen Köpfe, die schon darüber gegrübelt haben, bessere Worte für das Erdbeben in Lissabon finden, das Mitte des 18. Jahrhunderts die westlichen Allmachtsfantasien des Menschen ins Wanken brachte?
Chrystal Pite, die jetzt im Mousonturm mit ihrer Company "Kidd Pivot Frankfurt RM" ihren Einstand gab, löst das Problem in der Europapremiere von "Dark Matters" so: Voltaires Gedicht über die Lissabon-Katastrophe kommt vom Band. Langsam betritt eine Gliederpuppe aus Holz die Bühne. Hinter ihr: die neuen Ensemblemitglieder. Komplett in schwarz verhüllt, steuern sie zusammen die Bewegungen der Puppe. Eine gute Übung für den Zusammenhalt der Company.
Die Kreatur aber emanzipiert sich von ihrem Schöpfer, wird zu seinem schlimmsten Feind. In zeitlupenähnlichen, geschmeidigen Bewegungen vollzieht sich der Kampf zwischen Schöpfer und Mörder-Puppe. Der erste Teil des Abends wird zum 3 D-Actionfilm. Mit donnernder Soundkulisse, Schattenspielen und Lichteffekten. Assoziationen an Matrix bleiben nicht aus. Kreation wird Destruktion. Die Marionette ersticht ihren Schöpfer mit der Schere, schließlich liegen beide tot da. Die schwarz Verhüllten wüten weiter. Der erste Teil endet mit einem großen Knall. Und Zwischenapplaus.
Nach der Pause tanzt das Ensemble auf klassischem Tanzboden weiter. Die schwarze Kleidung ist abgestreift, immer neue Tanzgruppierungen entstehen. Vom Band kommt immer noch Voltaire. Nur erschließt sich der Zusammenhang zum Tanz nicht mehr. Zuletzt entledigt sich Pite ihrer schwarzen Kluft und tanzt in Unterwäsche und Knieschonern ein Liebesduo mit dem Protagonisten des ersten Teils - inklusive Küssen. Und siehe da: Nach seinem Tod erweckt sie ihre Menschen-Puppe wieder zum Leben. Aber wie Kleist in "Über das Marionettentheater" schreibt, ist die natürliche Anmut durch Bewusstsein gefährdet.
Mancher stört sich schon in der Pause an der theatralischen Darbietung. Aber Pite entscheidet sich konsequent dafür. Ihr erster Abend mit der neuen Companie ist dramatisch, teils zu dick aufgetragen. Aber auch großartig, mit herausragenden Tänzern. Der tosende Applaus zeigt: Chrystal Pite hat ihre Feuertaufe bestanden.
Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt: 8., 9. Mai. www.mousonturm.de
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