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03. Juli 2008

Franz Kafka: Der lachende Heilige

 Von Manfred Schneider
Passfoto von Franz Kafka um 1915/16. Foto: Archiv

Vor 125 Jahren wurde der große Einzelgänger der deutschen Literatur geboren. Dem Angestellten-Alltag rang er sein Werk ab. Seinen Ruhm erlebte der an Tuberkulose Erkrankte nicht mehr.

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Vierfach sollte sich ein Mann bewährt haben, der in den Kreis der Heiligen eintritt: gegen den Teufel, bei den Frauen, im Schreiben und im Sterben. Dann steht sein Name im Kalender. Genau das ist die Geschichte Franz Kafkas, dessen 125. Geburtstag unser Kalender der Literaturheiligen heute anzeigt.

Kafkas Schriften, seine Erzählungen, Tagebücher, Briefe, amtlichen Papiere, an denen seit bald hundert Jahren die Deuter herumdeuteln und die in unzähligen Kommentaren und Zitaten fortwuchern, bilden ein neues kabbalistisches Werk. Dass die Literatur eine neue Kabbala hervorbringen könnte, hat der Dichter 1922 in seinem Tagebuch zu denken gewagt.

Kafka: Ist Dir denn noch nicht klar, wie es um mich steht, Felice?
Kafka: "Ist Dir denn noch nicht klar, wie es um mich steht, Felice?"
Foto: Archiv Wagenbach

Doch schränkte er ein: "Allerdings ein wie unbegreifliches Genie wird hier verlangt, das neu seine Wurzeln in die alten Jahrhunderte treibt oder die alten Jahrhunderte neu erschafft."

In Kafka ist dieses Genie herabgestiegen, und sein Werk konnte zur Kabbala einer globalen Leserschaft werden, weil es seine Geheimnisse in der Sprache aller vergangenen und aller zukünftigen Jahrhunderte ausspricht. Die Gelehrten streiten sich über die rechte Auslegung, es stapelt sich Kommentar auf Kommentar, und es ist schwer denkbar, dass dies je enden wird. Kaum eine Sprache, in die seine wichtigsten Werke nicht übersetzt wurden.

Und wie es Heiligen Texten gebührt, werden immer neue Ausgaben davon in die Welt geschickt. Nach Max Brods Werk-Ausgabe kamen die Briefe an Felice und an Milena heraus, es folgte die Kritische Edition des Fischer-Verlags, und zur Zeit bringt der Stroemfeld-Verlag die wunderbare Ausgabe aller Handschriften, Typoskripte und Drucke heraus.

Alle paar Monate müssen wir in unserer Kafka-Kabbala-Bibliothek neuerlich für Platz sorgen. Und jetzt benötigen wir wieder einmal gut fünf Zentimeter, um den zweiten Band von Reiner Stachs großartiger Kafka-Biographie "Die Jahre der Erkenntnis" hinzuzufügen.

Stachs meisterliches Porträt bringt uns diesem Kafka so nahe, dass wir glauben, gemächlich durch alle Windungen und Labyrinthe der geheimnisvollen Dichter-Gedanken zu gleiten. Stach hat nahezu alle erreichbaren Quellen zusammengetragen und sie mit einer Kunst und Leichtigkeit ohnegleichen ineinander verwoben.

Er ist seinem Kafka verfallen, aber er bleibt stets hellwach und aufmerksam, um auch die Finten, die Manöver und advokatorischen Kniffe zu durchschauen, mit denen sich der lebendige Kafka in der Welt behauptete. Die "Jahre der Erkenntnis" fallen in die Zeit von 1914 bis zu Kafkas Tod am 3. Juni 1924. Die Erkenntnisse werden nicht gewonnen, sondern vom Schicksal abverlangt: Kafka kann seinem Büro nicht entfliehen, er kann nicht in den Krieg ziehen, es ist ihm verwehrt, als Schriftsteller zu leben, unerfüllbar bleibt sein Wunsch, eine eigene Familie zu gründen, als unmöglich erweist sich das dauerhafte Glück mit einer Frau, unheilbar die Tuberkulose, unaufhaltsam das Ende.

Durch alle diese schmerzlichen Erfahrungen, die Kafkas Leben ausmachen, geht aber doch auch ein Lachen, ein lautes, elementares, erlösendes Lachen, der organische Gesang seines Wunsches, sich zu behaupten. So lacht der tuberkulosekranke Kafka über eine auf den 1. April datierte Zeitungsnachricht, wonach Albert Einsteins Relativitätstheorie die Therapie der Tuberkulose möglich gemacht hat.

Und zur gleichen Zeit berichtet Kafka, er habe einen halben Nachmittag mit Lachen verbracht. Man weiß, dass er das Vorlesen seiner Geschichten bisweilen vor Lachen unterbrechen musste. Von den christlichen Heiligen hört man selten, dass sie lachen. Sie sind so ernst wie die Dreifaltigkeit, die nicht einmal schmunzelt. Aber Kafka, den Milena den "einzigen reinen Menschen" nannte, war ein lachender Heiliger.

Ein paar hundert Mal wird in seinem Werk gelacht, am heftigsten vielleicht in der Gerichtsszene des "Prozeß"-Romans, wo das Gelächter des Publikums in Hustenanfälle übergeht, und am häufigsten in "Das Schloß". Um so mehr muss man ihn lieben. Ohne jeden Anflug von blinder Verehrung erzählt Stach die letzten zehn Lebensjahre Kafkas so spannungsvoll und berührend, aus einer so innigen Vertrautheit, dass wir auf jeder Seite um unseren Helden zittern.

Das Zittern währt bis zur letzten Seite, ob es nicht doch ein Wunder geben kann, das alle die düsteren Vorboten des Endes im Sanatorium in Kierling der Lüge überführt. Bangen muss der Leser dieser "Jahre der Erkenntnis" nicht nur um den kranken Dichter, dem der Abschluss so vieler Arbeiten versagt bleibt. Zu bangen hat er auch um die Liebe, die wohl das umkämpfteste Gebiet in Kafkas Leben war. Die "Erkenntnisse", die das Leben Franz Kafka aufnötigt, enthalten auch jenes biblische Erkennen, das Mann und Frau der Erfahrung der Sexualität verdanken. In diesen zehn Jahren trennt sich Kafka von Felice Bauer, er verlobt sich erneut und trennt sich endgültig von ihr, nachdem die Krankheit ausgebrochen ist.

Er verlässt 1920 seine junge Geliebte Julie Wohryzek, weil das Projekt einer gemeinsamen Wohnung im letzten Augenblick scheitert. Zugleich tritt Milena Jesenská auf, die er mit dem Zauber und dem Teufelsdienst seiner Briefe umgarnt, den er dann aber nach wenigen Monaten auch wieder einstellt, weil neuerlich das Unmögliche über diese Liebe gesiegt hat. Zuletzt lebt er zwar mit Dora Diamant zusammen, aber doch nur im Zeichen des nahen Todes. A

lle seine Begegnungen und Leidenschaften mit jungen Frauen, die der Kafka-Gemeinde längst bekannt sind, rollen als bittersüße und qualvolle Szenen vor den Augen des Lesers ab. Sie haben ja nichts mit den Liebes-Kämpfen und Amour-fou-Dramen des Kinos und der Romane unserer Tage gemein. In ihren wird um höchste Einsätze gespielt, die heute niemand mehr begreift.

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