„Die Bühne ist meine Heimat, der Ort, wo ich lebendig bin“, sagt Juliette Gréco. Deshalb wundert es kaum, dass die französische Sängerin mit der tiefen Stimme ihren 85. Geburtstag am Dienstag mit einem Konzert im Pariser Theater Châtelet feiert. Die Muse der Existenzialisten will sich auch mit 85 Jahren noch nicht zur Ruhe setzen. Erst Mitte Januar brachte die kleine, zarte Frau mit der Pony-Frisur ein neues Album heraus, außerdem erzählt sie ihr Leben in der jüngst erschienenen Biographie „Je suis faite comme ça“ (etwa: „So bin ich eben“).
Zu erzählen hat „la Gréco“ viel: Wie ihre Mutter und ihre Schwester war auch sie im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung aktiv. Mit 15 Jahren wird Juliette von der Gestapo festgenommen, später aber wieder freigelassen. „Wäre ich Jüdin gewesen, wäre es anders gekommen. Das hat mich lange sehr beschäftigt“, sagt die große Dame des französischen Chansons in dem biographischen Film „L'Insoumise“ („die Unbezähmbare“), der am Sonntag im Fernsehsender Arte gezeigt wird.
Ihre Mutter und ihre Schwester werden ins KZ Ravensbrück deportiert, beide überleben. Juliette muss sich in dieser Zeit alleine durchschlagen und landet nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis im Pariser Künstlerviertel Saint Germain des Prés, wo sie mit Freunden singt, tanzt und über das Leben diskutiert.
Es ist die Geburtsstunde des Existenzialismus. Und so ist es auch Jean-Paul Sartre, der sie in einem Kellerlokal entdeckt und einen der ersten Liedtexte für sie schreibt. „Gréco hat Millionen in der Kehle: Millionen von Gedichten, die noch nicht geschrieben sind“, sagt der Philosoph über seine Entdeckung.
Aus der Not heraus erschafft Juliette Gréco, die sich auch als Filmschauspielerin versucht, nach dem Krieg ihren ganz persönlichen Kleidungsstil: Sie trägt eine schwarze Männerhose und einen schwarzen Pulli. Der Farbe schwarz bleibt die Sängerin bis heute treu: „Ich versuche immer mal wieder, etwas Farbe in meine Garderobe zu bringen, aber ich schaffe es einfach nicht“, sagt sie in einem Zeitungsinterview.
Mit Tränen in den Augen in Deutschland gesungen
Ihre erste große Liebe trifft die Gréco Ende der 40er Jahre in den Jazz-Clubs von Saint Germain. Monatelang hat sie eine leidenschaftliche Affäre mit dem berühmten Jazz-Trompeter Miles Davis, bevor Davis in die USA zurückkehrt. Er bleibt nicht der einzige prominente Mann im Leben der Sängerin. In zweiter Ehe ist sie mit Michel Piccoli verheiratet - irgendwann aber sei es ihr mit dem Schauspieler zu langweilig geworden, bekennt sie in dem Film „L'Insoumise“.
Seit 1988 lebt die Juliette Gréco in dritter Ehe mit ihrem Pianisten und Komponisten Gérard Jouannest zusammen. Aus ihrer ersten Ehe mit dem Schauspieler Philippe Lemaire hat sie eine Tochter.
1959 tritt die Chansonnière auch in Deutschland auf - als eine der ersten Französinnen nach dem Krieg, wie sie selbst betont. Mit Tränen in den Augen habe sie damals gesungen und an Mutter und Schwester in Ravensbrück gedacht, erinnert sie sich.
Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan und den USA wird die Sängerin in den 50er und 60er Jahren mit Liedern wie „L'accordéon“ und „La Javanaise“ gefeiert, für die Serge Gainsbourg Text und Musik schrieb. An diese große Zeit kann die Chansonnière später nicht mehr anknüpfen, auch wenn sie regelmäßig neue Alben herausbringt. Mit „Abendlied“ erscheint 2005 auch eine Platte auf Deutsch. Ihr neues Album „Ca se traverse et c'est beau...“ hat sie den Brücken von Paris gewidmet. Die Schriftstellerin Amélie Nothomb erfand in einem der Liedtexte eigens eine Brücke für die Sängerin: „Le Pont Juliette“.
Auch wenn ihre alten Freunde wie Françoise Sagan und Jean Cocteau inzwischen tot sind, freut sich die Interpretin, die selbst vor vier Jahren eine Krebserkrankung überstand, über jeden neuen Tag. Am Ende von „L'Insoumise“ sagt sie: „Ich habe Lust zu leben und ich hoffe, dass das so weitergeht.“ (afp)
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