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16. September 2015

Fremdenfeindlichkeit: Das Erbe der Wiedervereinigung

 Von Artur Becker
Demonstration gegen Rassismus in Nürnberg: Unser Autor fordert eine neue Rassismus-Debatte.  Foto: dpa

Deutschland muss sich dem Rassismus im eigenen Land stellen. Insbesondere muss die Frage erlaubt sein, warum es keine dauerhaften Lösungen gibt für ideologisch vergiftete, rechtsextreme Köpfe.

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Hat Deutschland eine deutsch-deutsche Rassismus-Debatte nötig? Ja, bitter nötig, denn wenn Turnhallen, in denen Flüchtlinge untergebracht werden sollen, in Brand gesetzt werden, denke ich sofort an brennende Synagogen oder an brennende Häuser während des Warschauer Aufstandes 1944. Und wenn ein Bürgermeister den Vorschlag macht, aus rein rational-ökonomisch-praktischen Gründen Flüchtlingskinder von der Schule fernzuhalten, denke ich sofort daran, dass die Nazis im okkupierten Polen aus Kindern Analphabeten machen wollten, weil der „slawische Mensch“ kein Recht auf Bildung haben dürfte. Und ich will mich an dieser Stelle dafür nicht entschuldigen müssen, dass ich solche Assoziationen habe: Sie sind das Ergebnis der kollektiven Erfahrung im 20. Jahrhundert, die ich in Polen als Kind und Jugendlicher polnisch-deutscher Eltern machen musste.

Die deutsch-deutsche Rassismus-Debatte ist auch deshalb notwendig, weil es an manchen Orten der Republik nach wie vor sozusagen zwei „Deutschländer“ gibt – zum Beispiel dort, wo die ehemaligen DDR-Bürger vor dem Hintergrund ihrer sozialistischen Vergangenheit in der unerträglichen Einsamkeit der historisch Ausgesperrten leben: der intellektuellen oder sozialen Verlierer der Wende zum Beispiel.

Die Wunde Hoyerswerda

Niemand hat sich nach 1990 um ihre verletzten Seelen, denen zunächst der Nationalsozialismus und danach nahtlos der sowjetische Sozialismus großes Leid angetan haben, gekümmert: Man braucht nur nach Hoyerswerda zu fahren und sich diese offene Wunde anzuschauen. Symbolisch betrachtet, flutet man die ehemaligen Braunkohlegruben, aber hilft diese Maßnahme wirklich? Man kann eine Landschaft reinigen, doch wie reinigt man eine Seele?

Das ist eben das Fatale an unseren modernen westlichen Gesellschaften, dass sie das Rationale und Ökonomische überbetonen und nicht begreifen, wie wichtig die geistige, kulturgeschichtliche und metaphysische Nahrung ist. Aber warum soll man dem modernen und geschickt versteckten Laissez-Fairismus des Westens irgendwelche Vorwürfe machen – und seinen „hohlen Männern“ (T. S. Eliot) –, wenn nicht einmal Schriftsteller, also wir, auf die Idee kommen, endlich den einzigartigen Wenderoman von 1000 Seiten zu schreiben, der Hoyerswerda hieße, der den Aufstieg und Fall von Pompeji noch einmal erzählen und der dem historisch ausgesperrten Menschen dadurch endlich helfen würde?

Unserer Zeit fehlt es vor allem an Empathie und Ehrlichkeit: Polen zum Beispiel will keine Flüchtlinge mehr aufnehmen – haben denn Polen vergessen, wie freundlich und zahlreich sie selbst aufgenommen wurden, als sie vor dem kommunistischen Regime fliehen mussten? 2200 (die Zahlen variieren ständig) Immigranten sollen nun angeblich demnächst in das Land an der Weichsel kommen, und begeistert ist man dort überhaupt nicht, obwohl viele Kommentatoren die Bevölkerung beschwichtigen, es werde keine Probleme geben.

Gräbt man noch tiefer in der Geschichte, entdeckt man Erstaunliches: Während des Zweiten Weltkriegs hat der Iran mehr als 100 000 polnische Emigranten aufgenommen, eben nicht nur Soldaten, sondern auch Kinder. Allerdings ist es historisch bedenklich und sogar toxisch, wenn man die Zurückhaltung der Polen oder anderer Osteuropäer in puncto ihrer Flüchtlingspolitik damit erklärt, dass sie ihren Antisemitismus nicht aufgearbeitet hätten – speziell die polnischen Katholiken –, wie es der polnisch-amerikanische Historiker und Autor Jan Tomasz Gross in seinem neuesten, historisch suspekten Welt-Essay behauptet und damit schon wieder Öl ins Feuer gießt. Und in Hoyerswerda werden seit Jahren Plattenbauten zerstört – „zurückgebaut“, heißt es.

Wohnungen sind besser als Baumärkte

Warum vernichtet man Wohnungen, die auf jeden Fall besser sind als alte stillgelegte Baumärkte? Warum sagt jemand, der im Stadtrat sitzt: „Wollen Sie neben denen wohnen?“ Wollen Sie in einem leerstehenden Baumarkt wohnen, wenn auch nur für ein paar Tage oder Wochen? Warum kann eines der reichsten Länder der Welt, nämlich die BRD – angeblich der drittgrößte Waffenexporteur der Welt –, auf eine Flüchtlingswelle logistisch nicht besser und schneller reagieren? Was würde erst passieren, wenn man plötzlich halb Dresden oder halb Köln für eine bestimmte Zeit evakuieren müsste, weil es eine Umweltkatastrophe oder etwas anderes, ebenso Dramatisches und von ungeheuren Ausmaßen, gegeben hätte? Panik, wie es scheint, würde dann ausbrechen.

Ich erinnere mich, wie ich einmal den ehemaligen Bundesminister Theo Waigel in einem Konferenzgespräch am Comer See gefragt habe, warum solch eine Partei wie die NPD in Deutschland nicht verboten werde, weil sie nämlich eine Schande für die bundesdeutsche Republik sei – Demokratie hin, Demokratie her. Seine Antwort fiel diplomatisch-politisch aus: Und die (radikalen) Linken, die müsse man dann auch verbieten.

Mir muss man gewisse philosophisch-ideologische Gemeinsamkeiten, die die Linke und die Rechte haben, da sie sich beide von einer eschatologischen Idee der Utopie nähren, nicht erklären. Aber ein Land wie Deutschland kann sich rechtsextreme Parteien nicht leisten, weil einmal in diesem Land und europaweit die „Schwarze Milch der Frühe“ von Millionen getrunken wurde, und dieses Morden steht für sich allein als Beispiel für den Fall eines schwarzen Engels in einen bodenlosen Abgrund.

Die Neonazis ständig zu beschimpfen, harte Maßnahmen gegen sie anzukündigen, ist zwar politisch korrekt, aber mehr nicht. Die Frage muss doch lauten, warum es uns nicht gelingt, auch geistig „blühende Landschaften“ aufzubauen, warum es keine dauerhafte Hilfe und keine dauerhaften Lösungen gibt für ideologisch vergiftete, rechtsextreme Köpfe und Gruppierungen, die im Übrigen heute in Deutschland viel besser organisiert sind als zu Anfang der turbulenten Neunziger. Und ist es nicht unendlich „banal“ (H. Arendt), wenn wir über „die Bösen“ sagen, sie seien „böse“?

Die „Spätzünderfrage“

Nein, harte Maßnahmen sind nur eine punktuelle Lösung in einer aktuellen Situation. Man muss sich nämlich in Deutschland fragen, was bei der Vereinigung „schiefgelaufen“ ist – eine unbequeme Frage, eine Spätzünderfrage, aber das ist man hier schon gewohnt, unbequeme Fragen zu spät zu stellen, bedenkt man, dass der General der Waffen-SS Heinz Reinefahrt, einer der wichtigsten Nazi-Schlächter und Massenmörder bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, nach 1950 Bürgermeister von Westerland werden konnte – für fast 10 Jahre. Erst vor kurzem entschuldigte sich dafür eine Bürgerdelegation aus Westerland bei den Warschauern: Immerhin ist es überhaupt geschehen.

Gott sei Dank gibt es auch Hoffnung: An Goethes Geburtstag, dem 28. August, war ich Gast des berühmten, bereits in den Sechzigern gegründeten „Hoyerswerdaer Kunstvereins – Freundeskreises der Künste und Literatur“ und habe dort in Hoyerswerda aus einem meiner Romane gelesen; der Verein, der unter der unermüdlichen Leitung von Martin Schmidt auch zu DDR-Zeiten mächtig gewirkt und der Stasi getrotzt hatte, versucht, die Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte vor der Schließung zu retten, und er schart Menschen um sich, die seit Jahren daran arbeiten, das monströse Symbolbild „einer Stadt voller Ausländerhass“, das nach 1991 entstanden ist, zu demontieren. Die Mitglieder des Vereins bemühen sich darum, dass ihre Stadt nicht zu einem DDR-Museum verkommt. Es kann einem wie Sisyphusarbeit erscheinen, aber sie ist bitter notwendig.

Übrigens: Flüchtlinge sind wir auch; wir besitzen in Wahrheit nichts, und die Erde gehört uns allen nur für eine kurze Zeit. Und wir können schneller, als uns lieb ist, in eine ähnliche Situation geraten wie die Menschen, die aus Syrien und anderen Ländern in Not zu uns fliehen. Insbesondere Europäer dürfen sich in diesem Fall kein historisches Kurzzeitgedächtnis leisten – das gilt vor allem auch für die Deutschen.

Artur Becker veröffentlichte zuletzt die Novelle „Sieben Tage mit Lidia“ im Verlag weissbooks.w.

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