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Fritz Bauer: Zwecks Aufklärung

Irmtrud Wojak würdigt Leben und Wirken des Juristen.

Fritz Bauer bei der Arbeit.
Fritz Bauer bei der Arbeit.
Foto: ap

Der Mann schmunzelt. Eine solches Bild wie diese Aufnahme in Schwarz-Weiß findet sich danach nicht mehr. Die späteren Bilder zeigen den Mann als entschlossenen Kerl, als ständig rauchendes Wesen, stets in weiße Hemden gekleidet, kurze Ärmel, lange Ärmel, dazu die schwarze Krawatte. Aber niemals schmunzelnd, geschweige denn lächelnd wie auf der Aufnahme aus den 20er Jahren im Kreise seiner Kommilitonen auf einer Party.

Die späteren Bilder von Fritz Bauer passen in die überaus lesenswerte Lebensskizze, die die Historikerin Irmtrud Wojak von dem wirkungsmächtigen Juristen entwirft: Ein radikaler Aufklärer von trauriger Gestalt, der Irmtrud Wojak ein von Pessimismus geprägtes Menschenbild zuschreibt, ein Mann, der nach gerade 65 Jahren in der Badewanne seiner Frankfurter Wohnung stirbt.

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Das soll Fritz Bauer sein. Der radikale Humanist und Streiter im Namen der Aufklärung, der Anwalt der Opfer des Nationalsozialismus, der der westdeutschen Gesellschaft in den unmittelbaren Nachkriegsjahren deutlich macht, dass es auch anderes gibt als das mit dem Verweis auf die Schwere der Hitler-Zeit ungehinderte Streben nach Wohlstand. Der Mann, von dem der Staatsrechtler Michael Stolleis im Geleitwort zur Biographie Wojaks schreibt, er habe die Bundesrepublik verändert.

Das hat der junge Jurist nicht geplant. 1903 in Stuttgart geboren, wächst er mit einer drei Jahre jüngeren Schwester in überaus inniger Beziehung zu seiner Mutter Ella Gudele, einer geborenen Hirsch, wohl behütet in Tübingen auf. Irmtrud Wojak stellt die Familie Hirsch vor als "exemplarisch für die Geschichte einer angestrebten, am Ende aber gescheiterten jüdisch-deutschen Akkulturation". Die Nationalsozialisten vertreiben Bauer aus seinem Amt als Deutschlands damals jüngster Amtsrichter, verjagen ihn aus seiner Heimatstadt, verschleppen ihn ins Konzentrationslager.1936 kann er sich retten, flieht ins Exil nach Dänemark. Sein Leben verwandelt sich plötzlich, wie der gleichaltrige Theodor W. Adorno später vermerkt, "in eine zeitlose Folge von Schocks".

Mit weitreichenden Konsequenzen. Ein Jahr vor den Nürnberger Prozessen veröffentlicht Bauer, den das Exil nach Schweden gebracht hat, die Schrift "Die Kriegsverbrecher vor Gericht", ein Buch über das Völkerrecht am Ende des Krieges. Im Mai 1945, Hitler ist seit ein paar Tagen tot, fasst Bauer den Tenor seiner Studie vor Gewerkschaftern zusammen: "Deutschland ist eine tabula rasa", nun gehe es darum, "ein neues und besseres Deutschland von Grund auf aufzubauen". Dabei gebe es für ihn allein den Grundsatz: Deutschland "ist nicht umzubauen, es ist neu aufzubauen". Aus dieser Maxime heraus lässt sich wohl plausibel machen, warum der Emigrant zurückkehren wollte. Bauer, so erinnert sich seine Stockholmer Kollegin Hanna Kobylinski, Bauer habe sich nicht nach Deutschland zurückgesehnt, wohl "aber fühlte er eine große Aufgabe: die Reform des deutschen Rechtswesens".

Bauer, der Sozialist, der den Werdegang des SPD-Chefs Kurt Schumacher aus den Tagen im Baden-Württembergischen begleitet, der an dem großen Rechtswissenschaftler Gustav Radbruch geschulte Jurist, geht als Generalstaatsanwalt nach Braunschweig. Um sich vorzunehmen, dem Widerstand gegen den Unrechtsstaat Legitimation zu verleihen. Mit einem Plädoyer für den 20. Juli 1944, gehalten im Prozess gegen Otto Ernst Remer. Der ehemalige Kommandeur des Wachbataillons Großdeutschland hatte die Attentäter des 20. Juli als Verräter geschmäht. Bauer ließ ihn anklagen wegen "übler Nachrede", eine Vorhaltung, bei der es zu klären galt, dass die am 20. Juli 1944 Beteiligten aus legitimen Gründen gegen den Terrorstaat aufbegehrten.

So soll Fritz Bauer sein. Einer, der mit dem Prozess gegen Remer in die vergangenheitspolitisch desorientiert wirkende bundesrepublikanische Öffentlichkeit dringen wollte. Einer, der Kenntnisse aus seinen Recherchen einzusetzen wusste, um Hinweise auf den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns zu liefern. Einer, der mit dem Auschwitz-Prozess im Frankfurter Römer von 1963 an zur Sprache bringt, was kaum einer wissen wollte. Einer, der zu Beginn der 60er Jahre als Hessischer Generalstaatsanwalt eine schier endlose Liste von Nazi-Verbrechen fertigt, um diese vor Gericht zu bringen. Mit mäßigem Erfolg: Eigentlich wollte Bauer mit dem Fall Heyde Rechtsfragen zur Euthanasie im NS-Staat zu klären. Doch Heyde, ehemals Leiter des Euthanasieprogramms, entzog sich dem Prozess durch Selbstmord.

Minutiös führt Irmtrud Wojak die von Bauer angestrengten Verfahren auf, würdigt sein allein der Arbeit ergebenes Wirken, erzählt aber wenig aus dem Leben dieses Mannes. Der nahm sich ähnlich wie andere Remigranten vor, Deutschland nicht noch einmal daran scheitern zu lassen, dass es der Republik an Demokraten mangelt. Wojak erwähnt in diesem Zusammenhang Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die beiden großen Frankfurter Zeitgenossen. Aber es fehlt jede weitere Kontextualisierung. Vielleicht hätte die Autorin, die demnächst die Leitung des NS-Dokumentationszentrums in München übernimmt, die Gelegenheit nutzen sollen, um die Geschichte des Wirkens von Fritz Bauer als Geschichte der allmählichen Demokratisierung unter tätigem Einfluss dieser Remigranten zu berichten. Dazu dürfte noch viel zu erzählen sein.

Autor:  MATTHIAS ARNING
Datum:  26 | 2 | 2009
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