Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

05. Februar 2016

Fußwaschung: Ein Beispiel habe ich euch gegeben

 Von Dirk Pilz
Fußwaschung am Gründonnerstag, hier in Jerusalem.  Foto: © epd-bild / Thomas Lohnes

Der Papst reformiert das Ritual der Fußwaschung: Künftig können auch Frauen am Gründonnerstag daran teilnehmen. Die dienende Kirche, die Franziskus entschlossen anstrebt, gefällt nicht allen im Vatikan.

Drucken per Mail

Der Vatikan hat ein Dekret von Papst Franziskus veröffentlicht, es geht um eine Änderung im Römischen Messbuch, also der katholischen Liturgie. Fortan sind alle Menschen für das Ritual der Fußwaschung an Gründonnerstag zugelassen. Auch Frauen.

Frauen bei der Fußwaschung? Schlagen wir nach. Das Evangelium nach Johannes, Kapitel 13, berichtet, dass Jesus seinen zwölf Jüngern die Füße wusch, was Simon Petrus nicht zulassen wollte, worauf ihm Jesus beschied: „Was ich tue, das verstehst du nicht; du wirst es aber hernach verstehen.“ Die Kirche hat in dieser Fußwaschung stets zweierlei gesehen: einen imitativen und einen liebenden Aspekt. Jahrhundertelang wurde in der Gründonnerstagsmesse die Handlung Jesu aber vor allem imitiert, heißt: Die Fußwaschung wurde an „viri selecti“ vollzogen, an ausgewählten Männern, eben so wie Jesus nicht irgendwem die Füße wusch, sondern seinen Männern, den Jüngern.

Zugleich aber spricht Jesus von einem „Beispiel“, mit dem das „Gebot der Liebe“ gemeint ist, ein Gebot, das keine Unterschiede kennt. Deshalb hat die Kirche die Fußwaschung nie als Nebensächlichkeit abgetan, mitunter sogar in die Nähe des Taufsakraments gerückt (nachzulesen bitte bei den Kirchenvätern Augustinus und Tertullian).

„Ex populo dei“ statt „viri selecti“

Daran schließt Papst Franziskus an – er rückt den liebenden, dienenden Aspekt in den Vordergrund. Dort, wo im Messbuch bislang stand, die Teilnehmer an der Fußwaschung hätten „viri selecti“ zu sein, findet sich jetzt, sie seien „ex populo dei“ auszuwählen, aus dem Volk Gottes. Franziskus selbst hat dies bereits früher als Erzbischof von Buenos Aires so praktiziert, jetzt macht er es weltkirchenweit verbindlich. Und er hat das Gottesvolk irritierend weit interpretiert, als er vor drei Jahren einem muslimischen Mädchen die Füße wusch.

Will der Papst die Kirche revolutionieren? Bereitet er mit diesem jüngsten Erlass womöglich eine Erlaubnis zur Ordination von Frauen vor? Eher nicht. Er hat sich nicht nur wiederholt dagegen ausgesprochen, es mangelt ihm auch an Rückhalt im Vatikan. Sein Dekret ging vor gut einem Jahr an die zuständige Gottesdienstkongregation, die es umzusetzen hat – und dafür verdächtig lange brauchte. Weil es eben nicht nur um Worte geht.

Franziskus hat mit diesem Beschluss einmal mehr bewiesen, dass er seine Kirche in eine dienende verwandeln will. Das wollen offensichtlich nicht alle im Vatikan.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Fischfinder

Von  |
„Das passiert, wenn man Papa mit dem Baby alleine lässt.“

Da stellt sich die Frage, ob man wirklich einen Fischfinder zu Hause haben muss, wenn man nicht Eigentümer eines entsprechenden Gewässers in unmittelbarer Wohnungsnähe ist. Mehr...

Kalenderblatt 2016: 30. Mai

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 30. Mai 2016: Mehr...

Krimi-Hitliste 2015

Anspruchsvoll fürchten

Klarkommen im Ungewissen: Das gilt für die Auswahl des nächsten Krimis, für die Ermittler gilt es erst recht.

Die besten Krimis des Jahres 2015, die sonderbarsten Ermittler der Saison, gefunden mit Schwarmintelligenz einer Jury, die aus zwanzig Literaturkritikerinnen und -kritikern besteht. Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps