Es gibt nur dürre biografische Daten über ihn. Bis auf dessen deutsche Wurzeln und sein Geburts- wie Todesjahr (1947 bis 2010) ist nichts über ihn bekannt. Aber da gibt es ein Video. Und das erzählt über die Bilder.„Das wird nichts mit dieser Malerei, Johannes“, quäkt eine weibliche Automaten-Stimme. Währenddessen umspielt die Kamera Details einer weißen Leinwand, die partiell mit dekorativen Telefonkritzeleien bedeckt ist, und zoomt schließlich raus in die Totale, um dem Betrachter das ganze, bunt-einfallslose Malheur darzubieten.
„Warum machst du nicht Videofilme? Wie der Fritz, der macht schöne Filme“, beharrt die mütterliche Kritikerin, die man jetzt zusammen mit dem Künstler vor der Staffelei stehen sieht. Sie hat ein lila Styroporgesicht mit zwei wachen Knopfaugen, die durch eine Brille mit dünnem Silberrand blicken. Pappkamerad Johannes’ gelbes Konterfei hingegen ist überwuchert von einem farblosen Bart, in der ratlosen Hand hält er noch den Pinsel.
Eine wirre Veranstaltung
„Hildegard, meine Liebe galt immer der Kunst – und dir“, wird er sich der Lila-Gesichter später versuchen zu erklären, und: „Ich war mal ein Maler, ein guter, aber niederer.“ Man kommt nicht umhin, den Rest der Ausstellung in der Galerie Isabella Bortolozzi, deren Schlusspunkt das zitierte Video bildet, als wirre Retrospektive dieses selbsternannten Dieners der Kunst zu betrachten. Oder als Ausflug in dessen Kunst-Kosmos, ein Ausflug mit großer Lust am Sich-Verirren.
Die drei Galerieräume sowie der Flur sind überladen mit Malereien, deren Großteil das Gemälde, das im Video als Symbol von Johannes’ Scheitern fungiert, an Scheußlichkeit noch überbietet. Ölmalereien, Tuschezeichnungen, Kreidezeichnungen unterschiedlichen Formats, auf Leinwand, Papier, Wellpappe, mit und ohne Rahmen, mit und ohne Verglasung – dafür, dass eines exklusiv die Aufmerksamkeit des Betrachters erregen könnte, hängen die jeweiligen Nachbarn viel zu dicht dran, ist auch das stilistisch Disparate zu ausgeprägt.
Zunächst. Denn mit ein bisschen Zeit und Abstand (am besten stellt man sich in die Mitte des Zimmers, die allerdings in zwei der drei Ausstellungsräume zugestellt ist mit Stellwänden, beidseitig behängt mit noch mehr Kunst) gelingt es dann doch, ein paar lichte Momente in Johannes’ Schaffen auszumachen.
Eine Gruppe kleiner schwarzer Menschen flieht vor vier riesigen, sanft vom Himmel kurvenden roten Blitzen – oder sind das Schlangen, die aus diesen Menschen hervorgehen? Surreal-unheimlich ist auch die gesichtslose Gruppe grüner Gespenster oder Menschen mit grünen Umhängen, die von einem mächtigen Wind nach rechts geweht wird. Ein Schwarz in Schwarz in den Ölfarbengrund geritzter Kapuzenmann, den Ku-Klux-Klan- und-Abu-Ghoreib-Assoziationen umwehen, ist wie eine Torte dekoriert mit bunten Farbfäden und wirkt dadurch nur noch bedrohlicher.
Doch sobald Johannes versucht hat, abstrakt zu werden oder, noch schlimmer, Gesichter zu malen, muss man wieder an Hildegards Pauschalurteil denken: „Das wird nichts mit dieser Malerei, Johannes!“ Das Spezifische der Gesichter bleibt so verborgen hinter der dick aufgetragenen Farbe wie Johannes’ eigenes Gesicht hinter seinem Fusselbart. Die Abstraktionen scheinen sich nach symbolischer Bedeutung zu sehnen und zu klagen: Warum bin ich abstrakt? Ich wäre lieber eine Weihnachtsbaumkugel! „Wir suchen nach Wegen, uns mit am Rande stehenden, unfähigen, verlorenen und entfremdeten Subjekten zu beschäftigen, ohne dabei in soziologischen Begrifflichkeiten zu denken“, heißt es in einem allgemeinen Statement von Jos de Gruyter und Harald Thys.
Das wahnwitzig aufwendige Gesamtkunstwerk, das beide mit ihrer Ausstellung beziehungsweise Inszenierung bei Isabella Bortolozzi geschaffen haben, kann beispielhaft für dieses Vorhaben stehen, das die beiden Belgier nun schon seit über zwanzig Jahren gemeinsam verfolgen. Auch wenn einen Johannes’ malerisches Un-Werk visuell völlig überfordert, ist man am Ende ganz auf des sprachlos überzeugten Malers Seite – und selbstredend auf der Seite der Kunst.
Galerie Isabella Bortolozzi, Schöneberger Ufer 61 (Tiergarten). Bis 4. Februar, Di–Sa 12–18 Uhr
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