Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

05. Januar 2009

Gaza - Gastbeitrag I: Kein Retter in Sicht

 Von GIDEON LEVY
Israelische Soldaten  Foto: ap

Indem es die Palästinenser massakriert, zerstört Israel sich selbst. Von Gideon Levy

Drucken per Mail

Die Legende, vielleicht ist sie sogar wahr, erzählt, der verstorbene Mathematiker Professor Haim Hanani habe seine Studenten beauftragt, eine Konstruktionszeichnung für eine Blut-Pipeline von Haifa nach Eilat zu entwerfen. Die gehorsamen Studen holten ihre Logarithmen-Tafeln heraus und skizzierten hochintelligente Pipelines. Sorgfältig planten sie die Route, bedachten die Topograpie, die Möglichkeiten der Korrosion, den Durchmesser der Pipeline und ihre Fließfähigkeit. Als sie ihre Ergebnisse vorlegten, lautete das Urteil des Professors: Durchgefallen. Keiner von euch fragte, wozu wir eine solche Pipeline brauchen, wessen Blut fließen soll und vor allem warum.

Diese Geschichte mag erfunden oder wahr sein, wahr ist, dass Israel gerade bei seinem eigenen Blut-Pipeline-Test scheitert. Während Israel die ganze vergangene Woche mit Gaza beschäftigt war, fragte niemand, wessen Blut vergossen wird und warum. Alles scheint erlaubt, legitim und gerecht. Die moralische Stimme der Zurückhaltung, wenn es sie denn je gab, ist vergessen.

Sie haben Nizar Ghayan liquidiert? Niemand zählt die zwanzig Frauen und Kinder, die beim selben Angriff ihr Leben verloren. Dutzende Absolventen einer Polizeischule wurden bei ihrer Abschlussfeier massakriert? Akzeptabel. Fünf kleine Schwestern? Erlaubt. Palästinenser sterben in Krankenhäusern, weil die nicht anständig ausgestattet sind? Peanuts.

Hier liegen ihre toten Leiber. Manche davon sind klein. Eine Reihe neben der anderen. Unsere Herzen sind hart geworden und unsere Augen blind. Ganz Israel hat blutbefleckte Uniformen getragen, die uns zu jedem Verbrechen befähigen. Selbst unsere führenden Intellektuellen sprechen nicht aus, wie verwüstet wir inzwischen sind.

Das Leiden im Süden macht alles koscher, als würde verglichen damit das schreckliche Leiden in Gaza verblassen. Jeder ist hungrig nach Rache und dieser Hunger wird entschuldigt mit der Notwendigkeit der Abschreckung. Dabei hat das Morden im und die Zerstörung des Libanon längst bewiesen, dass sie nicht funktioniert.

Ja, ich weiß: Krieg ist Krieg. Aber ist wirklich nichts da, das diese Blut-Pipeline stoppen könnte? Selbst die, deren Herzen vom "moralischen Recht" verhärtet sind, werden die Bombenmaschine einen Augenblick anhalten und fragen: Mit welchem Israel haben wir es zu tun? Was wird aus seinem Ansehen in der Welt? Was halsen wir den moderaten arabischen Regimen auf? Was mit der aufköchelnden Volkswut gegen uns überall auf der Welt? Wie soll Gutes aus diesem Brennen und Morden kommen?

Es ist zweifelhaft, ob die Hamas durch diesen elenden Krieg wirklich klein gemacht werden wird. Aber Israel und seine zivilen Eliten wurden durch ihn schon kleingemacht und, falls es je existierte, das "Friedenslager".

Kein Retter in Sicht. Weder für Gaza noch für die Überreste von Humanität und israelischer Demokratie. Wenn die Zeit der Bilanz kommt, werden wir uns daran erinnern müssen, welchen Schaden dieser Krieg Israel antat: Die Blut-Pipeline wurde fertiggestellt.

Gideon Levy, geboren 1955 in Tel Aviv. Seit 1982 arbeitet er bei Haaretz. Auf deutsch erschien 2005 von ihm im Wunderkammer-Verlag: "Schrei, geliebtes Land - Leben und Tod unter israelischer Besatzung".

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Times mager

Nostalgie-Tag

Alles Handarbeit: Die Sütterlinschrift ist heute auf dem Papier nahezu verschwunden.

Die Großmutter las Sütterlin-Briefe so fließend vor, dass sie den Unterschied erst an den kugelrunden Augen der Enkelin bemerkte. Über verschwundene Fertigkeiten.  Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 30. Juli

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 30. Juli 2016 Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps