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05. Januar 2009

Gaza - Gastbeitrag II: Woher soll Rettung kommen?

 Von JOSSI SARID
Was soll eine Generation junger Palästinenser tun, die keine Hoffnung auf eine Zukunft hat?  Foto: dpa

Was soll eine Generation junger Palästinenser tun, die keine Hoffnung auf eine Zukunft hat? Von Jossi Sarid

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Diese Woche sprach ich mit meinen Studenten im Rahmen einer Stunde über nationale Sicherheit über den Gaza-Krieg. Ein Student, der ziemlich konservative Ansichten geäußert hatte, überraschte mich. Er öffnete sein Herz und gestand: "Wenn ich ein junger Palästinenser wäre", sagte er, "würde ich die Juden scharf bekämpfen, auch mit den Mitteln des Terrors." Seine Bemerkung klang vertraut - ich hatte sie schon mal gehört. Plötzlich erinnerte ich mich: Vor etwa zehn Jahren hatte unser Verteidigungsminister, Ehud Barak, das Gleiche gesagt. Der Journalist Gideon Levy hatte den Premierminister-Kandidaten damals gefragt, was er tun würde, wäre er als Palästinenser geboren worden, und Barak antwortete offen: "Ich würde mich einer Terrororganisation anschließen."

Das ist nicht meine Antwort. Terrorismus, ob von Individuen oder Organisationen oder Staaten, zielt immer darauf, Opfer zu schaffen in einer Zivilbevölkerung, die keine Gewalttaten begangen hat. Nicht nur ist Terror blind - er frisst den Heiligen wie den Sünder - er erweitert auch den Kreis der Hitzköpfe, denen das Blut zu Kopf steigt: Unser Blut ist über sie gekommen, ihr Blut ist über uns gekommen. Und wenn eine Rechnung aufgemacht wird über das Blut der Unschuldigen, wer wird sie bezahlen und wann? Ich hasse alle Terroristen dieser Welt, was immer das Ziel ihres Kampfes ist. Allerdings unterstütze ich jede zivile Revolte gegen jede Art von Besatzung, auch Israel ist unter den verachtenswerten Besatzern. So eine Revolte ist sowohl gerechter als auch effektiver.

Aber, und achten Sie auf dieses Aber, wenn ein durchschnittlicher junger Mensch spontan eine Antwort gibt, die von meiner abweicht, und wenn diese Antwort auch aus dem Mund eines israelischen Generalleutnants gekommen ist, dann muss jeder sich fühlen, als renne sein eigener Sohn mit dem falschen Haufen. Wenn die Dinge andersrum wären, wäre mit Sicherheit der-Sohn-den-wir-lieben ein verdammter Terrorist.

Und woher soll Rettung kommen? Er hat nichts zu verlieren als seine Ketten. Während wir, Vater und Mutter, um den Sohn weinen würden, weil er nie wieder das Land seiner Geburt und uns sehen würde, außer als Foto an der Wand als Schahid, Märtyrer. Wären wir in der Lage, ihn zurückzuhalten, wenn wir wollten? Junge Menschen, die keine Zukunft haben, werden ihre Zukunft leicht aufgeben. Ihre Vergangenheit als Straßenjunge, ihre Gegenwart als arbeitslose Faulenzer versperren den Zugang zur Hoffnung: Ihr Tod ist besser als ihr Leben, und ihr Tod ist auch besser als unser Leben, das ihrer Unterdrücker - so fühlen sie. Vom Tag ihrer Geburt bis zum Tag, an dem sie diese Erde verlassen, sehen sie ihr Land vor sich, das sie nie als freie Menschen erreichen werden.

Es gibt keine guten und schlechten Völker; es gibt nur Regierungen, die sich verantwortungsvoll oder wahnsinnig verhalten. Und jetzt bekämpfen wir die, denen viele von uns ähnlich wären, stünden wir seit 41 Jahren an ihrer Stelle.

Yossi Sarid, geboren 1940, war Erziehungs- und Umweltminister in Israel. Er ist Kolumnist für Haaretz.

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