Alle Stühle besetzt, an den Rändern standen die Besucher dicht gedrängt. Das Licht geht aus. Auf der Bühne flackert sepiafarben ein alter Film, der Menschen mit Sack und Pack auf der Flucht zeigt. Zu hören nur die Kühlung des Projektors. Dann Spotlight auf Fátima Miranda, die im paillettenbestickten Kleid sich neben die flüchtenden Menschen stellt und loslegt. Sie ist Vokalistin. Sie singt also nicht, sondern erzeugt möglichst überraschende Töne. Hoch und tief, mit großen Sprüngen. Obertöne blühen und versacken. Sie gickst und gurgelt, schreit und flüstert. Das Publikum scheint ergriffen. Ich rufe verzweifelt, aber so leise in mich hinein, dass es niemand hört, nach Hape Kerkeling.
Dann ist der Spuk vorbei. Die Paillettisierung von Flucht und Vertreibung hat ein Ende. Auf dem Podium nehmen Hans Magnus Enzensberger (Jahrgang 1929) und Jorge Semprún (Jahrgang 1923) Platz. Dazwischen der Moderator Peter Frey. Thema: "Das Rumoren der Geschichte", eine vergleichende Betrachtung der Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit in Spanien und Deutschland.
"Wir sind Experten geworden in Transformationsprozessen", meint Enzensberger. Wir beobachten sie in Südafrika, in Polen, Spanien, in Deutschland nach dem Nationalsozialismus und nach dem Fall der Mauer. Eines, so meint er, haben wir begriffen: Es gibt kein Grundgesetz dafür, wie sie laufen müssen. Jedes Land muss seinen eigenen Weg finden. Der Schweigepakt, den es in Spanien auf der politischen Ebene lange gab, hat dem Land geholfen. So wie ihm jetzt die Aufarbeitung der Vergangenheit helfen wird.
Semprún sieht das genauso. Er erinnert daran, dass es in Spanien um die Bewältigung eines Bürgerkrieges geht. Der Riss zwischen Republikanern und Franco-Anhängern ging durch fast jede Familie. Daran durfte man - es sei denn, man nahm einen neuen Bürgerkrieg zwischen Republikanern und putschenden Militärs in Kauf - zunächst einmal nicht rühren. Spanien hat seine Demokratie auch einem Monarchen und dem Votum für die konstitutionelle Monarchie zu verdanken. Heute, so meint Semprún ironisch ins Publikum grinsend, ist die Demokratie so stark, dass wir uns den Luxus eines historischen Gedächtnisses leisten können.
Es gibt immer eine Verzögerung, ein time lag, bis die Beschäftigung mit der Vergangenheit einsetzt, erklärt Enzensberger. Je länger die Diktatur war, desto länger scheint es zu dauern, bis die Gesellschaft eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Angriff zu nehmen wagt. Es geht auch nicht, solange die Täter noch leben, solange sie womöglich noch gebraucht werden, als Richter, Lehrer und Eltern. Außerdem gibt es eine Ökonomie der Gefühle. Man kann nicht sich dem Wiederaufbau widmen und zugleich kritisch zurückblicken. Es braucht eine neue Generation, die sich fragt, "was riecht's hier so sonderbar?", dann auf die Kellertür zugeht, sie öffnet und sich die dort versteckten Leichen ansieht.
Wie man die beiden Herren dort oben wach, hell, reaktionsschnell miteinander diskutieren sieht, kann man leicht vergessen, dass sie selbst so alt sind, eine Geschichte, eine Vergangenheit haben, die sie sehr unterschiedlich bewältigen.
Jorge Semprún hat seine kommunistische Tätigkeit früh thematisiert, er hat sich mit ihr und seiner ideologischen Befangenheiten, seinen Irrtümern, Verblendungen immer wieder auseinandergesetzt. Jeder kann das in seinen Büchern nachlesen. Diese Erfahrung, der Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten, macht den Kern seiner schriftstellerischen Existenz aus.
Hans Magnus Enzensberger ist das exakte Gegenteil. Nichts liegt ihm ferner als öffentliche Selbstreflexion. Das kritische Überdenken der eigenen Positionen macht einen nicht geringen Teil seiner intellektuellen Arbeit aus. Unvergleichlich viel größer aber ist die Anstrengung, mit der er den Prozess dieses Nachdenkens im neuen, sorgsam polierten Ergebnis verschwinden lässt.
Undenkbar, dass Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel clare et distincte erklären könnte: Ich habe Saddam Hussein für das inkarnierte Böse, für den Satan gehalten. Das war falsch. Es gibt kein Böses. Es gibt also auch keinen Satan, dessen Beseitigung dem Bösen ein Ende machen würde. Das war offensichtlicher Blödsinn. Interessanter als die Erörterung dieser These ist die Frage, wie ich ihr auf den Leim gehen konnte. Was hat mich dazu getrieben, mich so metaphysisch zu engagieren? Enzensberger forscht seinen Irrtümern nicht nach. Er bereitet seine nächsten vor.
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