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Gedenken an den Journalisten Hrant Dink: Mord und Angst

Angehörige trauern um Hrant Dink.
Angehörige trauern um Hrant Dink.
Foto: ap

Hrant Dink nannte seine Zeitung Agos. Agos ist die Ackerfurche, in die man die Saat legt. Dink war ein Intellektueller, kein Politiker, gleichwohl er sich in politische Diskussionen einmischte und nach jahrzehntelangem Schweigen der armenischstämmigen Bevölkerung die "andere" Sicht zur Sprache brachte. Er wollte die inoffizielle Fassung der Ereignisse erzählen, oder wie es in der Türkei heißt, "büyük felaket", des großen Unglücks. Gemeint ist damit die Vertreibung und Auslöschung des armenischen Volkes. Ihm ging es nachweislich nicht darum, dass der Völkermord an den Armeniern offiziell als solcher anerkannt wird. Hrant Dinks Haltung war stets klar und unmissverständlich.

So kommentierte er den französischen Parlamentsbeschluss von 2001, die Leugnung des "Völkermords" unter Strafe zu stellen: "Wird das, was wir wissen, wirklicher, wenn es andere anerkennen? Stärkt es unseren inneren Frieden, wenn unsere Wirklichkeit zum Spielball ihrer Ungnade oder Gnade wird? Kann ihr verrostetes Gewissen denn Trost für unsere Herzen sein? Lassen wir sie mit dem Problem allein, und lassen wir nicht zu, dass unser Schmerz tagespolitisch ausgebeutet wird, nicht von Armeniern, nicht von Türken und auch von niemandem sonst."

Hrant Dink wollte Empathie für das, was den Armeniern zustieß, und eine gemeinsame Erinnerungskultur. Seine Gegner sprachen von Separatismus und beschimpften die Armenier als Kollaborateure, die sich mit den Russen zusammentaten, um die armenisch besiedelten Gebiete zu erobern. Dabei versuchte Dink all jene zu beruhigen, die sich von der Forderung nach Land und Territorium bedroht fühlten. Denn wo einst Armenier wohnten und Felder bearbeiteten, leben heute andere Menschen.

Hrant Dink schlug vor, in anderen Kategorien als denen der Rache oder der Entschädigung zu denken. "Was kosten denn die Seelen unserer Großmütter und Großväter", fragte er, "man stelle sich nur vor, es würde bezahlt und aufgetischt. Wer von uns brächte denn einen Bissen herunter? Allein daran zu denken, bereitet mir tiefen Ekel." Sein Konzept hieß, "den Schmerz ernsthaft und mit Würde auf sich nehmen". Diese Sätze richtete er an seine armenischen Landsleute. Doch türkische Nationalisten überhörten das Versöhnliche seiner Texte und konzentrierten sich auf seine kritischen Anmerkungen, die er oft in Form von Fragen stellte. Etwa zu der in der immer noch üblichen Denkweise, dass als Freund nur zählt, wer irgendwann gemeinsam mit den Türken in die Schlacht zog. Dann polterte es aus ihm heraus: "Empfindet ihr denn keine Scham, wenn das, was euch verbindet, das Blutvergießen ist?"

Deshalb ist es unmöglich, an Hrant Dink zu gedenken, ohne den türkischen Staats- und Sicherheitsapparat außen vor zu lassen. So war es jetzt den Freunden und Weggefährten Hrant Dinks ein Anliegen, im Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße anlässlich seines Gedenktages Ümit Kivancs Film "Vom 19. Januar bis zum 19. Januar" zu zeigen. Kivanc rekonstruiert die Ermittlungen seit Dinks Tod vor genau zwei Jahren anhand von Prozessakten, Aussagen und Zeitungsrecherchen. Die Vorgänge sind zu verworren, als dass man sie hier wiedergeben könnte. Nur so viel: Es gab einen polizeilichen Vermerk, in dem man ein Jahr vor der Tat nachlesen konnte, was sich ereignen würde. Was folgt ist Vertuschung, Verheimlichung, Verzerrung.

Wann immer in der Türkei Vorgänge wie diese bekannt werden, in die, wie man im Türkischen sagt, "der tiefe Staat" verwickelt ist, spielt der Sicherheitsapparat mit, der die Einheit der Nation durch die Vielfalt der beherbergten Religionen, Ethnien und Kulturen bedroht sieht. Es ist ein Staat, der es offenbar in Kauf nimmt, dass einer seiner klügsten und neugierigsten Intellektuellen stirbt.

Am Morgen vor seinem Tod schrieb der 52-Jährige: "Wer weiß, wie viel Ungerechtigkeit aufs Neue auf mich zukommt? Trotz allem habe ich noch eine Sicherheit, auch dann, wenn ich furchtsam wie eine Taube bin. Ich weiß, in diesem Land tut man den Tauben nichts. Hier leben Tauben mitten in der Stadt und mitten unter Leuten; immer ein bisschen ängstlich, doch dafür immer auch ein bisschen frei." Dink hatte sich gründlich geirrt. Zu diesem Zeitpunkt lag schon längst verdorbener Samen im Agos.

Von Hrant Dink ist auf Deutsch erschienen: "Von der Saat der Worte". Übers. v. Günter Seufert. Verlag Hans Schiler, Berlin 2008, 184 Seiten, 24 Euro.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  21 | 1 | 2009
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