Jetzt mal ehrlich: Wer versteht wirklich Einsteins Relativitätstheorie? Oder Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“? Sind wir nicht schon restlos zufrieden, wenn der Computer funktioniert – ohne dass wir begreifen, wie er das tut? Was dann erst mit dem Unvollständigkeitssatz des Mathematikers Kurt Gödel anfangen, der seit 1931 verkündete: „Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.“ Klingt eigentlich harmlos, war seinerzeit aber eine revolutionäre Erkenntnis in der Geschichte der Logik.
Weil das also alles Dinge sind, die niemand einfach nebenbei abnicken kann, widmet man sich lieber den oft bewegten Biographien der Wissenschaftler, wie jetzt auch Daniel Kehlmann mit „Geister in Princeton“ (2011). Darin geht es um den so genialen wie psychisch labilen Kurt Gödel (1906–1978), der einerseits ein grandioser Denker war, andererseits – „dem Wahnsinnigen hilft keine Logik“ – Stimmen hörte, Phantome sah, an schlimmen Ängsten vor Verfolgung und Vergiftung litt. Deshalb präsentiert Kehlmann ihn in seinem ersten Stück gleich in drei Erscheinungsformen: Als Kind, als erwachsener Mann, als dessen Alter Ego.
Noch zäher als der Text
Die Person ist gespalten, die Zeit macht Sprünge, die Handlung – Tür auf, Tür zu – auch. Kehlmann hat sich tief in die Materie eingearbeitet, weiß viele Fakten und Anekdoten zu erzählen, zeigt Einstein ohne Socken, die der Physiker („Sie schaffen nur Löcher“) stets abgelehnt haben soll, lässt Wissenschaftler humorig disputieren, Gödels Frau matronenhaft kokettieren und russische Provinzsoldaten wodkaselig philosophieren. Kurz und gut, er hat sich redlich Mühe gegeben, aber, wie es bei Alexander Kluge heißt, „Sich Mühe geben allein nützt gar nichts.“
Zumal Torsten Fischer bei der deutschen Erstaufführung im Renaissance-Theater ein äußerst devoter Regisseur ist, der das Stück so brav und bieder vom Blatt inszeniert, als wolle er nur ja nichts tun, um Kehlmanns Zorn auf das „Regietheater“ – wir erinnern uns an seine Brandrede bei den Salzburger Festspielen 2009 – weiter zu erregen. Insofern wird die szenische Umsetzung noch papierener und zäher, als sich der Text liest, der, das sei nicht verschwiegen, in der Tat ein paar witzige Dialoge enthält. Die neunzig Minuten „Geister in Princeton“ wirken sehr lang, obwohl der beherzte Heikko Deutschmann als Gödel zu überzeugen vermag. Hervorzuheben sind ferner Katja Bellinghausen als Adele Gödel, Boris Aljinović in zwei kleinen Rollen und Gerd Wameling als auftoupierte Knallcharge von Einstein.
Vasilis Triantafillopoulos hat den Bühnenboden mit offenbar echtem Rindenmulch bedecken lassen, der einen würzigen, frischen, anregenden Geruch verbreitet: Ist der Abend auch öde, riecht er doch wenigstens angenehm.
Geister in Princeton bis 15. 1., 9.–12., 24.–26. 2. Renaissance Theater, Kartentel. 312 42 02
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