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24. November 2011

Georg Kreisler ist tot: Von der Wahrheit fortgeschwemmt

 Von Matthias Nöther
Georg Kreisler mit Taube im Jahr 2009  Foto: berliner zeitung/andreas labes

Mit Georg Kreisler stirbt der musikalischste Dichter der deutschen Nachkriegszeit – und der große Kabarettist, der er nie sein wollte.

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Dieses verdammte Lied. Als „Frühlingslied“ kündigte Georg Kreisler es in einer Märznacht des Jahres 1956 in der Wiener Marietta-Bar zum ersten Mal an. In den Monaten zuvor hatte der neue Mann am Klavier mit der schwarzen Hornbrille, dem strengen Scheitel und dem amerikanischen Akzent noch kein Chanson auf Deutsch erfunden, nur seine alten Lieder aus dem Englischen übersetzt. Nun also erstmals: „Jeder Bursch und sein Mäderl, mit einem Fresspaketerl, sitzen heute im grünen Klee – Schatz, ich hab eine Idee: Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, gehen wir Tauben vergiften im Park!“ Daraus wurden für das Kabarett eine Legende, für Georg Kreisler Erfolg und Fluch zugleich.

Die Berufung auf das „gold’ne Wiener Herz“ war damals eines jener Schmiermittel, mit dem viele Österreicher geräuschlos von der Nazi- in die Nachkriegszeit gleiten wollten. Die makabre Parodie auf den Schmäh des Wienerlieds war schon an sich eine Provokation. Georg Kreisler indes hat „Taubenvergiften“ später als „Anpasserlied“ bezeichnet. „Ich habe mich damals geniert, Gerechtigkeit zu verlangen, es wäre auch vergeblich gewesen. Ich habe ‚Taubenvergiften‘ geschrieben statt ein paar Worte oder Klänge, über die ich Blut verloren hätte. Aber ich war ausgesaugt.“

Heute würde man wohl von einem Trauma sprechen. 16 Jahre war der Anwaltssohn Georg Franz Kreisler alt, als er 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland zur amerikanischen Botschaft in Wien ging, um für sich und seine jüdischen Eltern in letzter Minute ein US-Visum zu beantragen. Die behütete musische Kindheit in Wien lief nicht aus, sie wurde mit einer Todesdrohung abgebrochen. Von der Flucht blieb Kreisler lebenslang das peinigende Gefühl der Heimatlosigkeit, das sich bis ins höchste Alter in ständigen Wechseln des Wohnsitzes manifestierte.

Seinen Traum, Komponist zu werden, musste der junge Mann in Kalifornien, ohne Schulabschluss, zuallererst begraben. Auch ein Empfehlungsschreiben von Arnold Schönberg, der als emigrierter Berliner Kompositionsprofessor an der University of Southern California lehrte, nützte nichts. Kreisler begann als Laufbursche in den Filmstudios von Hollywood. Als Revuenschreiber, Regisseur und Dirigent bei der US-Army lernte er, Gefühle wie Existenzangst und Entwurzelt-Sein zu verbergen hinter der eisernen, unverrückbaren Maske des professionellen musikalischen Entertainers. Nach Kriegsende tingelte er als mittelloser Pianist durch die Bars der Ostküste. Schließlich gelang ihm mit Chansons wie „My Psychoanalyst Is An Idiot“ und „Please Shoot Your Husband“ ein Durchbruch als Kabarettist am Broadway. Es sind Lieder, in denen bereits alle Charakteristika des späteren, deutschsprachigen Kreisler keimen: die makaber-absurden Situationen, in die der Autor uns wirft, die musikalische Rundung der Verse und der virtuosen pianistischen Begleitung. Niemand außer Kreisler selbst am Klavier hat das je zur unverbrüchlichen Einheit schmieden können.

„Selbst bei bewusst trockenen Begleitungen erspielt Kreisler eine rhythmische Gespanntheit, ein Swingen zwischen dem musischen Vortragsparlando und der pianistischen Grundierung, wie das besser und beherrschter überhaupt nicht hervorzubringen ist“, schrieb staunend 1964 der Musikkritiker Joachim Kaiser. Da hatte der US-Rückkehrer Georg Kreisler das „alte, böse Wien“ bereits mehrmals verlassen und füllte in der jungen Bundesrepublik mit Kabarett-Programmen Rundfunksendungen und ganze Staatstheater.

Die Angst blieb. Sie brach sich zwar niemals außerhalb seiner poetisch so abgezirkelten Kunst Bahn, dafür sorgte Kreislers fast beunruhigende Professionalität. Doch in den rund 600 Liedern der 60er- und 70er-Jahre sublimierte Kreisler diese Angst auf neue Art. Sie wurde zu einem Seismografen für feine gesellschaftliche Stimmungen in Deutschland und Österreich, die kaum von der Hand zu weisen waren. Das Lied „Die Hexe“ von der brutalen Ausgrenzung einer Andersartigen schrieb Kreisler 1959. Zum unterhaltsamen Kabarettstil des Wirtschaftswunders war das ein verstörender Kontrapunkt, den selbst die Kreisler wohlgesonnensten Redakteure der jungen ARD für unsendbar hielten. Mit „Dreh’ das Fernsehn ab, Mutter, es zieht“ beschrieb Kreisler schon wenig später unsichtbare Vorboten von Diktatur und Staatsterror.

Die charmante „Taubenvergiften“-Melodie stellte Kreisler nach Tschernobyl nur noch unter dem Titel „Unfall im Kernkraftreaktor“ vor. Lediglich die immense Bekanntheit, ja Klassizität dieses Kabarettwalzers kann verschleiern, dass der Chansonnier mit der plakativen Textänderung seine eigene Meisterschaft, provokanten Themen einen poetischen Schleier überzuwerfen, mutwillig durchkreuzt. Kreislers Suche nach polemischer Wirkung ließ allmählich die Einheit von Inhalt, Vers und Melodie, die er wie kein anderer deutschsprachiger Liedermacher der Nachkriegszeit zur Blüte gebracht hatte, auseinanderfallen. Kreisler war ästhetisch zu feinfühlig, um das nur aus Versehen zuzulassen. Für ihn war das Chanson als Kunstform mit der zunehmenden Radikalität seiner Botschaften erschöpft: „Was ich auch schreibe, schwemmt die Wahrheit fort, / und jede Pointe verdorrt.“

Das Publikum reagierte. Es vergaß ihn. Es bewahrte die legendären „Everblacks“-Alben mit dem (ursprünglich englischen) „Opernboogie“, dem „Musikkritiker“ und den surrealen Tango tanzenden „Zwei alten Tanten“ im Plattenschrank auf und hielt Kreisler, den Taubenvergifter, meist für längst gestorben. Der junge Kabarettist war ein Klassiker, der alte Dichter war störrisch und unbequem, und er starb noch lange nicht.

Befreit von der dichterisch-musikalischen Form des Chansons, mit der er zugleich verwachsen war, arbeitete Kreisler mit seiner gewohnten schöpferischen Akribie daran, das passende Genre für seine Thesen zu Ehe, Bundespolitik, Golfkrieg, Antisemitismus und Regietheater zu finden. Er schrieb Romane, Gedichte, Theaterstücke. In seinen beiden Opern erfüllte sich der über Achtzigjährige den großen bürgerlichen Komponistentraum, der ihm als Schüler 1938 zerstoben war. Die Mittel, die Kreisler in seiner Oper „Das Aquarium oder Die Stimme der Vernunft“ von 2009 aus Schönbergs Zwölftonmethode zieht, sind, wie alles an Kreisler, handwerklich atemberaubend. Die Handlung ist absurd. Sie scheint in dem Moment, in dem sie geschieht, schon wieder resignativ zu zerfallen. Das könnte daran liegen, dass die Figuren andauernd Chansons singen müssen.

Am Dienstag starb Georg Kreisler im Alter von 89 Jahren in Salzburg an einer schweren Infektion.





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