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09. Februar 2012

Gerhard Richter: Der Aufklärer

 Von Sebastian Preuss
In seinen Landschaften und Naturbildern ist Gerhard Richter ein moderner Romantiker. „Seestück (See-See)“, 1970.  Foto: Gerhard Richter 2012

Gerhard Richter ist ein Maler, der langsam zu sich selbst gefunden hat. Ein behutsamer Radikaler, der sich Zeit gelassen hat. Jetzt wird er 80 und ist der am teuersten gehandelte Maler der Welt.

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Berlin –  

Ein Bild darf nie interessant sein. Das sagte der Galerist Heiner Friedrich einmal zu Gerhard Richter, es muss irgendwann in den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern gewesen sein. Ein Satz ganz nach dem Geschmack des Malers. „Er hat mich richtig getroffen,“ erinnerte sich der Künstler kürzlich in einem Interview. „Das geht mir heute noch so: Interessante Bilder sind nichts.“ Solche lakonischen Urteile gehören zu Richter, auch wenn sie zunächst paradox erscheinen. Denn der da behauptet, dass interessante Bilder nichts seien, ist ja alles andere als ein Verächter kostbarer, eindringlicher, ja ikonischer Motive.

Im Gegenteil, der Hirsch im Wald, die Sekretärin von nebenan, der Onkel in Wehrmachtsuniform, die Kriegsbomber am Himmel, die nackte „Ema“ auf der Treppe oder die grell gekleidete Tochter „Betty“ – alle diese Bilder haben sich uns tief eingebrannt. Sie sind längst Klassiker der Kunstgeschichte und für uns als Artefakte gerade deshalb so interessant, weil sie als Motive eigentlich so uninteressant sind. Zufallsfunde aus dem Motivmuff der Nachkriegszeit, aus kleinbürgerlichen Erinnerungsalben, Schnipsel aus der Allerweltspresse, Pinkel-Ecken am Kölner Dom oder austauschbare Landschaften in der Eifel: Aus solchen unscheinbaren Situationen hat Richter große Kunst gemacht.

Heute wird Richter achtzig; aus diesem Anlass hängen die berühmten Bilder, die mittlerweile Museen und Privatsammlern auf der ganzen Welt gehören, in der Berliner Nationalgalerie. Museumsdirektor Udo Kittelmann und seine Mitkuratorin Dorothée Brill haben die Gemälde streng chronologisch und relativ dicht gehängt. So aufgereiht gab es das noch nie, und man schreitet wie in einem Live-Werkverzeichnis alle Stationen von Richters Schaffen ab. Das beginnt mit dem fahrig übermalten Tisch von 1962, dem der Künstler die Nummer eins in seiner Werkzählung gab (alles zuvor Entstandene hat er vernichtet). Dann kommen die ersten Foto-Nachmalungen, doch mittendrin schon die eine Reduzierung auf zwei Rechtecke, Vorläufer der Farbfeldtafeln in den Siebzigern, die Richter in noch glatterer Form in den letzten Jahren wieder aufgriff.

Eine neue Galaxie

Das fortlaufende Bilderband zeigt eindrucksvoll, wie sich eine Werkgruppe aus der anderen entwickelte, wie neben den grauen, fast heftig gemalten Stadtbildern die ersten romantisch aufgeladenen Seestücke entstanden, wie inmitten der depressiven monochrom-grauen „Vermalungen“ um 1970 auf einmal eine bunte Referenz an Tizian aufleuchtet, wie schließlich Mitte der Siebziger zwischen den gegenständlichen Werken die ersten stark bunten Abstraktionen entstanden. Damit erschloss sich Richter eine neue Galaxie. Analog zu den Verwischungen der Foto-Bilder entwickelte Richter hier eine Verschleifungstechnik, für die er am Ende einen Rakel über die feuchten Farbflächen zieht. Porträts und Landschaften, Objekte und Architekturen, dazwischen die Abstraktionen, die er immer weiter verfeinerte: Richter wurde über die Jahre zum Meister aller Klassen, der sich nach Belieben aus seinen Mitteln bedient.

Richters Kosmos ist voller Paradoxien, ohne sie versteht man sein Werk nicht. So musste er die Malerei und alles Malerische erst einmal tilgen, um überhaupt noch malen zu können. Dafür wählte er den Umweg über die Fotografie. Ein Umweg mit Folgen, denn zahllose Künstler folgten Richters Methode der Foto-Paraphrase. Damals, in den Sechzigern, als man im Zeichen der Konzeptkunst das Ende der Malerei und den Ausstieg aus dem Bild proklamierte, eliminierte Richter die eigene malerische Bilderfindung und brachte in seinem typisch dunstig-verwischten Stil die vorgefundenen Motive auf die Leinwand. Die amerikanischen Pop-Künstler hatten den Griff in den Alltag vorgemacht, Jasper Johns mit der US-Flagge, Andy Warhol mit der Brillo-Waschbox oder der Campell-Suppendose, Roy Lichtenstein mit Comic-Szenen. Doch anders als die US-Kollegen bediente sich Richter nicht in der Werbewelt oder der Unterhaltungsindustrie. Er durchforstete lieber die Banalitäten des bundesdeutschen Normalbürgers: Onkel Rudi, Tante Marianne, Wäschetrockner und Klorolle, Frau mit Kind oder Horst mit Hund.

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