Stefanie Schüler-Springorum leitet seit Kurzem das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität in Berlin. Die Historikerin übernimmt eine schwierige Aufgabe. In den letzten Jahren der Führung ihres Vorgängers, Wolfgang Benz, verglich das renommierte Institut Islamfeindschaft und Antisemitismus, was heftige Angriffe anderer Antisemitismusforscher nach sich zog. Zuvor leitete Schüler-Springorum das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.
Haben Sie sich schon eingelebt?
Ja. Ich habe zwar immer noch kein Büro, aber das wird sich demnächst ändern. Im Moment ist hier noch vieles improvisiert. Ich sitze in einem leeren Zimmer und die Papierberge häufen sich.
Sie sagten neulich, Sie wollten „Wissenschaft mit einem politischen Impetus“ betreiben. Was heißt das?
Die Aufgabe des Zentrums ist eine doppelte, nämlich Wissenschaft zu betreiben und in die Öffentlichkeit zu wirken. Und das hat im Falle von Antisemitismus immer auch mit Politik zu tun. Das ist anders, wenn man etwa mittelalterliche Geschichte erforscht.
Ihr Institut hat Schlagzeilen gemacht hat. Der Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Man kann Antisemitismus und Islamfeindschaft miteinander vergleichen, weil dann ja auch die Unterschiede deutlich werden. Und ich sehe durchaus Parallelen zwischen der heutigen Situation und der Situation im frühen 19. Jahrhundert, also der Emanzipationszeit. Andere Kollegen sagen, es gäbe diese Parallelen auch im späten 19. Jahrhundert. Dieser Disput ist Grund genug, das historisch zu erforschen, also der Frage nachzugehen, wann welche Gruppen mit welchen Argumenten ausgegrenzt werden.
"Ich gebe keine Sprachregelung vor"
Gibt es da unter den Mitarbeitern Ihres Hauses einen Konsens?
Hier im Haus werden durchaus unterschiedliche Akzente gesetzt. Ich gebe da auch keine Sprachregelung vor. Die Fokussierung auf die Frage, ob man vergleichen kann, finde ich extrem unproduktiv. Es liegt auf der Hand, dass heutiger Antisemitismus und heutige Islamfeindlichkeit relativ wenig miteinander zu tun haben, weil es um völlig unterschiedliche historische Phänomene geht. Aber wenn man sich die Wurzeln anschaut, kann man Ähnlichkeiten sehen – etwa die Ausgrenzung einer fremden Religion und die Betonung der christlich-abendländischen Werte, die ja erst seit neuestem um das Wort „jüdisch“ ergänzt werden.
Ist die Ausgrenzung nicht eher Symptom als Wurzel?
Die Grundfrage ist, wie wird Ausgrenzung begründet, etwa Ende des 18. Jahrhunderts. Da wurde gesagt: Wir sind ein christlicher Staat und deswegen kann hier niemand sonst leben. Das ist eine Ähnlichkeit. Aber der Unterschied zum Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts ist, dass heute niemand den Muslimen unterstellt, sie würden die Regierungen der Welt beherrschen und alle Redaktionen und Medien, Anwaltskammern und Ärzteschaft. Das ist etwas völlig anderes, was nur im Zusammenhang mit Antisemitismus abgerufen wird. So was ist vor dem Hintergrund der Einwanderung sogenannter „Gastarbeiter“ nie passiert.
Kann man sagen, dass die Islamfeindlichkeit so funktioniert wie andere gruppenbezogene Ressentiments und der Antisemitismus nicht?
Ja. Antisemitismus ist kein Vorurteil unter vielen anderen, sondern hat immer auch diese Welterklärungsfunktion, die er Ende des 19. Jahrhunderts bekommen hat. Das ist etwas ganz spezifisches, sozusagen der „klassische Antisemitismus“. Nichtsdestotrotz vermischt sich dieser heute natürlich auch mit Versatzstücken eines einfachen Ressentiments. Wenn Leute sagen, dass die Juden doch mal Ruhe geben könnten, muss dahinter kein geschlossenes Weltbild stehen. Aber es schimmert natürlich ganz schnell auf, wenn etwa von „jüdischen Anwälten der Ostküste der USA“ die Rede ist. Das ist was anderes als Feindschaft gegen muslimische Einwanderer, die ihre Virulenz verstärkt nach dem 11. September bekam.
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