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10. März 2016

Gesellschaft: „Eine Trotzreaktion auf die Politik“

 Von 
Die einen bleiben draußen: „Das Gefühl, dass alle vom gesellschaftlichen Wandel profitieren können, hat sich verflüchtigt“, sagt Heinz Bude.  Foto: epd

Der Soziologe Heinz Bude spricht im Interview über die Notwendigkeit der Politik, schlechte Stimmung mit anderer Stimmung aufzufangen. Auch müsse der Kontakt zu den verbitterten Milieus gehalten werden.

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Herr Bude, die Stimmung kippt, hieß es zuletzt immer wieder, und das bezog sich auf die zugespitzte Situation der Flüchtlingskrise. In Ihrem neuen Buch „Das Gefühl der Welt“ schreiben Sie allerdings, dass es die schlechte Stimmung nicht erst gibt, seitdem die Flüchtlinge an den Grenzen stehen und die Gesellschaft vor Probleme stellen, für die sie keine rechten Lösungen hat.
Ja, ich glaube, dass dieses Gefühl der verbauten Zukunft das zentrale Problem für die akute gesellschaftliche Gereiztheit ist. Da stehen sich zwei Stimmungslager gegenüber. Die einen haben das Gefühl, dass wir uns in einem großen Endspiel mit unserem maßlos gewordenen Kapitalismus befinden. Wir fahren die Geschichte sehenden Auges gegen die Wand. Wir leben in einer Welt prekärer Berufsperspektiven, zunehmender Einkommensungleichheit, globaler politischer Instabilität und einer sich zuspitzenden ökologischen Krise und glauben, uns durch gezielte Einwanderung oder totale Abschließung gegen Menschen in Not retten zu können. Aber dieses Empfinden ist politisch heimatlos. Man findet es bei enttäuschten Sozialdemokraten, verstummten Christdemokraten, bei antideutschen Globalisten wie bei biodeutschen Territorialisten. Auf der anderen Seite haben wir die Entdramatisierer, die sagen, dass alles nicht so schlimm sei. Sie vertreten eine Haltung nach dem Motto: Es wird schon werden. Die Unregulierbarkeit des Systems, unter der die einen leiden, wird von ihnen einfach positiv umgedeutet. Die Unübersichtlichkeit wird nicht als Problem, sondern als Rettung begriffen. Mit Namen aus der intellektuellen Welt versehen, stehen sich gewissermaßen Wolfgang Streeck und Niklas Luhmann gegenüber.

Zur Person
Heinz Bude

Heinz Bude, Jahrgang 1954, ist Soziologe. Die Generations- und die Exklusionsforschung gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Ab 1992 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seit 2000 lehrt er Makrosoziologie an der Kasseler Universität.

Sein neues Buch, „Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen“, erscheint am 14. März bei Hanser, 160 Seiten, 18,90 Euro.

Aber warum münden beide Haltungen zwangsläufig in Unzufriedenheit?
Es fehlt beiden an einer positiven Idee von Zukunft. Die Haltung derer, die sagen: „Es wird schon werden“, ist gefangen in einer Vorstellung von einer ewigen Gegenwart. Die Empörten wiederum blicken apokalyptisch auf die Welt. Der Neoliberalismus der vergangenen 30 Jahre hat ihnen zufolge einen Käfig errichtet, aus dem man nicht mehr herauskommt. Diese Konfrontation der Stimmungen kann man in den USA genauso erkennen wie in Frankreich oder in Polen. Die Flüchtlingsfrage bringt es nur noch stärker hervor. Dazu kommt in Deutschland, dass kaum jemand versteht, wie es in den letzten zwanzig Jahren gelungen ist, aus dem Problemfall Europas das von allen beneidete und gefürchtete Musterland des Kontinents zu machen.

Die Schwierigkeiten, die die Flüchtlingskrise mit sich bringt, sind ja nicht zu leugnen. Aber je länger sie dauert, desto stärker gewinnt man den Eindruck, dass die konkreten Belastungen kaum mehr von den diffusen Ängsten zu unterscheiden sind. Woran liegt das?
Wenn mein Eindruck richtig ist, dass das Gefühl der verbauten Zukunft vor allem ein Ausdruck von Stimmungen ist, dann führen Argumente nicht sehr viel weiter. Die beiden Haltungen haben sich ineinander verhakt, und zur Bestätigung der eigenen Wahrnehmung lassen sich dann immer neue Belege finden. Man wartet nur darauf, dass jemand sagt, dass wir jetzt endlich die Grenzen dicht machen müssen – oder andersherum: dass ein Freund oder ein Freundin nur schulterzuckend von einem Jahrhundertproblem spricht, das sich weder heute noch morgen lösen lässt.

Wie kann man dagegen noch ankommen?
Stimmungen lassen sich nicht durch Argumente, sondern nur durch Stimmungen verändern. Die Frage ist, ob es eine Stimmung gibt, die diese gereizte Konstellation auflösen kann. Gibt es eine Stimmung, die es uns ermöglicht, die gesellschaftliche Situation in einer gewissen Ruhe zu besprechen? Und was ist das für eine Stimmung? Da kommt man weder mit bloßer Abgeklärtheit noch mit empörter Erregtheit weiter.

Aber was folgt daraus für die Politik?
Die Politik wird versuchen müssen, sich über sich selber klar zu werden. Als Angela Merkel zuletzt bei Anne Will auftrat, wusste man vorher, dass sie über ihre Strategie zur Bewältigung der Flüchtlingskrise nichts Neues sagen würde. Sie hat aber versucht, die Stimmung der Verunsicherung aufzugreifen und dabei eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Ihr Auftritt bei Anne Will war also in erster Linie eine Stimmungsintervention. Das Gegenbeispiel ist Sigmar Gabriel, der aus der Festgefahrenheit der Sozialdemokratie in dieser Situation gar nicht herauskommt.

Wenn die Stimmung als politische Kategorie eine so große Bedeutung hat, dann ist das Angebot der professionellen Politik aber eher dürftig.
Das stimmt – mit zwei Ausnahmen. Die eine ist Winfried Kretschmann. Dabei stellt sich die Frage, warum der so wirkt. An seinen mit Zitaten von Hannah Arendt gespickten Reden kann das nicht liegen. Ich glaube nicht, dass die weithin verstanden werden. Winfried Kretschmann ist aber in der Lage, einen Oberton mit zu kommunizieren, der sagt: Politik ist eben nicht alles. Politik muss sich am Ende noch auf anderes beziehen, um etwas zusammenzufügen. In seinen besten Momenten ist Kretschmann der Botschafter einer neuen Stimmung, die ich als reparative Stimmung kennzeichnen würde. Unterhalb der Stimmung der Gereiztheit gibt es ein Motiv, dass sich wieder ein Ganzes ergeben möge. Vielleicht kann man mit Paul Watzlawik sagen, dass im Augenblick die Beziehungsaspekte wichtiger sind als die Inhaltsaspekte. Und das trifft Kretschmann ganz gut. Willy Brandt hat in seiner berühmten Rede „Mehr Demokratie wagen“ von der Fühlungsnahme zur Gesellschaft gesprochen. Genau darum geht es.

Und wer ist die Nummer zwei der politischen Ausnahmen?
Die verkörpert Frank-Walter Steinmeier. An ihm kann man lernen, dass man sich mit unangenehmen Figuren der Weltpolitik ins Benehmen setzen muss. Man kann mit Despoten reden, ohne innerlich zu wackeln. Steinmeier übermittelt dabei nicht zuletzt eine Stimmungsbotschaft, die besagt, dass man von den Schurken, mit denen man reden muss, nicht gleich angesteckt wird.

Aber die Ausnahmen bestimmen derzeit nicht die Debatte. Die politische Wut scheint vielmehr darauf gerichtet zu sein, Politiker dabei zu ertappen, dass sie nichts im Griff haben. Wir haben es mit einer auffälligen Abkehr von der Politik zu tun. Warum fällt es so schwer, die Errungenschaften des Staates und seiner Institutionen anzuerkennen?
Ich glaube, dass dies eine Folge der Langzeitwirkung einer weit verbreiteten Trittbrettfahrer-Mentalität ist. „Der Ehrliche ist der Dumme“. Die Leute haben sich eingeredet: Wer schlau ist, kommt durch. Gutmenschen können nur Studienräte mit Beamtengehalt oder Coacherinnen mit Welterlösungsanspruch sein.

Verstehe ich Sie richtig, dass es sich trotz vieler radikal-politischer Äußerungen primär gar nicht um eine politische Bewegung handelt?
Im Kern erleben wir eine gesellschaftliche Verstimmtheit, die sich gegen die Politik und das Establishment richtet. Was sich auf sehr ruppige Weise äußert, kann man als eine Art Revanche an der Politik beschreiben. Man könnte sagen, dass der Versuch, sich dabei entschieden von Stimmungen leiten zu lassen, eine Art Trotzreaktion auf die Gesellschaftsvergessenheit der Politik ist.

Es hat vergleichsweise lange gedauert, bis rechtspopulistische Strömungen in Deutschland stark werden konnten. Nun scheint mit der AfD eine Partei da zu sein, die in der Lage ist, die von Ihnen beschriebenen Unterlegenheitsgefühle zumindest mittelfristig zu binden. Warum hat es bei uns länger gedauert und auf was haben wir uns da einzustellen?
Es galt lange die Einstellung, dass trotz der enormen Veränderungen, die mit den Prozessen der Globalisierung einhergingen, für alle etwas dabei herauskommt. Das Gefühl, dass alle vom gesellschaftlichen Wandel profitieren können, hat sich verflüchtigt. Wir können nicht mehr die Augen davor verschließen, dass wir ein neues Proletariat in Deutschland haben, das Dienstleistungsproletariat. Das sind Leute, die 40 bis 50 Stunden in der Woche arbeiten, dabei am Ende aber selbst in unbefristeten, vollzeitigen Arbeitsverhältnissen mit 1000 Euro netto nach Hause kommen. Davon kann man in Hamburg, Reutlingen oder Leipzig nicht leben und nicht sterben. Und man kann nicht die Augen davor verschließen, dass die Mitte selbst sich spaltet. Es gibt einen oberen Teil von Haushalten mit zwei guten Jobs, zwei Kindern und einer Eigentumswohnung, die in den letzten zwanzig Jahren mächtig dazugewonnen haben. Aber auch einen unteren Teil, in dem Menschen, die gut ausgebildet sind, die sich mühen, die ihren Kindern eine gute Ausbildung angedeihen lassen wollen, in prekärem Wohlstand leben. Die Vorstellung, dass wir uns als Einzelne retten können, wenn wir denn nur schlau genug sind, ist dahin. In dieser Situation scheint sich eine rechtskonservative Bewegung anzubieten, die diese sich neu bildenden Gruppen mit Deklassierungserfahrungen aufnimmt.

Wie kann sich denn angesichts eines erstarkenden Populismus, der ja am kommenden Sonntag seinen ersten Höhepunkt erleben dürfte, die etablierte Politik neu aufstellen?
Die Politik darf den Kontakt zu den Verbitterungsmilieus in der Mitte unserer Gesellschaft nicht verlieren, sie darf die Ignorierten aus dem Dienstleistungsproletariat nicht ihrem Schicksal auf den „Jedermanns-Arbeitsmärkten“, die heute vermehrt „Jederfraus-Arbeitsmärkte“ sind, überlassen, und sie darf auch das selbstgerechte Kleinbürgertum nicht zum inneren Feind erklären. Es geht dabei aber nicht darum, wie Erich Mielke in höchster Not zu rufen „Ich liebe euch alle!“, sondern in der Stimmung der Zukunftsaufgeschlossenheit deutlich zu machen, dass für alle Platz ist. Der demokratische Bewerber für das Amt des amerikanische Präsidenten, Bernie Sanders, der vor allem von den jungen, gut ausgebildeten und von dieser merkwürdigen Periode des Neoliberalismus enttäuschten Amerikanern unterstützt wird, hat in seiner an Halsstarrigkeit grenzenden Wahrheitszumutung dafür ein interessantes Motto gefunden: „A Future to Believe In“.

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