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11. Dezember 2015

Gespräch mit Robert Spaemann: „Religionen, die es ernst meinen, sind intolerant“

 Von Michael Hesse
„Aber das Ziel der Mission ist nicht Unterwerfung“, sagt Robert Spaemann. Synthese aus Forschung und Mission, hier eine Schwester im ehemaligen Deutsch- Ostafrika (heute Tansania) aus den 1920er Jahren.  Foto: © epd-bild / LMW

Doch, so ergänzt der Philosoph Robert Spaemann: „Sie lehnen es ab, andere gewaltsam zu bekehren“. Ein Gespräch über Flüchtlinge, einen Gottesbeweis und den Missionsbefehl.

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Herr Professor Spaemann, der Westen scheint auf seinen Fundamenten wie schon lange nicht mehr zu wanken. Flüchtlinge, Terror und Konflikte im Osten erschüttern Europa. Hat Europa die moralische Pflicht, Menschen in Not uneingeschränkt zu helfen?Uneingeschränkt kann die Hilfsbereitschaft sein, aber nicht die tatsächliche Hilfe. Es kann nicht unsere Pflicht sein, uneingeschränkt zu helfen, weil es nicht möglich ist. Wir können es nicht. Und wir sollten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unserer Hilfe Obergrenzen setzen. Zudem ist es so, dass, wenn es solche Grenzen gibt, man auswählen muss, wen man nimmt und wen nicht.

Und wie fällt dann die Auswahl aus?
Es besteht das allgemeine Vorurteil, dass der Zufall immer das beste Kriterium sei, aber das ist Unsinn. Es gibt verschiedene Grade der Nähe und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Folglich ist es nicht der Zufall. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl. Auch berufliche Kompetenz kann ein solcher Grund sein.

Das heißt, dass eher verfolgte Christen aus dem Irak als verfolgte Muslime aus Syrien aufgenommen werden sollten?
Wenn es tatsächlich nicht möglich ist, beiden zu helfen – was man versuchen sollte –, dann ist es nicht falsch, sondern sogar vernünftig, Glaubensgenossen zu bevorzugen. Das ist ja auch in einigen Ländern gängige Praxis. Kultureller Pluralismus kann eine historisch begründete Gegebenheit sein, aber wir sollten ihn nicht zu einem Ziel hochjubeln. Er vergrößert das Konfliktpotential.

Aber wir haben doch eine säkulare Gesellschaftsordnung.
Es ist trotzdem so, dass ganz unabhängig von den Glaubensüberzeugungen unsere Kultur geprägt ist vom Christentum. Unsere Feste – Weihnachten, Ostern – sind christlichen Ursprungs. Großbritannien schafft sie ab. Merry Christmas ist nicht mehr erlaubt, es heißt jetzt „Season’s Greetings“. Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der das für eine Bereicherung hält. Säkularismus ist im Begriff, im Dienst der political correctness zu stehen.

Der Anspruch auf Asyl ist indifferent in Bezug auf Staats- oder Religionszugehörigkeit.
Aber wenn die Bundeskanzlerin als Grund für die Gewährung von Asyl neben Verfolgung wegen religiöser, politischer sowie rassischer Eigentümlichkeit auch Armut nennt, ist das eine katastrophale Ausweitung. Gewiss, man kann Menschen nicht vorwerfen, dass sie durch Emigration ihren Lebensstandard zu heben versuchen. Wir würden in ihrer Lage das vielleicht auch versuchen. Aber ebenso klar ist es auch, dass wir diesem Wunsch nicht entsprechen können.

Sind sich da eigentlich alle einig? Augustinus hat den Begriff der ordo amoris eingeführt, also nach der Nähe und Ferne zu urteilen. Wie steht es da mit der philosophischen Tradition?
Aristoteles hat das als selbstverständlich vorausgesetzt. Er hat vom Menschen als Menschen gesprochen. Aber zunächst geht auch er von der polis, der Zugehörigkeit, aus. Die kleine polis ist für ihn der ideale Ort der Verwirklichung des Menschseins. Ein würdiger Status für Fremde gehört ebenso zur polis wie die klare Unterscheidung von Menschenrechten und Bürgerrechten. Wenn Menschen und Kommunen hilfsbereit sind, folgt daraus noch nicht, dass man an sie beliebige Ansprüche stellen darf.

Umgekehrt denn schon, dass man an denjenigen, der Hilfe sucht, Ansprüche stellen kann?
Ja. Aber nicht beliebig lange, und nicht beliebig viel. Wenn Kommunen ihre Turnhallen zur Verfügung stellen, um Obdachlosen zu helfen, dann ist das in Ordnung, aber nur für eine ganz begrenzte Zeit. Empfänglichkeit für fremdes Leid, Mitleid, Hilfsbereitschaft sind zentrale Tugenden im Christentum. Die sich ausbreitende Christophobie zerstört die Wurzel dieser Eigenschaften. Aber auch für Christen gibt es einen ordo amoris.

Zur Person

Robert Spaemann wurde 1927 in Berlin geboren. Er promovierte 1952 in Münster, 1962 habilitierte er in den Fächern Philosophie und Pädagogik und war bis 1992 ordentlicher Professor an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg und München.

Als Intellektueller hat Spaemann immer wieder eingegriffen in öffentliche Grundsatz- und Wertedebatten wie die atomare Bewaffnung, den Kosovokrieg, die Abtreibungs- und Euthanasiegesetzgebung. Dabei war die christliche Religion für den Philosophen stets ein zentraler Bezugspunkt. Die Bücher Spaemanns sind im Verlag Klett-Cotta erschienen, zuletzt „Meditationen eines Christen“ (2014).

Das bedeutet konkret?
Nehmen wir das Beispiel des australischen Philosophen Peter Singer: Wenn zwei Kleinkinder in einen See gefallen sind, welches rette ich dann, wenn das eine nicht meines ist? Wenn mein Kind minderbemittelt ist und nicht so viel Aussicht auf Lebensfreude hat wie das andere Kind, dann müsste ich das andere Kind retten und nicht meins. Das halte ich für vollkommen falsch.

Warum?
Absolut beurteilen, einem Menschen von Grund auf gerecht werden kann niemand, das heißt, das kann nur Gott. Die Rangordnung von Nähe und Ferne gehört zur Natur des Menschen. Familienzusammengehörigkeit ist solch ein Grund zu sagen: Du bist doch mein Bruder.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und blicke auf die Terrorakte von Paris und anderswo. Ein Bischof sagte kürzlich, er frage sich, wo Gott gewesen sei, als dies passierte. Wo war Gott?
Er war am Kreuz. Das ist die einzige Antwort, die wir haben. Jesus selber hat die Frage am Kreuz gestellt: Warum hast du mich verlassen? Man muss allerdings sagen, dass dies das Zitat aus einem Psalm ist. Er beginnt mit den Worten: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diese Erfahrung der Gottverlassenheit ist eine sehr verbreitete, die immer dann auftaucht, wenn den Menschen Schlimmes zustößt. Wenn der, den wir für den Sohn Gottes halten, das auf sich genommen hat, dann ist das die Antwort darauf. Mehr kann ich in diesem Augenblick dazu nicht erklären. Die gesamte Weltgeschichte, das Universum ist in Gottes Hand. Die Hoffnung bleibt, auch wenn sie uns nicht explizierbar ist.

Und doch gibt es ein Problem für uns, nämlich zu verstehen, wie wir hier auf der Erde unsere Rechte begründen können. Jeder kann ein Recht für sich in Anspruch nehmen, das gilt auch für die Terroristen des IS, die glauben, in einem bestimmten Sinne rechtmäßig zu handeln, der uns als unvernünftig erscheint. Aber im Bereich des positiven Rechts gibt es Schwierigkeiten in der Argumentation. Was helfen würde, wäre, wenn man sich auf ein Naturrecht beriefe. Gibt es ein solches Recht?
In Zeiten der grausamen Tyrannen zweifelt niemand daran, dass es das von Natur Gerechte und Ungerechte gibt. Schon Kinder im Sandkasten wissen das. Wer Widerstand leistet, etwa in der Nazi-Zeit, ist jemand, der vom Naturrecht überzeugt ist, auch wenn er es vielleicht anders bezeichnet. Solange man unter diesem Druck lebt, würde jemand schlecht angesehen, der fragen würde: Was ist daran falsch? Wenn man jemandem die Geschichte von Auschwitz erzählt und er sagen würde: „Das war halt deren Ansicht, dass die Juden umgebracht werden müssen. Wir haben heute andere Werte“ – dem würde man mit Aristoteles antworten, der einmal schrieb: „Wer sagt, man dürfe auch seine Mutter töten, der hat nicht Argumente, sondern Zurechtweisung verdient.“ Es gibt im Begründungszusammenhang ein Ende der Begründung. Der Begriff des „Wertes“ ist übrigens ganz ungeeignet, in öffentliche Kontroversen Klarheit zu bringen. Wir gehören nun einmal zwei Dimensionen an, der der Lebewesen und der der Vernunftwesen.

Wie meinen Sie das genau?
Wir leben in einem Medium des Allgemeinen und des Partikularen. Wir haben als Menschen Interessen, die wir gegeneinander abwägen können. Aber meine Interessen stehen nicht über denen der anderen, weil es meine sind. Sie müssen und können gegeneinander abgewogen werden. Diese Fähigkeit ist dem Menschen mitgegeben. Auch die Worte dienen dazu, nicht nur auszudrücken, wie mir zumute ist, sondern dazu, etwas Wahres mitzuteilen. Es gibt zwei Definitionen des Menschen bei Aristoteles, die eine ist: Der Mensch ist ein Vernunftwesen. Die zweite ist: Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Beides verbindet sich in der Sprache. Sprachlich müssen auch Begründungen gefasst werden. Bei Begründungsfragen gibt es allerdings ein Ende der Begründungskette. Es gibt das Selbstverständliche und das Evidente. Descartes hat versucht, auch am Evidenten zu zweifeln. Aber dieser Zweifel war nur ein methodischer. Wer wirklich an allem zweifelt, könnte gar nicht mehr weiterleben.

Wir können diese Fragen also als Menschen und Vernunftwesen beantworten und für uns klären. Reicht das aber für die Begründung des Naturrechts aus? Wir machen uns ja Hoffnung, dass wir solchen Terroristen wie den islamischen Fanatikern argumentativ etwas entgegenhalten können. Geht das aber auch ohne Rückgriff auf eine übernatürliche Ordnung, reicht der Mensch als Vernunftwesen aus?
Nein, das würde ich nicht sagen. Sie meinen eine göttliche Ordnung. Die Menschen leiden unter der Verletzung ihres natürlichen Rechts. Wir brauchen dazu zunächst keinen Rekurs auf eine übernatürliche Ordnung. Wenn allerdings der Gesprächspartner alles in Frage stellt, wenn er davon ausgeht, dass es nur Interessen gibt, und er nicht bereit ist, die eigenen Interessen zu relativieren, dann brauchen wir den Rekurs auf den Willen Gottes. Eine Person kann letzten Endes nur durch eine Person verpflichtet werden. Nur wenn das Naturrecht im Willen Gottes gründet, kann es freie Personen binden. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb einmal: Es gibt zwei Meinungen, die einen sagen, Gott will das Gute, weil es das Gute ist. Und die anderen sagen, das Gute ist das Gute, weil Gott es will. Wir sind normalerweise gewöhnt, die erste Antwort für die richtige zu halten. Aber Wittgenstein hielt die zweite für richtig. Er sagte, die tiefere Begründung ist die, dass hinter dem, was von Natur gerecht ist, ein heiliger Wille steht. Nur ein Wesen mit einem Willen kann etwas für eine andere Person verbindlich machen. Und in diesem Falle ist es eben so, wir haben verschiedene Perspektiven, die Perspektive, die die Welt als Ganze betrifft, ist die Gottesperspektive. Nur Gott weiß das Ganze.

Nietzsche sagte: „Wir müssen lernen, ohne Wahrheit zu leben.“ Er vertritt einen Relativismus, den man kaum hintergehen kann, oder?
So können wir als Mensch gar nicht leben. Das sind blutleere Forderungen. Wenn wir nicht auf den Begriff der Wahrheit rekurrieren können, können wir auch nicht mehr beurteilen, welche Meinung die wahrere ist, sondern nur, welche die stärkere ist. Das ist unsere Situation heute. Wir leben unter einer Tyrannei der Werte. Die Stärke setzt sich durch. An die Stelle des Begriffs tritt die Lehre des politisch Korrekten. Wer sich darauf bezieht, gegen den braucht man auch keine Argumente. Die Herrschenden definieren, was richtig ist. Und wenn andere kommen, gilt eben etwas anderes. Das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Diese Denkweise wird heute immer obligatorischer.

Also hatte Nietzsche recht?
Nietzsche hat gesehen, dass es, wenn Gott nicht existiert, keine Wahrheit gibt. Und wenn der Glaube an Gott zusammengebrochen ist, dann ist auch der Begriff Gottes verschwunden, der an den Wahrheitsbegriff ebenso geknüpft ist, wie der Wahrheitsbegriff an den Gottesbegriff, sie gehören zusammen. Und das hat Nietzsche als erster richtig gesehen. Seine Konsequenz war, dass an die Stelle der Religion ein neuer Mythos treten könne, der stark genug ist, von Wahrheit unabhängig zu sein.

Eine Proklamierung des Rechts des Stärkeren.
Die Menschen leiden unter der Abwesenheit der Begriffe Recht und Wahrheit. Wenn man sagt, dass das Recht in dem Willen der Mehrheit gründet, muss man sagen, dass dies kein Recht ist. Die Mehrheit selber ist keine Schöpferin der Wahrheit. Lassen Sie die Mehrheit der Menschen, die bekanntlich den Menschen dafür verantwortlich machen, dass der Klimawandel stattfindet, sich irren – es gibt ja Wissenschaftler, die behaupten, der Mensch habe mit dem Klimawandel nichts zu tun. Welche der beiden Parteien die Mehrheit hat, spielt überhaupt keine Rolle, es wird sich in einigen Jahrzehnten zeigen. Dann wird niemand mehr daran zweifeln, wer recht hatte. Man kann also nicht sagen, wahr ist das, was die Mehrheit darüber denkt. Es kann falsch sein.

Der Philosoph Ernst Tugendhat schrieb einst, dass die Haltung der Religion „mit der intellektuellen Redlichkeit heute nicht mehr vereinbar“ sei. Können wir uns dem entziehen?
Was soll das „heute“ darin bedeuten? Was soll anders sein als vor 200 Jahren?

Er würde sich vielleicht auf die Epoche der Aufklärung beziehen.
Das war eine Epoche strikten Naturrechts. Die ganze Aufklärung bestand in der Proklamation des Naturrechts gegenüber der gesamten Tradition. Insofern ist die ganze heutige Polemik gegen das Naturrecht eine Anti-Aufklärung.

Kant versuchte eine Ordnung zu schaffen, die sich auf den Menschen als Vernunftwesen stützt. Eine Begründung, die auf Gottesbeweise fußt, lehnte er ab.
Es ist nicht in Ordnung, wenn Tugendhat die Menschen, die glauben, der intellektuellen Unaufrichtigkeit bezichtigt. Das ist ein schwerer moralischer Vorwurf. Ich weiß nicht, woher er das Recht zu diesem Vorwurf nimmt. Wer wird getroffen damit, wenn in der Tradition beginnend mit Descartes alles daran gesetzt wurde, einen Gottesbeweis zu führen? Beginnend mit dem ontologischen Gottesbeweis, der schon von Anselm von Canterbury im Mittelalter geführt wurde, der von Descartes erneuert wurde, den Hegel hochgehalten hat, und was Kant betrifft, er sagte, dass man das Wissen einschränken müsse, um für den Glauben Platz zu schaffen. Kant bekennt sich zur Existenz Gottes, das ist für ihn einsehbar, wenn auch nicht mit den Methoden der modernen Wissenschaft beweisbar. Er setzte nie auf die Allmacht der Wissenschaft, die auch noch versuchte, die Verbindlichkeit der Moral auszuhebeln und dann nur noch psychologisch zu erklären. Das alles ist Aufklärungstradition. Welche Menschen meint Tugendhat also, es sind ja nicht alles moralische Subjekte, die vor Priestern kriechen würden. Selbst der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt in einem seiner letzten Texte: Es gibt nur eine Sache, die absolut wichtig ist, und das ist Gott. Ist er intellektuell unaufrichtig? Oder war Max Planck unaufrichtig, der ebenfalls an Gott glaubte?

Kant hat die Gottesbeweise widerlegt. Seiner Meinung nach gab es keinen vernünftigen Beweis der Existenz Gottes. Sehen Sie das anders? Kann man die Existenz Gottes beweisen?
Das kommt ganz darauf an, was man unter dem Wort „beweisen“ versteht. Man muss sich klar machen, wenn es um die Existenz Gottes geht, geht es zugleich um die Wahrheit. Nur wenn es Gott gibt, gibt es so etwas wie Wahrheit. Die Frage ist, gibt es einen Grund für Gründe, gibt es einen Grund für Wahrheit, da sind wir bei den Ur-Begriffen, die selbst nicht wiederum begründet werden, sondern der Grund jeder Begründung sind. Sie können jede Begründung hinterfragen. Kant glaubte, dass die moderne Wissenschaft einen solchen Beweis nicht führen könnte. Weil für ihn die theoretische Vernunft gleichbedeutend war mit der theoretischen Wissenschaft, sagte er, dass man das Wissen einschränken müsse, um für den Glauben Platz zu schaffen. Um die Überzeugung von der Existenz Gottes in der Vernunft zu verankern, muss man die praktische Vernunft einbeziehen. Die Argumente von der Existenz Gottes gehören in die praktische Philosophie und nicht in die theoretische. Um Gott zu retten, muss ich deutlich machen, dass die wissenschaftliche Vernunft nicht ausreicht. Übrigens hat Hegel diese Einschränkung der theoretischen Vernunft missbilligt. Die theoretische Vernunft hat ihre eigene Beschränktheit deutlich gemacht.

Die Existenz Gottes ist beweisbar, aber den expliziten Beweis hat noch niemand erbracht?
Wirklich? Was denken Sie über die Lehre von Gott bei Hegel, bei Karl Jaspers, bei Whitehead? Und ich denke dabei auch an mein Argument, das ich später in ähnlicher Form bei Hans Jonas gefunden habe und das ich das Argument aus dem Futurum exactum nenne. Ich gehe dabei aus von der Ewigkeit der Wahrheit. Dass wir zum Beispiel hier einen Dialog führen, ist eine ewige Wahrheit. Es ist jetzt wahr, und es wird auch in Jahrmillionen nicht falsch werden. Was in Zukunft nicht für ewig gewesen sein wird, das ist es auch jetzt nicht. Sonst bricht die Vernunft zusammen. Wahrheit aber bedeutet Übereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit. Was aber ist, wenn es einmal überhaupt kein Denken mehr auf der Welt gibt? Werden dann die Aussagen über die Wirklichkeit, die jetzt wahr sind, einmal aufhören wahr zu sein? Wenn nicht, dann muss es ein ewiges Bewusstsein geben, in dem sie aufgehoben sind. Das ist natürlich kein mathematischer Beweis. Einen mathematischen Beweis hat übrigens der berühmte Mathematiker Gödel geführt.

Wenn man die abrahamitischen Religionen vergleicht, wie kann man sicher sein, dass man der richtigen Religion anhängt, denn das behaupten ja alle von sich?
Diese Frage führt in die Irre. Sie geht davon aus, dass es einen Standpunkt jenseits und oberhalb der Religion gibt, wo der Streit entscheidbar wäre. Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Der Wahrheit nahekommen kann man nur, wenn man einen Weg wirklich geht und sich von ihm aus die Welt erschließen lässt. Es ist ein Weg in die Tiefe, wo dann die Gläubigen verschiedener Religionen einander näherkommen. In dieser Annäherung gibt es dann ungeahnte Berührungen. Und jeder Partner eines wirklichen Dialogs geht bereichert nach Hause. Der andere Weg ist der oberflächliche, die Betrachtung von außen, der Versuch, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden unter Opferung alles den einzelnen Religionen oder Konfessionen Spezifischen. Mir wurde das so deutlich bei einem Besuch in Nordafrika, wo ich gern in eine Moschee gehen wollte, aber von einigen jungen Männern zurückgehalten wurde, die mir sagten, dies ist ein Ort des Gebetes und nicht des Herumguckens von Touristen. Und ich dachte an die Massen, die sich durch das Straßburger Münster oder den Petersdom wälzen, und ich sagte im Stillen zu den jungen Leuten, die mich ausschlossen: Ihr seid meine Brüder. Religionen, die es ernst meinen, sind intolerant. Aber sie lehnen es ab, andere gewaltsam zu „bekehren“. Jesus sagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Die Kirche hat das immer so verstanden, dass jeder Mensch, der dem ihm gegebenen Licht folgt, zu Jesus gehört, ob er es weiß oder nicht. Wesentlich für das Christentum ist allerdings der Missionsbefehl Jesu: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Universalistische Religionen sind ihrem Wesen nach missionarisch. Aber das Ziel der Mission ist nicht „Unterwerfung“.

Und wie ist das Verhältnis von Terroristen und Religion?
Wenn Gott so ein blutrünstiges Wesen ist, wie er durch den IS dargestellt wird, und man sagt, dass dies mit dem Islam nichts zu tun hat, dann ist das naiv. Natürlich hat es etwas mit dem Islam zu tun. Die Tatsache, dass viele Muslime diese Taten der Terroristen scharf missbilligen, heißt nicht, dass sie nichts mit der Religion zu tun hätten. Der Koran ist das einzige Buch, worauf sich die Attentäter beziehen. Wie kann man also sagen, das hätte mit dem Islam nichts zu tun? Das ist Schönrednerei. Die Muslime müssen ihr Verhältnis zur Gewalt gründlich aufarbeiten.

Da würden Muslime auch auf die Bibel und die Kreuzzüge verweisen.
Das sagt man oft. Aber einerseits muss man sagen, dass das Verhältnis des Christentums zur Gewalt im Mittelalter nicht das neutestamentliche war. Andererseits soll man die Kreuzzüge auch nicht schmähen. Die Christen haben das Heilige Land zurückerobert, und zwar nicht um Menschen gewaltsam zu bekehren. Und warum es den Muslimen gelingt, die Kreuzfahrer als etwas so Schlechtes darzustellen, wo es sich in Wirklichkeit nur um Verteidigung handelt, ist mir ein Rätsel. Dahinter stand nicht der Versuch, die Welt zu missionieren, sondern es ging um die Zurückgewinnung von Gebieten, die vordem christlich waren. Die Muslime sind mit Gewalt dort eingedrungen und haben es islamisiert. Die Bibel des Alten Testamentes ist eine Sache für sich, aber die Bibel des Neuen Testamentes kennt Gott als Inbegriff der Vernunft, deren praktische Seite Liebe heißt.

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