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Gespräch mit T. C. Boyle: "Ich bin kein Barbar"

Wenn Wright heute lebte, hätte er mit seinen sexuellen Eskapaden gute Aussichten, Britney Spears, Paris Hilton und anderen Skandalnudeln den Rang abzulaufen.

Ganz sicher, er würde die Presse und die Online-Portale mit Skandalfutter versorgen. Er war aber schon damals ständig in den Schlagzeilen. Er gierte nach dieser Form von Aufmerksamkeit. Er war ein teuflischer Kerl, er liebte es, die Presse zu provozieren, die gängige Moral herauszufordern.

Ganz gleich, ob Sie berühmte Architekten, fiktive Umweltschützer oder verblendete Hippies beschreiben: Sie alle haben sexuelle Obsessionen, die Sie uns in schönen Metaphern ausmalen.

Das geht auf eines meiner Leitmotive zurück: Wir sind wie Tiere. Sex ist nun mal der stärkste tierische Impuls, der uns antreibt. Und oft genug überwältigt er den Intellekt.

Mit anderen Worten: Wrights Frauen waren für Sie interessanter als seine Arbeit?

Mit Sicherheit. Aber ich schwöre: Ich habe mir das Thema wegen unseres Hauses ausgesucht. Ich wollte einfach einen kreativen, aber rücksichtslosen Künstler beschreiben - jemanden, der andere nur beachtet, wenn sie seinen Zielen dienen.

Sie haben vor Wright unter anderen den Gesundheitsapostel John Harvey Kellogg und den Sexualforscher Alfred Kinsey porträtiert. Sie alle waren Tyrannen hinter strahlenden Fassaden. Je heller das Licht, desto düsterer die Schatten?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man einen unbändigen starken Willen und Hingabe braucht, um etwas Besonderes zu schaffen. Das frisst einen auf, da ist dann kein Platz mehr für menschliche Gefühle. Jetzt kann man sich fragen: Ist es das wert? Ist es entschuldbar, ein Tyrann zu sein, wenn man großartige Kunst schafft? Ich weiß es nicht, deshalb schreibe ich ja über diese Menschen. Und ehrlich gesagt haben viele Schriftsteller viel mit diesen Typen gemein - ich besonders.

Sie sind ein Tyrann?

Das nicht. Aber ich teile diese absolute Hingabe für die Kunst. Und ich kenne auch dieses Bestreben, die Welt dominieren, kontrollieren zu wollen. Ich weiß, dass ich die große Welt da draußen nicht kontrollieren kann, aber ich kontrolliere meine Romanwelt und meine Figuren.

Sie veröffentlichen jedes Jahr abwechselnd ein Buch mit Kurzgeschichten, dann wieder einen Roman. Was treibt Sie an? Ist es die Sucht, Ihre Welt immer wieder neu ordnen zu wollen?

Natürlich! Ich bin vielleicht nicht so besessen wie Joyce Carol Oates. Ich versuche, neben meiner Arbeit ein normales Leben zu führen. Nach diesem Gespräch werde ich im Supermarkt einkaufen, um meiner Frau ein leckeres Essen zu kochen.

Mit Wein und Fleisch.

Mal sehen.

Ist es gesund, süchtig nach Arbeit zu sein?

In meinem Fall, ja. Es ist in jedem Fall gesünder als Drogen. Wenn ich nicht regelmäßig schreiben würde, wäre ich längst tot. Die 14 neuen Geschichten meiner nächsten Kurzgeschichtensammlung "Wild Child" sind bereits fertig. Und ich habe schon zwei Drittel des neuen Romans hinter mir. Er handelt von der ökologischen Sanierung der Kanalinseln vor Santa Barbara.

Noch so ein Boylesches Leitmotiv.

Diese Inseln waren mir 16 Jahre lang nahe, ohne dass ich sie wirklich kannte. Ich sehe sie, wann immer ich die Pazifikküste entlangfahre - monumentale Brocken im Ozean, Santa Cruz Island ist viermal so groß wie Manhattan. Niemand lebt dort. Es ist heute ein Nationalpark. Ich habe mich immer wieder gefragt, was dort wohl jeden Tag los ist.

Sind Sie mal mit dem Schiff übergesetzt - oder lassen Sie Ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf und beschreiben den Liebesakt triebhafter Ökologen in der Wildnis?

Lassen Sie sich überraschen. Ich bin viele Male dort gewesen. Es war wunderbar. Letzten Sommer bin ich mit der Fuchs-Lady übergesetzt.

Der Fuchs-Lady?

Sie ist Biologin. Sie zählt und vermisst die Zwergfüchse der Insel. Von allen Nationalparks in den USA ist dies der am wenigsten gut erreichbare - und besuchte.

Was sich nach der Erscheinen Ihres Romans wohl ändern wird.

Glaube ich nicht. Man ist mit dem Boot eine Stunde unterwegs, ich musste den ganzen Weg lang kotzen.

Um auf das Thema Sucht zurückzukommen: Früher waren Sie süchtig nach Heroin und Alkohol. Hat das Schreiben Ihnen geholfen, diese Abhängigkeiten zu überwinden?

So klischeehaft das auch klingen mag: Es hat mir das Leben gerettet. Ich musste etwas finden, in dem ich gut war. Vielleicht hatten meine frühen Drogenprobleme mit meiner problematischen Jugend zu tun, mit einer verspäteten Pubertät. Ich habe lange nicht gewusst, was ich tun wollte. Natürlich hat Glück auch eine große Rolle gespielt. Irgendwann schrieb ich mich für den Schriftsteller Workshop in Iowa ein...

Wo John Irving Ihr Mentor war.

Ja, dort wurde ich ein sehr guter Student. Ich war gut - für mich eine völlig neue Erfahrung, weil ich auf einmal wusste, was ich wollte. Und diese Hingabe hat mich seitdem nie mehr verlassen. Ein Buch fertig stellen, ist, wie wenn man Heroin nimmt, dieser Rausch, wenn man alle Fäden miteinander verknüpft hat. Ich kann mich an Literatur festhalten. Was ganz hilfreich ist, wenn es sonst nicht viel gibt in dieser Welt, woran man sich halten kann. Wissen Sie, ich lasse mich nicht einengen, für mich gibt es keine thematischen Grenzen. Das ist immer wieder aufs Neue sehr befreiend, ein Trip, eine ewige Entdeckungsreise.

Sie ziehen sich jedes Jahr in die Sequoia-Wälder in die Sierra Nevada zurück. Können Sie wenigstens dort oben abschalten?

Da oben in der Natur arbeite ich erst recht wie ein Irrer, weil es nichts gibt, das mich ablenkt: kein Telefon, keine E-Mails. Ich genieße das. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich kann auch loslassen - jeden Tag um 15 Uhr, wenn die Arbeit vorüber ist.

(Interview: Martin Scholz)

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Datum:  13 | 2 | 2009
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