Mr. Boyle, wie eitel sind Sie?
Ich bin eitel - wie viele andere Künstler auch. Warum fragen Sie?
Es fällt auf, dass Sie auf Ihrer Website nur die positiven Besprechungen Ihres neuen Romans "Die Frauen" erwähnen.
Klar, mein Verleger schickt mir ja auch nur die Lobeshymnen. Nein, im Ernst, ich plane, demnächst zu jedem meiner Bücher ein Dossier mit Besprechungen online zu stellen - Futter für Studenten, die eine Hausarbeit über mich schreiben. Aber das hat ja nichts mit Eitelkeit zu tun. Als junger Mann war ich eitel, immens von mir eingenommen. Heute weiß ich, dass ich irrelevant bin, und der Literatur geht es auch nicht besser.
Sind Sie neidisch, wenn beispielsweise in der verkaufsfördernden Oprah-Winfrey-TV-Show lieber Kochbücher von Jamie Oliver angepriesen werden, während Belletristen wie Sie außen vor bleiben?
Ach was. Wobei es mich schon zum Nachdenken bringt, dass sich all diese Kochbücher so gut verkaufen. Ich sage Ihnen was: Ich werde bald auch ein Kochbuch schreiben und Millionen verdienen. Ich habe auch schon eine Idee: Meine Frau hat gerade sehr erfolgreich eine Diät gemacht. Sie sieht fantastisch aus, wie das schlanke Mädchen, das ich vor langer Zeit geheiratet habe. Sie hat es mit einer Kombination aus einer Wein- und Fleischdiät geschafft. Du kannst so viel Fleisch essen und so viel Wein trinken, wie du magst.
Klingt eher nach einer Ihrer abgedrehten Kurzgeschichten.
Gut, wenn man's übertreibt, landet man in einer Suchtklinik. Aber es funktioniert. Ich werde mir tolle Rezepte für mein Buch ausdenken: eine Wein-mit-Fleisch-Sauce oder eine Fleisch-mit-Wein-Sauce.
Ihr neuer Roman ist wie einige seiner Vorgänger eine zum Teil fiktive Annäherung an eine historische Figur: an den US-Star-Architekten Frank Lloyd Wright. Ist es Zufall, dass Sie sich gerade jetzt einem Menschen widmen, der ein besseres, ein utopisches Amerika ersehnte? Sein Eusonia, das radikal föderal sein und von einem Architekten regiert werden sollte?
Nein, dieses Buch ist kein verpacktes Statement zu politischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Meinen Hass auf Bush habe ich mehrfach außerhalb der Literatur artikuliert, aber das hat diese Arbeit nicht beeinflusst. Was Wrights Eusonia-Visionen betrifft, waren die gar nicht so utopisch. Sein Bestreben war es, in den 30er und 40er Jahren neue urbane Formen zu entwickeln, lebendige, individuelle Vorortgemeinden. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise hatte er Häuser entwickelt, die sowohl ökonomisch wie ökologisch wegweisend waren - in denen Heißwasserrohre das Wasser durch den Fußboden leiteten und das Haus so beheizten. Er war ein Pionier. Was in den Jahrzehnten danach folgte, war allerdings die galoppierende Zersiedelung Amerikas, deren Auswüchse man heute überall beobachten kann. Aber es gibt eine Gegenbewegung: Die neuen Urbanisten von heute knüpfen an Wrights Vorstellungen an, an traditionelle, abgegrenzte Dorfstrukturen, in denen Menschen leben und arbeiten. Davon abgesehen fasziniert mich Wright, seit ich vor 16 Jahren eines seiner Häuser gekauft und restauriert habe. Meine Familie und ich, wir leben in seiner Architektur.
Als Sie das von Wright entworfene Haus in Montecito in Kalifornien kauften, wussten Sie da von seiner dunklen Seite, davon, dass er vier Frauen hatte und seine Mitarbeiter wie Sklaven behandelte?
Nein. Ich war einfach nur überwältigt von der Schönheit des Hauses. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von dem Moment an begann ich, mich in sein Leben und seine Architektur zu versenken.
Wright-Bauten wie das Guggenheim-Museum in New York, die Fallingwater-Villa in Pennsylvania oder das Imperial-Hotel in Tokio sind Pilgerstätten für Architektur-Fans. Haben Sie zuweilen den Eindruck, in einem Museum zu leben?
Nein, nein. Ich habe stets der Versuchung widerstanden, dieses Haus in eine Art nationale Sehenswürdigkeit zu verwandeln. Das wäre mit zu weit gegangen, denn dann hätte ich ja nicht mehr die Möglichkeit gehabt, es so zu gestalten, wie ich es wollte. Man kann die Essenz bewahren und trotzdem seine eigenen Vorstellungen mit einfließen lassen. Als ich mich erstmals für das Haus interessierte, hatte ich noch Rivalen: einen örtlichen Ausschuss mit Wright-Anhängern, der daraus ein Museum machen wollte. Zum Glück für mich fehlte ihnen das nötige Kleingeld. Sie waren ziemlich entrüstet, als ich einzog. Und sie nervten mich, wollten ständig wissen, was ich mit dem Haus anstellen würde.
Was haben Sie gemacht?
Als Erstes ließ ich Schlösser in den Gartentoren einbauen, damit diese Typen nicht mehr einfach so reinkommen konnten. Wissen Sie, ich bin kein Barbar: In dem Haus ist heute alles so, wie es sein sollte. Wir sind die vierten Besitzer. Wir haben beispielsweise die weiße Farbe von den Wänden gekratzt, mit der der zweite Besitzer das Holz verschandelt hatte. Wir haben den Originalzustand des roten Holzes wieder hergestellt, so wie Wright es vorgesehen hatte. Wir halten es in Ehren.
Kurz nachdem Wright Ihr Haus entworfen hatte, ließ er seine Frau sitzen und reiste mit seiner Geliebten nach Deutschland. Haben Sie je gedacht: "Das ist eigentlich ein schlechtes Omen?"
Ach was. Da zeigte sich eben seine andere Seite: Er war ein Outlaw, ein Getriebener. Das hat mir nicht den Blick auf die Schönheit dieses Hauses verstellt. Es ist ein klassisches Beispiel für seine Prärie-Häuser, die er mit einheimischen Materialien gebaut hat, Häuser, die die Natur ergänzen und nicht dominieren.
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