Bei den Auftritten von Thomas Quasthoff schien stets ein Wunder zu geschehen. Wie ist es möglich, dass ein vom Contergan derart stark gezeichneter Körper zu solcher Stimmgewalt fähig ist? Sänger sind hysterisch empfindlich gegen die kleinste Störung ihres körperlichen Normalzustands – und hier stand einer auf der Bühne, sichtlich anders als seine Kollegen, und wirkte in Wesen und Konstitution robust wie ein Kaltblut.
Gestern hat Quasthoff seinen Rückzug von den Konzertpodien bekanntgegeben, „weil es mir meine Gesundheit nicht mehr erlaubt, dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können.“ So lapidar beendet einer der großen Baritone unserer Zeit seine Karriere. Das ist erschütternd, denn wie Johannes Bultmann, Chef der Essener Philharmonie, sagt: Quasthoff sei ein Mann von so viel Energie, dass niemand mit seinem Rücktritt gerechnet hätte.
Zuletzt wurde Quasthoff wegen einer hartnäckigen Kehlkopfentzündung zu mehreren Absagen gezwungen – aber die wird wohl so wenig der Grund sein wie das Unbehagen am Betrieb: „Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr.“ Quasthoff hat sich mit seinen Jazzplatten ebenso im populären Genre versucht wie der Geiger David Garrett, nur eben mit weniger Erfolg...
Quasthoff versteht sich nicht als Behinderter und witzelte, dass in Deutschland 80 Millionen Behinderte lebten, ihm sähe man es nur sofort an. Aber auch er ist nicht gegen die Folgeschäden der Behinderung gefeit: Jahrzehntelange Fehlbelastungen der Wirbelsäule, Muskeln und Gelenke gehen an keinem Körper spurlos vorüber – die damit verbundenen Fragen und Kosten beschäftigen zur Zeit den Bundesverband der Contergangeschädigten.
Es gehörte zur Ausdruckskraft von Quasthoffs Singen, dass es oft etwas Forciertes hatte, von dem man nicht wusste, ob es dem schieren Furor entsprang oder nicht doch dem Körper abgetrotzt war. Dieser Ton und war sein Kapital, gab seinem Auftreten eine unüberbietbare Authentizität: Die seelischen Verletzungen, von denen romantische Lieder handeln, schienen in direkten physischen Ausdruck übersetzt.
Indes ist es zu früh für Nachrufe. Wenn Quasthoff auch nicht mehr singt, unterrichten und seinen Liedwettbewerb weiterbetreuen wird er. Außerdem will er das „Nachtgespräch“ im Konzerthaus zu einer Reihe ausbauen.
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