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Mythos Kreuzzüge: Gewalttätiges Erbe der Kreuzfahrer

König Richard I. holt zum Schlag gegen einen Moslem aus: Historiker Althoff glaubt, die Mythisierung der Kreuzzüge habe heute fatale Folgen.
König Richard I. holt zum Schlag gegen einen Moslem aus: Historiker Althoff glaubt, die Mythisierung der Kreuzzüge habe heute fatale Folgen.
Foto: dpa

Der Historiker Gerd Althoff schreibt der katholischen Kirche eine Mitverantwortung für fundamentalistische Gewaltfantasien zu. Mangelnde historische Aufarbeitung der Kreuzfahrer-Geschichte habe einen "verhängnisvollen Mythos" ermöglicht.

Nun hat der religiös legitimierte islamistische Terror ein fundamentalistisch-christliches Pendant, das ihm an Grausamkeit und Irrationalität nicht nachsteht, wenn auch zunächst als Einzelfall. Die Frage, die man häufig und vorwurfsvoll an die muslimische Welt richtete, kehrt sich um. Auch die christliche Welt muss darauf Antwort geben, ob sie irgendwelche, wenn auch noch so vage Anhaltspunkte verantwortet, die Wirrköpfe zu einer Gewalttheorie zusammenbrauen und, wie geschehen, in blutige Praxis umsetzen konnten. Das hat nichts mit Schuldzuweisungen, sondern ausschließlich mit der Absicht zu tun, die Wirksamkeit solcher Gedankengebäude zu minimieren und Wiederholungsfälle zu verhindern.

Der Osloer Massenmörder Anders Behring Breivik hat sich auf die Templer berufen und ihr rotes Kreuz als sein Symbol ins Internet gestellt. Symbolisch verdichtet, reklamiert er damit für sich die Tradition der Kreuzfahrer und der in diesem Zusammenhang wirkenden Ritterorden, die sich die dauerhafte Befreiung des Heiligen Landes von muslimischer Herrschaft auf die Fahnen geschrieben hatten. Was Breivik dazu veranlasst hat, ist zurzeit noch ungeklärt. Da er dies aber im Zusammenhang seines Kampfes gegen die angebliche muslimische Überfremdung Norwegens tat, ist einigermaßen wahrscheinlich, dass er irgendwelche Vorstellungen von der Ideologie der Kreuzfahrer hatte, mögen sie auch über moderne westliche oder muslimische Einschätzungen vermittelt worden sein. Der Westen wie der Orient haben ja bestimmte Vorstellungen vom Phänomen „Kreuzzug“ in ihrem kulturellen Gedächtnis bewahrt, wenn auch gänzlich unterschiedlichen Inhalts.

Der Autor
Gerd Altoff

Gerd Althoff, Jahrgang 1943, ist Professor für mittelalterliche Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Er veröffentlichte zahlreiche Monografien zur Geschichte des Mittelalters, vor allem über die Epoche der Ottonen.

An der Universität Münster ist Gerd Althoff auch Sprecher des Exzellenz-clusters „Religion und Politik“. Im Exzellenzcluster der WWU forschen rund 200 Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und elf Ländern. Sie untersuchen das komplexe Verhältnis zwischen Religion und Politik von der Antike bis zur Gegenwart und von Lateinamerika über Europa bis in die arabische und asiatische Welt. Es ist der bundesweit größte Forschungsverbund dieser Art und von den deutschlandweit 37 Exzellenzclustern der einzige zum Thema Religionen. Bund und Länder fördern das Vorhaben im Rahmen der Exzellenzinitiative bis 2012 mit 37 Millionen Euro.

Romantisierung der Kreuzzüge

Haben wir im Westen aber genügend Sorgfalt aufgewendet, dieses Kapitel unserer Vergangenheit, das von religiös legitimierter Gewalt handelt, kritisch aufzuarbeiten und als das zu bezeichnen, was es war: ein Irrweg, der die wesentlichen Gebote des Christentums missachtete? Und der deshalb als Identifikationsangebot gänzlich ungeeignet ist. Haben wir nicht vielmehr eine gewisse Romantisierung und Mythisierung der Kreuzzüge zugelassen, die nun verhängnisvolle Konsequenzen hatte?

Den Kreuzfahrern hatten die Päpste in der Tat die Erlaubnis gegeben, Ungläubige zu töten, die – wie man formulierte – Gott erzürnten, weil sie mit ihren unreinen Riten jene heiligen Stätten besudelten, über die der Herr Jesus Christus gewandelt war. Solchen Gottesfrevel hatten die Ungläubigen mit ihrem Blut zu sühnen. Schon Papst Urban II. (1088 bis 1099) hatte in seinen Kreuzzugspredigten den Rachepsalm 79 in den Vordergrund gestellt („Vor unseren Augen sollen die Heiden die Rache erfahren für das vergossene Blut deiner Frommen“). Und in der Logik dieser Sühne durch Blut hatten die Kreuzfahrer 1099 die wehrlose nichtchristliche Bevölkerung Jerusalems geradezu abgeschlachtet. Dies meldeten sie ohne jede Verlegenheit Papst Urban brieflich: „Und wenn du wissen willst, was in Jerusalem nach der Eroberung geschehen ist, dann sollst du wissen, dass die Unsrigen im Blute der Sarazenen ritten bis zu den Knien der Pferde“. Der Nachfolger des inzwischen verstorbenen Urban antwortete ihnen: „Der Herr, der die Hände der Kreuzfahrer im Blute der Feinde geweiht hat, möge sie bis zum Ende in überschießender Gnade beschützen.“

Geschichtsschreibung hat versagt

So gut diese Entschlossenheit der Kreuzfahrer zur Vernichtung der Ungläubigen ins Bild zu passen scheint – es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Osloer Mörder von diesen Ereignissen und Wertungen wusste, die bislang allenfalls in der engsten Fachwissenschaft bekannt sind. Gerade deshalb bleibt ein Unbehagen: Der Geschichtsschreibung ist es nämlich nicht gelungen, diese Problematik der Kreuzzüge in genügender Differenziertheit im kulturellen Gedächtnis unserer Zeit zu verankern, wenn sie es denn überhaupt versucht hat. Das hätte aber dazu beitragen können, den jetzt so verhängnisvollen Mythos der Kreuzzüge erst gar nicht entstehen zu lassen, wenn nicht nur die Kritiker der Kirche, sondern auch die Repräsentanten der Kirche selbst das Problematische, ja Unchristliche am Tun der Kreuzfahrer mehr in den Vordergrund gerückt hätten. Offensichtlich hat es an ausgeprägter Bereitschaft zu distanzierter Behandlung gerade der erschreckenden Seiten kirchlich legitimierter Gewaltanwendung gemangelt, vielleicht deshalb, weil die Forscher größtenteils selbst Christen oder christlich geprägt waren.

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Autor:  Gerd Althoff
Datum:  29 | 7 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  1
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