Wenn man vor der Alternative steht Wahrheit oder Frieden, solle man sich für den Frieden entscheiden, erklären Sie in Ihrem neuen Buch "Der eigene Gott".
Mich bewegt die tiefe Ambivalenz des religiösen Glaubens in Toleranzfragen sehr. Da ist einerseits die Fähigkeit der Religion, von dem, was dem Verständnis der modernen Gesellschaft scheinbar existenziell eingebrannt ist, nämlich Nation, Ethnizität, Ungleichheit, nicht nur abzusehen, sondern einen Begriff von Gesellschaft zu entwickeln, der das alles übergreift.
Ulrich Beck ist Professor für Soziologie an der Universität München und an der London School of Economics and Political Science. Spätestens seit seinem 1986 erstmals erschienenen Buch "Risikogesellschaft" gilt Ulrich Beck als einer der wichtigsten Soziologen der Gegenwart.
Seit einigen Jahren ist Ulrich Beck Herausgeber der Reihe Edition Zweite Moderne im Suhrkamp Verlag. Zuletzt veröffentlichte er "Der eigene Gott", Suhrkamp Verlag, 275 Seiten, 19,80 Euro.
Tief in der Religion vergraben liegt offenbar ein Gesellschaftsbegriff, der für uns, die wir nicht mehr allein in nationalen Containern denken wollen, sehr wichtig werden könnte. Andererseits gehört aber zu dieser Toleranz in Fragen der gesellschaftlichen Unterschiede, der Nationalität und Ethnizität die Intoleranz bei der zentralen Unterscheidung zwischen Rechtgläubigen und Falschgläubigen. Diese Unterscheidung reißt tiefe Gräben auf. All denen, die den eigenen Wahrheitsanspruch nachvollziehen, werden alle Formen von Befreiung versprochen, während die Falschgläubigen, die eigentlich missioniert werden müssen, gleichzeitig der Verdammnis preisgegeben werden.
Aber gehört nicht zur Religion, der Glaube, der ja - im Gegensatz zu dem, was die Skeptiker formulieren: Glauben heißt nicht wissen - ein Gefühl absoluter Gewissheit, oder doch das Gefühl der Gewissheit eines Absoluten ist.
Ja. Aber das ist das Ideal. Im Alltag regiert oft der Zweifel, das Nicht-Wissen. Das Eingeständnis des Nicht-Wissens aber verbindet. Die Religionsorganisationen sind dazu nicht in der Lage. Sie predigen Gewissheit.
Aber ist das nicht offenkundiger Blödsinn? Gibt es nicht bestimmte Verfahren, mit deren Hilfe wir überprüfen können, ob wir Recht haben oder nicht? Ist denn zum Beispiel der Sternenglaube, die Astrologie also, ebenso berechtigt, uns Auskunft über unser Leben zu geben wie z.B. die Soziologie?
Religions- und Wissenschaftsgeschichte sind einen anderen Weg gegangen. Interessanterweise bedeutet Säkularisierung ja auch, dass die Religion, der Glaube von einer Überforderung befreit wurde. Der Zugang zu einer transzendenten Welt hat nicht mehr den Anspruch auf wissenschaftliche Wahrheit. Religion kann sich jetzt sozusagen auf eine bestimmte Art der Vermittlung von Transzendenz und Immanenz einstellen. Sie ist freigestellt und entlastet von einem absoluten Erkenntnisanspruch. Selbst wenn das der Religion, nehmen wir die christlichen Religion, lange Zeit sehr schwer gefallen ist, ist das letzten Endes etwas, das sie gestärkt und nicht geschwächt hat.
Das sind prinzipiell verschiedene Arten zu denken?
Ja. Ein anderes Denken, ein anderer Zugang, eine andere Perspektive. Ich meine, das wurde lange Zeit zugespitzt als ein Konkurrenzkampf zwischen Erkenntnisformen. Die Vorstellung, dass man irgendetwas Absolutes erwischt, hat sich ja aus der Wissenschaft verabschiedet.
Die Vorstellung der Gewissheit ist nicht mehr Produkt der Wissenschaft. Die Wissenschaft hat eine ganze Zeitlang, ich würde sagen in der Phase der ersten Moderne, den quasi religiösen Anspruch der Gewissheit mit sich herumgetragen, aber seit der Relativitätstheorie und vielen anderen Paradigmenwechseln ist sie vielstimmig geworden, und zwar als gute Wissenschaft. Der Erkenntnisanspruch schließt auch reflektierte Ungewissheit, ja Formen des Nichtwissens ein. Das öffnet den Horizont für den Umgang mit der Wahrheit der anderen.
Die Aktualität der Religion verdankt sich aber doch nicht ihrem Verzicht auf den Wahrheitsanspruch, sondern einem gewaltigen Verlangen nach Wahrheitsgewissheit.
In der Tat ist die Erfahrung der heraufbeschworenen Intoleranz erst mal überwältigend. Aber man muss einen Gedanken vielleicht noch hinzufügen. Auch die Rezepte, die wir glauben in der Hausapotheke der westlichen, national-gesellschaftlichen Moderne parat zu halten - die Trennung von Staat und Religion zum Beispiel - hat eher als eine erzwungene Toleranz gewirkt. Sie gründet nicht auf einer inhaltlich von den Religionen selbst vollzogenen Friedfertigkeit. Heute aber sind wir in einer Situation, in der diese Konflikte gar nicht mehr hinreichend auf nationaler Ebene abgebildet werden können. Sie finden statt in einem globalen Rahmen von Religionsbewegungen, die zum Beispiel über die Internetkommunikation weltweit präsent sind. Es gibt derzeit keine Instanz, die Toleranz durchsetzen könnte. Man müsste einen Weltstaat entwerfen, der dann mit Gewaltmitteln ähnlich wie der Nationalstaat die Religionen zwingen könnte, miteinander auszukommen. Das ist aussichtslos.
Liest man Ihr Buch, gewinnt man den Eindruck, es ginge nicht um die Religion, sondern um eine religiöse Erfahrung, eine religiöse Perspektive.
Das Buch hat ja den Titel "Der eigene Gott" und versucht darzustellen, dass die Korrespondenz oder auch Deckungsgleichheit von organisierter Religion und subjektivem Glauben aufgelöst wird im Zuge von Individualisierungsprozessen, die schon sehr systematisch übrigens im Christentum angelegt sind. Das ist sozusagen Individualisierung eins. Häufig eben in dem Widerspruch zwischen einerseits dem Appell an das freie Individuum, das durch die freie Entscheidung zu glauben überhaupt erst die Gemeinschaft der Gläubigen stiftet. Gleichzeitig muss diese Souveränität wieder aufgegeben werden, um sich den jeweiligen Glaubenssätzen anzupassen. Auf der anderen Seite steht dann der gesellschaftliche Prozess der Individualisierung zwei etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, wesentlich ermöglicht durch die wohlfahrtsstaatliche Absicherung, der zu einer allgemeinen Individualisierung führt. Wir erleben die Ermächtigung des Individuums durch alle Themen hindurch: in der Liebe, in der Politik, in der Distanzierung von den politischen Parteien, von den Gewerkschaften und eben auch von den organisierten Religionen. Weltreligionen werden zu einem spirituellen Baukasten, und Individuen basteln ihr eigenes Religionsverständnis und ihren eigenen Gott zusammen. Die Pointe dieser subjektiven Religiosität, die im Gegensatz steht zu den auf Abgrenzung bedachten Religionsorganisationen, ist in der Tat, dass die Grenzen sich verwischen und sie verwischen sich nicht nur zwischen Religionen, sondern auch zwischen dem Gebiet des Religiösen und den anderen Bereichen.
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