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27. Januar 2015

Götz Aly Euthanasie: Das Schweigen der Wissenschaft

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Der im September 2014 eingeweihte Gedenkort für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde in Berlin-Tiergarten.  Foto: imago/Reiner Zensen

Der Historiker Götz Aly spricht im Berliner Max Planck Institut über die NS-Euthanasiemorde und über seine Versuche, im Max Planck Institut danach zu forschen. Ein aufschlussreicher Abend.

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Vergangenen Montag, 18 Uhr, Max Planck Institut für Molekulare Genetik, Berlin-Dahlem. Götz Aly, einer der besten Kenner der Geschichte des Nationalsozialismus, spricht über „Gehirnforschung und Euthanasiemorde – Die Schwierigkeiten der Max Planck Gesellschaft sich ihrer Vergangenheit zu stellen“.

Es geht im Kern um eine Sammlung von Hirnschnitten, die Julius Hallervorden (1882 – 1965) systematisch gesammelt und zwischen 1939 und 1945 deutlich vermehrt hatte. Hallervorden war von 1938 bis 1956 Leiter der Histopathologischen Abteilung des Kaiser Wilhelm Instituts für Hirnforschung in Berlin-Buch. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Max Planck Gesellschaft versteht sich als Nachfolgerin der KWG. Diese wurde erst 1960 endgültig aufgelöst, als die Mehrzahl ihrer einzelnen Abteilungen nach und nach in Max Planck Gesellschaften überführt worden waren.

1982 stellte Götz Aly einen Antrag auf Einblick in die Sammlung Hallervorden. Der wurde ihm energisch verwehrt. Aly ließ nicht locker. Er bat den Hessischen Datenschutzbeauftragten um Prüfung der Ablehnung seines Gesuches. Der war zuständig, weil sich die Hallervordensche Sammlung im Max Planck Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main befand. Die Präparate wurden dort nach wie vor wissenschaftlich genutzt.

Nach mehreren juristischen Einlassungen der Datenschutzbehörde gab die Max Planck Gesellschaft nach. Aly bekam Akteneinsicht. Sehr schnell wurde bei seinen Untersuchungen deutlich, dass zahlreiche sogenannte Euthanasiemorde im Auftrag der Wissenschaftler um Julius Hallervorden durchgeführt worden waren. Die zu Ermordenden waren zunächst genauestens untersucht worden, es wurden umfangreiche persönliche Akten angelegt, zu denen auch psychische Gutachten gehörten.

Schon eine Stunde danach begann man damit, aus ihren Gehirnen Präparate herzustellen. Die Hirnforscher der Kaiser Wilhelm Gesellschaft hatten so zu jedem Hirnschnitt eine ausführliche Krankengeschichte. So war es auch mit den 35 Kindern und Jugendlichen aus der Anstalt Brandenburg-Görden passiert, die alle am 28. Oktober 1940 ermordet worden waren.

Seine Arbeit wurde weiter sabotiert

Die Max Planck-Gesellschaft dankte Aly nicht für seine Arbeit. Im Gegenteil, sie versuchte weiter sie zu sabotieren. Wie sie das tat, das konnte Götz Aly am Montag detailliert beschreiben, weil ihm vor eineinhalb Jahren das Archiv der Max Planck-Gesellschaft, auch was die Geschichte seines Antrages angeht, geöffnet wurde. Mehr als zweitausend Blatt Papier füllten die Propagandisten der Freiheit der Forschung damit, die Freiheit der historischen Forschung über die eigene Geschichte zu verhindern.

Innerhalb weniger Monate schwenkten die Sprecher der Gesellschaft um, als Druck aus den USA und Israel entstand. Als dann endlich auch der damalige Bundeskanzler Kohl die Wissenschaftler aufforderte, nicht nur auf die Arbeit mit den Präparaten zu verzichten, sondern sie auch zu bestatten, wurde das, widerstrebend zwar und unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 21. Februar 1990 um 7.45 Uhr, aber doch immerhin getan.

Man kann diesen Vortrag demnächst im letzten Kapitel „Weitere Elaborate Alys verhindern!“ in Götz Alys neuestem Buch „Volk ohne Mitte“ (S. Fischer Verlag) nachlesen. Ein Lehrstück. Auch in der Wissenschaft herrscht nicht der herrschaftsfreie Diskurs. Der Wahrheit, dass nämlich Wissenschaftler der Exzellenz-Einrichtung Kaiser Wilhelm Gesellschaft Menschen gezielt hatten umbringen lassen, um sie interessierende Hirnpräparate zu bekommen, wurde erst Rechnung getragen, als Helmut Kohl sich bei seinem Bemühen, die Alliierten der Anti-Nazi-Koalition zu einem Ja zur deutschen Wiedervereinigung zu bewegen, auf keinen Fall durch Berichte über die Weiterverwendung von Euthanasie-Opfern in der Spitzenforschung der Bundesrepublik stören lassen wollte.

Die ehemaligen NS-Forscher kannten sich gut aus

Man darf bei dieser Geschichte nicht vergessen, dass spätere Mitglieder der Max Planck Gesellschaft in die Nazi-Forschung involviert gewesen waren. Sie wussten nur zu genau, um welche Präparate es sich handelte. Wer das nicht wusste, der brauchte nur die Aussagen anschauen, die Julius Hallervorden selbst im Zusammenhang mit dem Nürnberger Ärzteprozess 1946 gemacht hatte. Er hatte zugegeben, Gehirne aus den Euthanasie-Morden untersucht und in seine Sammlung überführt zu haben.

Das allein hätte schon Jahrzehnte vor Götz Alys Antrag vom Jahre 1982 die Max Planck Gesellschaft selbst zu Untersuchungen bewegen sollen. Stattdessen wurden die Täter gefragt und ihre Antworten für bare Münze genommen. Soviel zum Thema wissenschaftliche Exzellenz.

1999 begann die Max Planck Gesellschaft in einem umfassenden Forschungsprogramm „den spezifischen Beitrag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihrer Wissenschaftler zum nationalsozialistischen System“. Reinhard Rürup und Wolfgang Schieder gaben eine 17-bändige Buchreihe heraus. Die von Carola Sachse und Susanne Heim edierte Reihe „Ergebnisse“, die im Internet vollständig vorliegt, veröffentlichte in 28 kleineren Bänden Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm. Gleich das erste, in Jahr 2000 erschienene 65 Seiten umfassende Heft von Hans-Walter Schmuhl beschäftigte sich mit „Hirnforschung und Krankenmord“.

Die Veranstaltung am Montagabend hatte dennoch etwas Gespenstisches. Die Archivleiterin der Max Planck Gesellschaft, die Alys neue Forschungen ermöglicht hatte, bat im Anschluss an den Vortrag um Wortmeldungen. Niemand stand auf und sagte: „Ich bin Direktor der Max Planck-Gesellschaft für Hirnforschung oder für molekulare Genetik oder für Wissenschaftsgeschichte. Wissenschaft ist auf Transparenz angewiesen. Wir müssen uns für sie einsetzen. Vor allem bei dem, was wir selbst tun. Das wird uns nicht immer gelingen. Darum sind wir angewiesen auf eine hartnäckig unser Tun und Lassen in Frage stellende Öffentlichkeit. Das ist mir heute Abend wieder klargeworden. Ich danke ihnen.“

Die Wahrheit ist: Keine der fünf, sechs Wortmeldungen war die eines Max Planck Instituts. Man hatte den Raum zur Verfügung gestellt, aber wieder mal nicht sich der Diskussion.

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