Beatriz Lenz hat aufgegeben, und das ist auch gut so. Denn nun wird das Grab Nr. 735 auf dem Genfer Friedhof nicht geöffnet, die sterblichen Überreste von Jorge Luis Borges werden dort bleiben, Argentiniens größter Schriftsteller wird nicht nach Buenos Aires heimgeholt. Fürs erste jedenfalls. Frau Lenz hat zurückgesteckt, und damit dürfte sich die kurze, hitzige Debatte um die letzte Ruhestätte des 1986 gestorbenen Autors erst mal wieder legen.
Beatriz Lenz ist Abgeordnete der peronistischen Partei. Dass der Vorstoß, Borges in die Familiengruft auf dem Recoleta-Friedhof in Buenos Aires umzubetten, aus dieser politischen Richtung kommt, ist delikat. Denn Präsident Perón enthob 1946 den Stadtbibliothekar Borges seines Amtes und machte ihn zum Inspektor für die Käfighaltung von Hühnern und Kaninchen auf städtischen Märkten. Die Feindschaft zwischen dem Autor der "Ficciones" und dem populistischen Diktator endete nie. Borges begrüßte den Rechtsputsch gegen Perón 1955, und er trat 1973 als Direktor der Nationalbibliothek zurück, als Perón aus dem Exil zurückkam.
Im April 1986, sechs Wochen vor seinem Tod, hatte Borges seine Sekretärin María Kodama geheiratet. Sie ist heute strikt gegen eine Repatriierung: "Borges wollte in der Schweiz leben und Schweizer Staatsbürger werden", sagt die Witwe, und dem fügte sich nun auch die Abgeordnete Lenz: "Sie ist die Universalerbin, und es wäre absurd, etwas gegen ihren Willen unternehmen zu wollen."
Die Beziehungen freilich zwischen Witwe und Borges-Gemeinde könnten schlechter kaum sein. Man giftet sich seit Jahren an - so auch in der Debatte um die Grablege des Dichters. Alejandro Vaccaro, Chef des argentinischen Schriftstellerverbandes und anerkannter Borges-Forscher, führt das Lager deren an, die Borges' Überreste auf dem Recoleta-Friedhof sehen möchten. "Er wollte in Genf sterben, aber er hat niemals zum Ausdruck gebracht, dass seine sterblichen Überreste dort ruhen sollten, obwohl er das hätte tun können", sagt Vaccaro.
Er spielt damit auf das zweite Testament an, das Borges kurz vor seinem Tod abfasste: Der 86-Jährige wechselte damals die Ärzte, heiratete, zog in die Schweiz, kappte die Bindungen zu Freunden und Verwandten, formulierte sein Testament zu Gunsten der rund vier Jahrzehnte jüngeren María Kodama um, revidierte den Wunsch, eingeäschert zu werden - da sollte er ausgerechnet über seine Ruhestätte nicht bestimmt haben?"Ich gehe nicht am Recoleta-Friedhof vorbei, ohne daran zu denken, dass hier mein Vater, meine Großeltern und Urgroßeltern liegen, so wie auch ich eines Tages" - diesen Satz führt Vaccaro als Beleg für Borges' eigentlichen Willen an.
Aber das Zitat stammt aus dem Jahr 1961, und ein französischer Film, in dem sich Borges ähnlich äußert, wurde auch schon 1969 gedreht. "Wer ist Herr Vaccaro, damit er sagen kann, was mit Borges geschieht?", blafft die Witwe. "Sie sagt, sie sei selber Schriftstellerin, aber man kennt sie nur, weil sie Borges 45 Tage vor seinem Tod geheiratet hat", giftet Vaccaro.
Nachdem das Umbettungsprojekt erstmal passé ist, könnten sich die Argentinier nun vielleicht auf etwas Wichtigeres konzentrieren: Auf ein Borges-Museum zum Beispiel, das die Borges-Stadt Buenos Aires auch 23 Jahre nach seinem Tod noch nicht zustande gebracht hat.
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