Es ist eine Binsenweisheit, aber deshalb nicht weniger wahr: Gute Schauspieler beflügeln sich gegenseitig. Deshalb war es immer ein Genuss, wenn sich Monica Bleibtreu mit Kollegen messen konnte, die ihr gewachsen waren. Knapp zwei Wochen ist es erst her, da brillierte sie in dem ZDF-Fernsehfilm "Ein starker Abgang" an der Seite von Bruno Ganz: er als misanthropischer Literat, den sein Verlag zu einer letzten Lesereise überreden kann; sie als Ernährungsberaterin, die den Autor zum gesunden Lebenswandel bewegen soll. Die sanfte, aber bestimmende Art dieser Frau bringt den Menschenfeind natürlich erst recht auf die Palme, und so wird die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Das gilt auch für den Film; und genau genommen gilt es für fast alle Filme, in denen Monica Bleibtreu mitgewirkt hat. Immer wieder verkörperte sie Frauen von scheinbar unverwüstlicher Robustheit. Das war natürlich oft genug nur Fassade, um ein fragiles Wesen zu schützen. Und es war, wie sich nun zeigt, ein doppeltes Spiel: Monica Bleibtreu (die Mutter von Moritz Bleibtreu) hatte offenbar schon seit Jahren Krebs. An der Krankheit ist sie in der Nacht zu Donnerstag in Hamburg gestorben. Viel zu früh zudem: Sie ist gerade erst (am 4. Mai) 65 Jahre alt geworden.
Monica Bleibtreu, 65, war eine der großen Darstellerinnen des deutschsprachigen Theaters und Films. Gerade in den vergangenen Jahren wurde die gebürtige Wienerin mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie den Deutschen Filmpreis für ihre Rolle in dem Drama "4 Minuten". Doch das Theater war und blieb immer ihre Leidenschaft.
Die Mutter von Moritz Bleibtreu starb in der Nacht auf den 14. Mai.
Der Tod, auch das keine originelle Erkenntnis, kommt nie gelegen; aber Monica Bleibtreu erntete gerade die Früchte einer jahrzehntelangen Arbeit als Schauspielerin. Natürlich konnte sie auf eine ungeheure Bühnenerfahrung zurückblicken, schließlich stand die Österreicherin schon als Kind auf der Bühne. Obwohl sie bereits Ende der Sechziger erste kleinere Film- und Fernsehrollen übernahm, galt ihre Liebe vorrangig dem Theater. Sie spielte in allen großen deutschsprachigen Häusern: in Berlin im Schillertheater und in der Freien Volksbühne, in München in den Kammerspielen oder im Wiener Burgtheater.
Professorin für Schauspiel in Hamburg
Von 1993 bis 1998 war Monica Bleibtreu Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, wo sie auch lebte - und plötzlich wurde sie zum Star. War sie zuvor in erster Linie Theaterfreunden ein Begriff, verlegte sie nun ihren beruflichen Schwerpunkt auf Film und Fernsehen; in den letzten zwölf Jahren hat sie deutlich öfter vor einer Kamera gestanden als in den dreißig Jahren zuvor zusammen. Einer ihrer letzten Filme, Hans Steinbichlers Mutter/Sohn-Drama "Die zweite Frau" (mit Matthias Brandt), ist erst vor wenigen Wochen mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet worden.
Insgesamt hat es Monica Bleibtreu auf 120 größere und kleinere Film- und Serienrollen gebracht, sie hat alle Preise gewonnen, die man als Film- und Fernsehschauspielerin hierzulande gewinnen kann, aber viel wichtiger war: Ihr Spiel war stets anrührend.
Das gilt vor allem für ein Werk, das im Rückblick wie die Vorwegnahme ihres eigenen Todes wirkt: In "Marias letzte Reise" (2004) erzählt Regisseur Rainer Kaufmann von den letzten Tagen im Leben einer krebskranken Bäuerin, die aus der Klinik flieht, weil sie in Ruhe daheim sterben will. Wie "Ein starker Abgang" (ebenfalls von Kaufmann), so lebt auch diese Tragikomödie vom Zusammenprall zweier sturer Charaktere; hier ist es allerdings kein Mann, sondern eine Krankenschwester (Nina Kunzendorf). Monica Bleibtreu wurde allein für diesen Film mit diversen Preisen geehrt, darunter mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Bayerischen Filmpreis. Weitere Ehrungen erhielt sie unter anderem für ihre Verkörperung der Katia Mann in Heinrich Breloers Familien-Saga "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2001).
Vulkanausbruch hervorzaubert
Dabei war ihre Hauptrolle in dem Kinofilm "Vier Minuten" von Chris Kraus (Buch und Regie) von ganz anderem Kaliber. Monica Bleibtreu spielt in diesem Drama eine etwa achtzig Jahre alte Klavierlehrerin, die erkennt, dass sich hinter dem fast autistischen Verhalten einer jugendlichen Mörderin (Hannah Herzsprung) eine begnadete Pianistin verbirgt.
Zu dieser Konstellation hatte sich Kraus durch Georges Simenon inspirieren lassen: "Wenn du eine brauchbare Hauptfigur hast, dann suche dir dazu den Charakter, der in deiner Hauptfigur den denkbar größten Vulkanausbruch hervorzaubert." Die Konfrontation mit der jungen Straftäterin führt dazu, dass sich beide Frauen endlich jenen Dämonen stellen, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Leistungen der Darstellerinnen wurden 2007 mit dem Deutschen wie auch dem Bayerischen Filmpreis gewürdigt.
Ursprünglich war Jeanne Moreau als Klavierlehrerin vorgesehen; nicht nur Kraus, auch Scharen von Zuschauern werden dankbar sein, dass es nicht dazu gekommen ist, denn "Vier Minuten" war neben "Marias letzte Reise" wohl Monica Bleibtreus beste Arbeit vor einer Kamera. Man sieht es nicht, aber man spürt genau: In dieser uralten Lehrerin schlummert ein Vulkan. Dass der nun für immer erloschen sein soll, mag man einfach nicht glauben.
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