Fast zwanzig Minuten dauert es, bis Anselm Kiefer selbst in diesem Film zu sehen ist. Eine schmale Gestalt, ein klares, fast asketisches Gesicht, das sich nicht eigens der Kamera zuwendet. Kiefers Bedürfnis nach Distanz und seinen strengen Arbeitsrhythmus respektiert Sophie Fiennes, sie ist ein äußerst kultivierter Gast in seinem Kosmos. Ihr Film „Over Your Cities Grass Will Grow“ – ist schon deshalb kein Künstlerporträt, sondern ein Film, der die Welt Anselm Kiefers erkundet. Er unterscheidet sich sowohl von den pseudo-objektiven Kunsterklär-Sendungen, als auch von den TV-Hymnen, die Künstler als Pop-Stars in Szene setzen.
Fiennes besuchte Anselm Kiefers Anwesen „La Ribaute“ in Südfrankreich im Jahr 2008, kurz bevor er diesen Ort verließ. Fünfzehn Jahre lang war er ihm Wohnung, Werkstatt und Raum für seine Bilder. Zuvor befand sich auf dem Areal eine Seidenfabrik. Kiefer baggerte das unterirdische Labyrinth aus, baute Straßen und Gebäude, auch stelenartige Türme aus porösen Betonplatten: Monumente der Vergänglichkeit, die den Titel des Films zu belegen scheinen: „Über euren Städten wird Gras wachsen“. Kiefer hat Spruch aus dem Buch Jesaja immer wieder zitiert.
Fiennes trägt keinen noch so subtilen Erklärungsversuch an das Werk Kiefers heran. Langsam und immer wieder tastet sich die Kamera durch die Verliese einer konstruierten Erinnerung, steigt hoch in die lichteren Räume, die durchlässig sind für die Natur. Klug und dicht ist der Film gewebt, still, aber voller Gespür für das, was Kiefers Werk ausmacht. Er lässt sich zuschauen bei seinen „Aufenthalten im Material“, wie es Heiner Müller gesagt hat. Auch das Schmelzen von Blei mit dem Flammenwerfer gehört dazu. Zäh und gefährlich kann es sein, die „Leere“ zu füllen, von der Kiefer im Interview spricht. Und die Schönheit? „Die Schönheit ist der Popanz, der vor mir hergetragen wird – drum lauf ich immer weiter.“
Over Your Cities Grass Will Grow. Frkr./Nl., GB 2010, 105 min.
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