In Großbritannien ist sein Name schon fast vergessen. So richtig sexy klang er ja auch nie: Paul Potts. Dennoch: Der Werdegang des 36-Jährigen vom Handyverkäufer zum Star ist spektakulär. Zurzeit ist der Brite auf Welttournee, in Deutschland wird er auftreten als erster klassischer Act in der Geschichte der Mannheimer SAP Arena. Paul Potts ist Opernsänger. Vor einem Jahr gewann er die Casting-Show "Britain's Got Talent"; seitdem ist er weltweit als "singender Handyverkäufer" bekannt.
Während in Potts' Heimat eine neue Britain's Got Talent Show für Schlagzeilen sorgt, lässt Potts gerade in Deutschland in einem Werbespot der Telekom die Zuschauerherzen höher schlagen. Zu sehen ist er darin bei jenem Auftritt, bei dem er nicht nur die Talent-Jury, sondern auch die britischen Zuschauer mit einer anrührenden Darbietung der Puccini-Arie "Nessun Dorma" überraschte.
Paul Potts gewann Großbritanniens "Superstar"-Show mit dem Vortrag der Puccini-Arie "Nessun Dorma".
Seine Deutschland-Tournee startet am 26. Oktober in Hamburg. In der Frankfurter Festhalle singt Potts am 6. November, tags zuvor soll er Stuttgarts Porsche Arena füllen. Neben Teenie-Acts wie Nevio steht er morgen, 29. August, in Mannheim auf der Bühne. Sämtliche Tourdaten: www.paulpottsopera.org
Star-verdächtig schien Potts damals nicht zu sein: Als Sohn einer Supermarktkassiererin und eines Busfahrers wuchs er im südenglischen Bristol auf. Er sei ständig wegen seiner schiefen Zähne, seiner Hamsterbacken und seiner Liebe zur Oper gehänselt worden, sagt Potts. In seiner Umgebung war die Oper etwas Entferntes, etwas Befremdliches. Der dickliche Junge verkroch sich immer mehr in seine musikalische Traumwelt.
Mit elf Jahren wurde er Mitglied eines der besten Kirchenchöre in Bristol. Seine erste Opern-CD, "eine billige Carreras-Aufnahme", kaufte er mit 16. "Zum ersten Mal hörte ich Che Gelida Manina' und es bewegte mich. Bis heute ist La Boheme' meine Lieblingsoper."
Der unglaubliche Auftritt von Paul Potts
Bereits 1999 trat Potts in einer britischen Talent-Show auf und gewann 8000 Pfund. Er investierte das Geld in Gesangsstunden und nahm an einer Meisterklasse in Italien teil, wo er seinem Vorbild Pavarotti vorsingen durfte. Trotz einiger Auftritte mit einer Amateurgruppe, hinderte ihn die ständige Angst vor der Ablehnung daran, eine Profi-Laufbahn einzuschlagen. "Wenn ich nicht fragte, würde ich auch nie ein Nein' zu hören bekommen. Es war der einfachere Weg." Stattdessen jobbte er als Regalauffüller im Supermarkt.
Die Geschichte Potts' ist märchenhaft, britische Zeitungen und Blogs sprechen von "Cinderfella". Zur Zeit der Britain's Got Talent Show 2007 wollte er das Singen gerade aufgeben; die Show mit den Traum-Einschaltquoten - mehr als 13 Millionen Briten waren Zeuge von Potts' Sieg - sollte seine letzte Hoffnung sein. Eine Woche vor dem Finale trat er in Cardiff in seinem inzwischen legendären 35-Pfund-Anzug auf die Bühne und verkündete vor dem britischen Pop-Guru Simon Cowell und seinen Jury-Kollegen Amanda Holden und Piers Morgan, er wolle eine Arie singen.
Einfach magisch sei es gewesen, sagte der sonst kurz angebundene Cowell. "Unglaublich", schwärmte Morgan. Gänsehaut hätte sie gehabt, am ganzen Körper, so Holden. 2000 Menschen spendeten dem Amateur-Tenor in Cardiff Standing Ovations. The rest is history, wie man in Großbritannien sagt: lukrative Plattenverträge, Auftritte in der begehrten NBC Today-Show und in Stadien weltweit, zwei Millionen verkaufte CDs. Im vergangenen Dezember sang er gar für die Queen, auf der "Royal Variety Performance", jenem alljährlichen bunten Gemisch aus Stars - vom Transvestiten-Komiker Dame Edna Everage bis zum Alt-Rocker Brian May, der auf dem Dach des Buckingham Palastes "God Save the Queen" spielte.
Bunt und volksnah sind jedoch zwei Begriffe, die seriöse Opernkritiker nicht lieben. "Mr. Potts ist ein gewöhnlicher Tenor, der in jeder Amateurtruppe, in jeder Ecke des Landes gefunden werden kann," ätzte Kritiker Philip Hensher in der britischen Independent. Seine Stimme habe angestrengt und unkontrolliert geklungen; seine Aussprache sei holprig gewesen. "Keine besonders weltbewegende Leistung," urteilte die New York Times. Niemand könne "Nessun Dorma" gerecht werden ohne fünf oder zehn Jahre Erfahrung, so Herbert Breslin, Pavarottis einstiger Langzeit-Manager.
Potts' Stimme ist sicherlich beachtlich, aber nicht herausragend und seine Fans sind nicht die klassischen Opernliebhaber. Was Potts so unwiderstehlich macht, ist seine Nähe zum Volk: Der arme Casting-Show-Bewerber, der mit einem Lied die Welt zu Tränen rührt, ist einer von uns - oder war es zumindest. Potts Zähne sind inzwischen gerichtet, er hat nach eigenem Bekunden zehn Kilo abgespeckt und sein Album "One Chance" liegt auf Platz Eins der deutschen Charts.
In Potts' Heimat herrscht längst ein neuer Star der Straße - buchstäblich. In diesem Jahr gewann der 14jährige George Sampson, ein blasser, schmächtiger Streetdancer, die Talent-Show. Sampson, der seine Mutter mit seinen Breakdance-Vorstellungen in den Fußgängerzonen Manchesters finanziell zu unterstützen versuchte, hat Potts zunächst aus den Schlagzeilen und schließlich aus den Herzen der Zuschauer verdrängt.
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