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Günter Grass' Stasi-Akte: Glasnost für alle Akten!

Kai Schlüters "Günter Grass im Visier" zeigt den Autor nicht nur aus Sicht der Stasi: ein Provokateur, Konterrevolutionär. Es zeigt die beiden deutschen Staaten und macht Hunger auf mehr. Von Arno Widmann

Ein Überwachungsfoto der Stasi: Günter Grass und seine Frau Ute Grunert vor dem Bahnhof Friedrichstraße im Jahr 1978.
Ein Überwachungsfoto der Stasi: Günter Grass und seine Frau Ute Grunert vor dem Bahnhof Friedrichstraße im Jahr 1978.
Foto: C.H.Beck / BStU

Vom 18. August 1961 bis zum 4. Juli 1989 wurde Günter Grass von der Staatssicherheit der DDR observiert und drangsaliert. Insgesamt sind es - so schreibt Kai Schlüter - mindestens 2200 Seiten, auf denen von Grass die Rede ist. Das reicht von Kurznotizen bis zu ausführlichen Schilderungen von Beobachtungsvorgängen - das ist der terminus technicus - oder gar großangelegten Referaten über Grass’ politische Ansichten.

Hans Marquardt, der ehemalige Chef des Reclam-Verlages, der über Jahre - nicht nur über Grass - ausführlich der Staatssicherheit berichtete, gleichzeitig aber immer wieder anlockte gegen den Stachel der Zensur, lieferte noch am 4. Juli 1989 einen mehr als fünf Seiten umfassenden Bericht über die "derzeitigen politischen Haltungen des BRD-Schriftstellers Günter Grass".

Das Buch

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte, Ch. Links Verlag, Berlin. 384 Seiten mit 20 Abb. 24,90 Euro. Das Buch erscheint am Montag, 8. März.

Als Grass 1988 im Magdeburger Dom las, legte der Beobachter der Veranstaltung seinem knapp gehaltenen Bericht eine Liste mit etwa einhundert Autokennzeichen bei, die in der Nähe geparkt hatten. Wie weit die Stasi den Autobesitzern dann noch auf die Pelle rückte oder ob die Liste erstmal zu den Akten gelegt wurde, ist dem ausgezeichneten Band von Schlüter nicht zu entnehmen.

Er ist vor allem darum so gut, weil Schlüter sich nicht damit begnügt hat, uns 109 Dokumente zugänglich zu machen. Er hat sie durch knappe Einleitungen eingebettet in die Zeitgeschichte, in die Geschichte der beiden deutschen Staaten, in die großen Themen zwischen Mauerbau und Friedensbewegung. Dazu hat er die in den Akten erwähnten Zeitzeugen um Stellungnahmen gebeten. Hermann Kant, der ehemalige Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR, der als IM Martin, in diesem Buch eine herausragende Rolle spielt, war zu Kommentaren nicht bereit.

Man liest dieses Buch natürlich als eine Heldensaga des Günter Grass. Kein Schriftsteller hat sich so energisch eingemischt. Hüben wie drüben. Grass war - auf Einladung Strittmatters, auch er ein Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit - Gast des V. Schriftstellerkongresses der DDR im Mai 1961. Als man ihn dort nicht zu Wort kommen lassen wollte, erzwang er das und zählte die Autoren von Kafka bis Freud auf, die den DDR-Lesern vorenthalten wurden.

1987 nahm er der Hausherrin des Palastes der Republik Vera Oehlschlegel die Moderation aus der Hand. Ganz wörtlich. Sie hatte durchgesetzt, dass jeder, der etwas sagen wollte, das auf einen Zettel zu schreiben hatte. Sie, die langjährige Ehefrau von Hermann Kant und damals mit dem ehemaligen Berliner SED-Parteichef Konrad Naumann verheiratet, suchte sich dann die ihr passenden Fragen aus und gab sie an Grass weiter. Im Publikum kam Protest auf. Grass nahm ihr den Stapel Zettel weg und beantwortete jede Frage. Oberste Parteistellen intervenierten danach und fragten, ob es denn wirklich nicht möglich sei, Grass unter Kontrolle zu halten.

Das war er nicht. Das dokumentiert dieser Band eindrücklich. Am meisten freut der Leser sich darüber, dass es von den Gesprächen, die Grass in den siebziger Jahren mit einer Gruppe von west- und ostberliner Autoren in Ostberlin führte, keine Protokolle gibt. Die Staatssicherheit wusste meist genau, wo sie stattfanden, wer kam, aber offenbar gelang es keinem ihrer informellen Mitarbeiter zu einem solchen Treffen eingeladen zu werden.

Selbst der Bruder von Hans-Joachim Schädlich, der auch die Stasi über Grass auf dem Laufenden hielt, kam nie in den inneren Zirkel. So enden die manchmal sehr ausführlichen Beobachtungsprotokolle stets vor der Haustür. "Horch und Guck" musste draußenbleiben.

"Günter Grass im Visier" zeigt nicht nur Günter Grass, wie die Stasi ihn sah: ein Provokateur, ein Konterrevolutionär und schlimmer noch. ein Sozialdemokrat. Es zeigt die beiden deutschen Staaten. Es zeigt einen Autor, der - wir kennen inzwischen seine Vorgeschichte - sich energisch und mit Lust für die Realisierung der Versprechungen von Demokratie, Freiheit und Sozialismus einsetzt und es zeigt Staatsführungen, die behaupten, selbst definieren zu können, was die Untertanen unter Demokratie, Freiheit und Sozialismus zu verstehen haben.

Je länger man in diesem Buch liest, desto stärker wird der Hunger auf mehr. Grass starkes, offenbar niemals erlahmendes Interesse an der DDR, an der dortigen Opposition - woher kam es? War der demokratische Impuls stärker oder doch auch ein nationaler? Warum spielt Heiner Müller gar keine Rolle in diesem Buch und Christa Wolf nur eine so kleine? Weil es um die Stasi-Berichte geht. Das ist eine einleuchtende Antwort. Aber das sagt ja nur, dass wir - auch nach "Ein weites Feld" und "Mein Jahrhundert" - noch warten auf ein Buch, das uns die ganze Geschichte erzählt.

Und damit sind wir bei der allergrößten, der entscheidenden Lücke, auf die das Buch von Kai Schlüter - ohne es zu sagen - hinweist. Es ist unvorstellbar, dass der von Ludwig Erhard 1965 als einer der Schmutzfinken und Pinscher bezeichnete, von Franz Josef Strauß 1978 zu den Ratten und Schmeißfliegen gezählte Günter Grass von westdeutschen Behörden völlig unobserviert gewesen sein soll. In Berlin soll ihn während des Vietnamkrieges der amerikanische Geheimdienst unbespitzelt gelassen haben?

Ach, ich fürchte, ich bin zu alt, um einmal ein Buch lesen zu können, in dem übersichtlich und informativ wie in diesem die verschiedenen Ansichten der verschiedenen Geheimdienste auf - zum Beispiel - Günter Grass ausgebreitet werden. Glasnost für alle Akten!

Autor:  Arno Widmann
Datum:  4 | 3 | 2010
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