Aktuell: Tugce-Prozess | FR-ArbeitsmarktindeX FRAX | Schwerpunkt "Arbeit - unsere Religion" | Kriegsende 1945 | Regionale Startseite

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

01. Oktober 2012

Günter Grass: Der Rufer in der Wüste

 Von Sabine Vogel
Günter Grass auf der Bühne.  Foto: AFP

Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt - und ruft im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf.

Drucken per Mail

Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt - und ruft im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf.

Berlin –  

Er hat es wieder getan. Knapp ein halbes Jahr nach seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass sich erneut mit Israel angelegt. Grass hielt Israel darin vor, mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden zu gefährden und hatte sich damit ein Einreiseverbot eingehandelt. Nun setzt er noch eins drauf. In seinem neuen Gedichtband „Eintagsfliegen“ würdigt er den als Geheimnisverräter inhaftierten israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu als „Gerechten, der seinem Land getreu blieb all die Jahre lang“.

„Ein Held unserer Tage“, so der Titel dieses Gedichtes, ehrt den zum Christentum konvertierten Rabbinersohn Vanunu, der 1986 das israelische Atomprogramm öffentlich gemacht hatte. Der „Rufer in der Wüste“ bekam „für seinen Mut und Opferwillen“ 1987 den Alternativen Nobelpreis zuerkannt, den er erst 2005 entgegennehmen konnte.

Ein Aufschrei wie erwartet

Grass thematisiert in seinem neuen Gedicht eine Geschichte, die in der Tat ein unrühmliches Schlaglicht auf die Selbstverteidigungsparanoia Israels wirft. „Cindy“, eine blonde Spionin des Mossad, hatte Vanunu seinerzeit von London nach Rom gelockt; der israelische Geheimdienst entführte ihn dort und brachte ihn nach Israel, wo er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Davon saß er elf Jahre in Isolationshaft ab. 2009 lehnte Vanunu seine Nominierung für den Friedensnobelpreis ab, weil er nicht mit Simon Peres in einer Reihe stehen wollte, der damals seine Entführung angeordnet hatte.

Der Aufschrei aus Israel gegen Grass’ „obsessive Kampagne zur Beschämung Israels“ kam wie erwartet: Sein „Kreuzzug gegen das jüdische Volk und Israel“ sei unverzeihbar, erklärt Herzl Chakak, der Vorsitzende des hebräischsprachigen Schriftstellerverbandes – und versteigt sich zu einem mehr als fragwürdigen biologistischen Determinismus, demzufolge „in Grass’ Erbgut der Rassismus des Nazi-Regimes eingebrannt“ sei.

„Würde Grass gegen die nukleare Aufrüstung des Irans aktiv werden, könnte er so die Spuren des Hakenkreuzes auf seiner Kleidung löschen“, meint Chakak. Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Jigal Palmor, fand es mit ironischem Unterton „immerhin erfrischend“, dass vor Grass’ Augen zumindest ein Israeli Gnade fände.

Im geschmeidig galoppierenden klassischen Versmaß und im hochliterarischen Imperfekt ruft Grass in seinem Gedicht zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf: „Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Russlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt.“ Die Kieler Werft HDW baut für Israel atomwaffenfähige U-Boote.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Katzensprung

Von  |
Um die Zickzackgebirgslandschaft in der Nähe der Loreley sind alle Orte nur einen Katzensprung voneinander entfernt.

Vor 200 Jahren war es nicht anders als heute: Alles ist nur ein Katzensprung entfernt - gerade die Loreley. Mehr...

Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Service

Was läuft im Fernsehen? Wir haben Empfehlungen, Filmlisten - und den kompletten Überblick.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps