"Dr Pepper" ist ein klebrig süßes Gesöff mit einer leichten Note Hustensaft, das nur ein Volk, das auch gern Erdnussbutter mit Marmelade kombiniert, problemlos herunterkippen kann. Von diesem "Dr Pepper" gibt es ab Montag die größte Lokalrunde der Welt. Jeder Amerikaner bekommt einen Drink gratis, hatte vor Jahresfrist ein Sprecher des Unternehmens verkündet - wenn nämlich das Unvorstellbare wahr werden und Guns N''Roses tatsächlich ihr seit Anfang der Neunziger erwartetes neues Album herausbringen würden.
Jetzt ist es soweit: Die Bürger der USA dürfen sich auf der "Dr Pepper"-Homepage für einen Gutschein registrieren, denn das Album ist da. Es kommt im Jahr der Comebacks der alten Größen: nach Metallica, nach Grace Jones, nach The Cure. Die Marketing-Maschine feiert es, als wäre es das wichtigste von allen, mit Record-Release-Parties rund um den Globus, Material auf Myspace (heute vorab die komplette CD im Stream) und was der Wichtigtuereien mehr sind.
Wahrscheinlich ist das Tamtam deshalb so groß, weil die Welt einschließlich Dr Pepper nicht nur die Rückkehr von Guns N'Roses bezweifelt hatte - es hatte auch schon lange keiner mehr auf sie gewartet. Guns N\'Roses, das war die Band, die Ende der Achtziger aus Metal-Gitarren, Pop-Melodien, Pathos und Sentimentalität eine letzte Version von mainstreamfähigem Rock gebastelt hatte. Einmal noch sangen Gitarrenliebhaber aller Provenienz gemeinsam "Take Me Down to the Paradise City" und bangten ihre Köpfe zur Brachial-Version von "Knockin' on Heaven's Door", bevor die Mitte endgültig zerbröselte.
Axl Rose war die Stimme des zornigen weißen Mannes, der sich anschickte, den kleinen Cowboy George Bush an die Macht zu hieven; er war Held einer Generation, die ihre große Niederlage im Bodenkrieg im Irak noch vor sich hatte. Und auch wer nicht zum besonderen Milieu des bodenständigen, letztlich konservativen weißen Rockers gehörte, konnte die primitive Direktheit eines Axl Rose durchaus genießen: Ja, wir wollten auch alle in die Paradiesstadt, wo das Gras grün ist, die Mädchen hübsch sind und man sonst nicht weiter nachdenken muss. Aber kurz danach kam Eminem aus seinem Trailer-Park geschlendert, um den White Trash in den Hip Hop mitzunehmen, und Metal, egal ob "Nu" oder old school, wurde zu einem epigonalen Genre für Nostalgiker.
Millionen Dollar Studiokosten verpulvert
Und so zerbröckelte die Sowjetunion, fielen die Twin Towers, wurden Kriege begonnen und beendet, während Guns N'Roses-Frontmann Axl Rose an einem neuen Album arbeitete - 13 Jahre lang. Er hat dabei Millionen Dollar Studiokosten verpulvert und jeden einzelnen seiner früheren Bandgefährten eingebüßt. Nur er ist übrig geblieben, ein etwas feister Langhaariger von 46 Jahren - dazu nun ein Monster von einer Platte.
"Chinese Democracy" heißt sie in einem hilflosen Versuch, politische Relevanz vorzutäuschen: Der Titelsong, der schon seit ein paar Jahren fertig ist, bezieht sich auf den Dalai Lama, heißt es. Im Text verbindet sich Masturbation dann irgendwie mit der eisernen Faust der Regierenden - im Refrain ist aber alles wieder egal: Nothing really matters. Politik war eben noch nie die besondere Stärke von Axl Rose.
Dafür hat er sonst an nichts gespart. Das Album klingt, als hätte er all die Alben, die er in den 13 Jahren eigentlich hätte machen wollen, übereinander gestapelt und auf einmal auf die Öffentlichkeit losgelassen. In mehreren Songs verdoppelt Rose in Halleffekten seine langgezogenen Krächz-Vocals ununterbrochen, als bräuchte er mehrere Versionen seiner selbst, um eine schreckliche Leere zu füllen.
Das Prinzip des Immer mehr führt zu experimentellen Noise-Songs wie "Riad N\'Bedouins", bei der die Gitarren erst aus einem weiten Hallraum kommen, einen dann rechts und links überholen, um schließlich schmerzhaft laut über dem Song zusammenzuschlagen wie die Wellen eines Tsunami. Oder "Scraped", in dem polyphone A-Cappella-Arrangements aus Kreischstimmen in reinen Krach münden. Anderswo trösten Bläserensembles, Kinderchöre und sentimentale Wah-Wah-Gitarren das gereizte Ohr.
Überhaupt, die Gitarren: Wo früher vor allem Gitarrist Slash war, gehen jetzt Credits an bis zu fünf Musiker, und zwar pro Song: ob Gitarrenwände oder längliche Soli, scharfe Licks oder Gefrickel, alles muss dabei sein. Und immer wieder erheben sich Mitgröl-Passagen aus dem Chaos - man will ja zurück ins Stadion.
So ist "Chinese Democracy" ein Mahnmal des Größenwahns, ein exemplarisches Produkt des Horror Vacui eines nicht sehr cleveren Maniacs. Aber weil Nostalgie Massensport ist, wird wohl auch dieses unzeitgemäßeste aller Rock-Alben im Jahr eins nach Bush seine Käufer finden - demnächst auch unter Ihrem Weihnachtsbaum.
Guns N'Roses: Chinese Democracy (Universal)
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