Wie wäre das zu vermeiden? Ist es auch nur denkbar, dass das Geld, das jetzt ins Land fließt, nicht genau zu denen geht, die zur Misere des Landes beigetragen haben?
Ich denke, die großflächige Zerstörung bietet die Chance, das schon vor dem Erdbeben völlig ruinierte Port-au-Prince neu aufzubauen. Elektrische Leitungen, Wasser, Müllabfuhr. Eine elementare Infrastruktur muss bereitgestellt werden. Allein in einem einzigen Slum, in Cité Carton (Kartonstadt), vegetieren 300 000 Menschen.
Das sind die Aufgaben, für die Geld bereit gestellt werden muss. Doch es gibt keinen funktionierenden Staat, der damit umgehen könnte, dafür aber jede Menge krimineller Strukturen, die zu allen Schandtaten bereitstehen. Wie soll das gut enden? Wie kann man dafür sorgen, dass wenigstens zehn Prozent der Investitionen in eine wirklich funktionierende Wasserleitung gehen?
Nicht alle Missstände haben politische Ursachen - vieles liegt in der Natur der Sache, ist Folge der Unterentwicklung. Die Umwelt ist zerstört, das Land überbevölkert. Das sind nicht nur kriminelle Strukturen, sondern auch objektive, kaum noch zu beseitigende Hindernisse. Haiti wurde entwaldet, und tropische Sturzregen lassen ganze Siedlungen von den Berghängen rutschen. Bisher haben die UN Schadensbegrenzung betrieben. Sie haben dafür gesorgt, dass die Kinder zur Schule konnten, dass der Müll ab und zu beseitigt wurde, dass Märkte abgehalten werden konnten. Mehr nicht.
Zugleich ist Haiti, seit es unter Kuratel der UN steht, entmündigt worden. Straßen und Brücken werden nicht mehr von den Anwohnern, sondern von internationalen Organisationen repariert. Reis wird importiert, sogar Zucker. Haiti hat früher ganz Frankreich mit Zucker und Kaffee versorgt.
Genug von Gemetzel und Katastrophen! Welchen Autor Haitis muss ich lesen, welche Bilder sehen, welche Musik hören?
Vergessen Sie den Tanz nicht! Es gibt drei literarische Klassiker, die ich im Suhrkamp-Verlag herausgebracht habe. Da ist zunächst Jacques Roumain, 1907 - 1944, "Herren über den Tau". Roumain war Ethnologe, ein Kenner des Voodoo und Gründer der Kommunistischen Partei Haitis. Er erzählt aus der Perspektive der Bauern, ein Resultat des Indigenismus, den wir bei Papa Doc beobachteten.
Dann ist da Jacques Stéphen Alexis, 1922 - 1941. Auch er gründete eine kommunistische Partei. Auch er stammte aus der Oberschicht, auch er erzählt vom Kampf der Bauern. Als er in Moskau auf einer Konferenz der Kommunistischen Parteien war, wo der Konflikt zwischen der Sowjetunion und China ausbrach, stand er auf und forderte sehr bewegend die Einheit der Kommunistischen Bewegung.
Chruschtschow war so gerührt, dass er ihm einen Koffer mit Geld gab. Alexis schleppte das zu seinen Bauern nach Haiti, verteilte es unter ihnen und forderte sie auf, gegen Papa Doc in den Krieg zu ziehen. Sie taten das nicht. Sie riefen stattdessen Papa Docs Mördermiliz, die Tontons Macoutes, und die folterten Alexis zu Tode. Der dritte im Bunde ist René Depestre, geboren 1926, einer jener jungen Dichter, die Breton damals zuhörten und den Aufstand probten. Er lebt heute in Südfrankreich. Bei den Malern denke ich an die Brüder Obin, die beide 1977 starben.
Einer von beiden malt sich selbst auf einem Stuhl sitzend - ein wenig im Stil von Henri Rousseau - und darunter steht: "Der Maler Obin sinnt nach über Probleme der Malerei." Eine naive Kunst voller Hintersinn und Ironie. Die karnevaleske Stimmung, die uns im Jazz begeistert, gehört zum Lebensgefühl Haitis und kommt auch in der Malerei zum Ausdruck....
Lieber Herr Buch, Vielen, vielen Dank.
Interview: Arno Widmann
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen