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18. Januar 2010

Haiti: Katastrophen, Gedichte, Gemetzel

 Von Arno Widmann
Schlange-Stehen für die Katastrophenhilfe: Generationen von Haitianern haben finstere Zeiten durchgemacht. Foto: rtr

Von der Kolonie über den ersten Staat emanzipierter Sklaven zur Vodoo-Diktatur: Der Schriftsteller Hans Christoph Buch, dessen Vorfahren aus Haiti stammen, blickt im Gespräch mit Arno Widmann auf den bemerkenswerten Leidensweg seiner zweiten Heimat zurück.

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Herr Buch, Sie haben nicht nur Bücher über Haiti geschrieben, Sie haben auch familiäre Bande dorthin?

Haiti ist meine zweite Heimat, meine Romane - ein Teil meines Werks - sind in der Karibik angesiedelt. Ich bin stolz darauf, dort als haitianischer Schriftsteller zu gelten, weil ich eine kreolische Großmutter hatte. Mein Großvater kam aus Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts nach Haiti. Dort wurde ein deutscher Apotheker gesucht.

Landestypische Malerei: bunt  und heiter...
Landestypische Malerei: bunt und heiter...
Foto: Ullstein Bild

Die Kolonie deutscher Kaufleute in Haiti brauchte einen eigenen Arzt und Apotheker. Mein Großvater eröffnete eine Apotheke in Port-au-Prince, im damaligen Stadtzentrum in der Nähe des Hafens. Er ließ sich ein wunderschönes Haus bauen. Darin befand sich die Apotheke mit Apothekerflaschen und -gläsern, beschrifteten Gefäßen und einer prächtigen Holzvertäfelung. Das alles war bis vor kurzem noch intakt - seit einer Woche ist es zerstört.

Wann waren Sie zum ersten Mal in Haiti?

Hans Christian Buch ist Schriftsteller.
Hans Christian Buch ist Schriftsteller.
Foto: dpa

Ostern 1968, während in Deutschland die Springer-Häuser brannten. Es ging um Erbschaftsangelegenheiten. Mein Vater hatte mich gebeten, ihn zu begleiten. Es war die Zeit von Papa Doc, eine finstere Diktatur, faschistisch kann man sagen, aber man könnte auch sagen: stalinistisch. Papa Doc bewunderte sowohl Stalin wie Hitler. Aber auch de Gaulle, Mao Tse Tung, Mohammed und Jesus Christus gab er als Vorbilder an. Eine Voodoo-Diktatur finsterster Art.

Ich hatte damals linke Illusionen, darunter die, man könne so etwas mit einer Revolution à la Che Guevara abschaffen. Alle, die das versuchten, scheiterten blutig. Papa Doc regierte bis zu seinem Tode, er starb friedlich im Bett. Danach kamen noch fünfzehn Jahre, in denen sein Sohn Baby Doc regierte. Diese insgesamt neunundzwanzig Jahre Diktatur haben die Substanz des Landes zerstört.

Papa Doc schottete Haiti ab. Investitionen interessierten ihn nicht. Er war - im Gegensatz zu seinem Sohn - nicht auf Bereicherung aus. Geld interessierte ihn nicht. Er wollte Macht ausüben und Schrecken verbreiten. Dazu diente ihm eine von ihm aufgestellte Truppe, die Tontons Macoutes (zu deutsch etwa: Knecht Ruprecht), eine Miliz, die später sogar die Armee entmachtete.

Der Mann meiner Tante, ein Offizier der Palastwache, wurde zusammen mit anderen Armeeangehörigen eines Nachts verhaftet und ohne Prozess erschossen. Insgesamt sollen einhundert Mann bei dieser Aktion getötet worden sein. Papa Doc brüstete sich, er habe eine Methode ersonnen, um 20000 Menschen pro Jahr spurlos verschwinden zu lassen. Mal regierte er mit Unterstützung der USA, mal gab es Konflikte mit den Vereinigten Staaten, aber er war ganz sicher keine Marionette Washingtons.

Warum nennen Sie Papa Docs Regime eine Voodoo-Diktatur?

1915 waren amerikanische Marines in Haiti gelandet. Angeblich fürchtete man - es war der Erste Weltkrieg - Deutschland werde eine Marinebasis auf Haiti errichten. Außerdem wechselten ständig die Regierungen. Die USA besetzten das Land bis 1934. In jenen Jahren besannen sich die haitianischen Intellektuellen auf ihre afrikanischen Wurzeln. Papa Doc war - wenn auch mehr am Rande - einer von ihnen. Damals publizierte er obskure Aufsätze über Voodoo in einer ethnographischen Zeitschrift. Im Wahlkampf in den 50er Jahren trat er dann als Voodoo-Doktor und Voodoo-Priester auf. Mit dicker Hornbrille, schwarzem Hut, schwarzem Anzug und einem Spazierstock.

Er wirkte wie eine Reinkarnation von Baron Samedi, Baron Samstag, dem Totengott des Voodoo. Er war selbst der Oberpriester des haitianischen Voodoo. In den Schulen wurde ein Gebet eingeführt, das mit den Worten begann: "Doc, der Du regierst im Palast, töte alle Deine Feinde...". Und Schulklassen wurden dazu verdonnert, geschlossen bei der Erschießung von Regimegegnern an der Friedhofsmauer von Port-au-Prince zuzuschauen.

Ein surrealistischer Wahn. Das muss Sie doch fasziniert haben?

Ja natürlich. Hinzu kommt, dass all das sich abspielte in einer Gesellschaft, die das Produkt einer welthistorischen Befreiung war. In Haiti - und nirgendwo sonst in der Weltgeschichte - haben schwarze Sklaven sich befreit und einen eigenen Staat aufgebaut. Aber die Geschichte ist kompliziert. Zunächst hatten die Mulatten, Nachkommen unehelicher Kinder, die weiße Pflanzer mit ihren schwarzen Mätressen gezeugt hatten, die Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehört und beim Wort genommen, dann kam ein Sklavenaufstand hinzu. England und Spanien mischten sich ein.

Aber am Ende siegte der Spartakus-Aufstand. Darauf ist Haiti noch heute zu Recht stolz. Später ernannte Dessalines, der Führer des Aufstands, sich zum Kaiser und ließ alle Franzosen umbringen. Alle, einschließlich der Frauen und Kinder. Deutsche und Polen dagegen durften in Haiti bleiben. Sie waren als Soldaten mit der napoleonischen Invasionsarmee nach Haiti gekommen. Als sie hörten, wie die Aufständischen die Marseillaise sangen, liefen sie über zu den schwarzen Sklaven.

In diesem Land herrscht der Gott des Gemetzels?

Das ist ein wenig vereinfacht. Es gibt auch ganz andere Seiten Haitis. Aber zu den Schrecken der Vergangenheit und der jeweiligen Gegenwart kommt hinzu, dass in Haiti die Zeiten nicht säuberlich getrennt werden. Die Gespenster der Vergangenheit werden ständig wiederbelebt. In Voodoo-Zeremonien beschwört man die Führer der Revolution. Gewalt war und ist immer präsent. Aber Haiti unterstützte zum Beispiel auch den Aufstand der Griechen gegen das osmanische Reich. Die schwarzen Revolutionäre erkannten in den griechischen Freiheitskämpfern ihre Mitstreiter. Darum kann heute noch jeder Inhaber eines haitianischen Passes frei nach Griechenland einreisen.

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