Zwei Menschen sitzen in einem Keller, ein Mann und eine Frau. Es gibt sie, es gibt ihn und es gibt einen Plan. Es ist Nacht. Er ist der Entführer, sie ist das Opfer. Soweit stimmt der Plan. Die beiden kennen sich aus fernen Zeiten, haben sich über Jahrzehnte geliebt, sich getroffen und wieder getrennt. Das ist gegen den Plan. Der Mann heißt Maximilian Klein.
Die Frau hieß früher, in einer anderen Wirklichkeit, Lisa Pauly. In ihrem neuen Leben ist sie Elisabeth Locust, "die Ikone der Finanzmärkte, Feindbild aller Anti- und Postkapitalisten, Synonym für die dunkle Seite des Geldes, als ob es je eine lichte gegeben hätte".
Lukas Hammerstein: Wo wirst du sein. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2010, 256 Seiten, 18,95 Euro.
Das ist die Ausgangssituation von Lukas Hammersteins neuem Roman - eine Liebesgeschichte und zugleich ein Buch, das von den Spielräumen politischer Aktionsmöglichkeiten im Zeitalter der globalen Machtlosigkeit erzählt. Der erste postengagierte Roman der Nachfinanzkrisenzeit.
Hammerstein hat sich eines so einfachen wie schlüssigen Mittels bedient, um in diesem Szenario die volle Bandbreite der imaginären Möglichkeiten ausschöpfen zu können: Er hat sein Buch in einer nicht genauer bestimmten nahen Zukunft angesiedelt; in einem Land, das unverkennbar das unsere ist; im verfallenen Speckgürtel der Bankenstadt Frankfurt, in der die einstmals feudalen Villen vor sich hinrotten; darunter Max Elternhaus, in dessen Keller Max, ein Mann gerade über die fünfzig hinaus, und seine wesentlich jüngeren Genossen ihre Geisel gefangen halten.
Apokalypse und Realismus zugleich
Das Zukunftsambiente hat etwas Apokalyptisches und Realistisches zugleich - hin und wieder fühlt es sich so an, als befänden wir uns mitten in der Gegenwart.
Die Bundesregierung hat kapituliert; Elisabeth Locust ist damit beauftragt, die Reste des implodierten Finanzsystems zusammenzukehren, ohne Rücksicht auf Verluste. Damit wird sie zur idealen Zielperson der politischen Aktionsgruppe, der Max sich angeschlossen hat. Nun sitzen sie im Keller, erkennen und erinnern sich: Max und Lisa, die sich als Elfjährige im Sommerurlaub kennen gelernt haben und seitdem nicht mehr voneinander lassen konnten, ohne je ein Paar zu werden.
"Wo wirst du sein" ist in jeder Hinsicht eine fabelhaft erzählte und mitreißende Geschichte der Sehnsucht: Im Individuellen ist es die Sehnsucht von Max und Lisa zueinander. Im Großen und Ganzen ist es der Drang nach gesellschaftlichem Engagement, das hier zwangsläufig ins Leere läuft.
Das Bestechende an Hammersteins Roman ist die Feinheit, mit der er die Stimmung von Resignation und Richtungslosigkeit einfängt. Max, der als Journalist durchaus erfolgreich war, bevor er desillusioniert aufgab, diagnostiziert an sich einen allgemeinen Orientierungsschwund.
Der Gegner, gegen den man kämpft, ist ungreifbar, unsichtbar geworden. So unmöglich es ist, Verantwortliche für politische Entscheidungen zu finden, so diffus sind in einer Zeit, in der selbst das Attac-Netzwerk bereits eine nostalgisch belächelte Einrichtung ist, die Ziele der Entführer.
Man will nicht gewalttätig sein wie die RAF, sich nicht dem Gutmenschentum verschreiben wie die Generation zuvor, keine Spaßguerilla sein und auch keine coolen Poser. All das nicht, aber was dann? Was soll man mit Elisabeth Locust anfangen? Man will sie vorführen, Aufmerksamkeit erzwingen, aber wie? Und vor allem: Wen soll das noch interessieren?
Das Geschehen wird, wie von einem Chor in der antiken Tragödie, von kursiv gedruckten kurzen Einschüben begleitet und kommentiert - Sprachfetzen aus einer vergangenen Epoche; eine Mischung aus Phrasen, Slogans, Lebensweisheiten und Sprichwörtern, die allesamt einmal mehr gewesen sein müssen als Hülsen. Auffällig ist, wie oft die Begriffe "rechts" und "links" benutzt werden, noch auffälliger, wie wenig sie noch wert sind.
Das ist die eine Seite von "Wo wirst du sein"; die andere ist die in kurzen Schnitten und im Wechsel der Perspektiven von Lisa und Max erzählte Lebens- und Liebesgeschichte, für die Lukas Hammerstein einen zarten, aber unsentimentalen Tonfall gefunden hat und in der ein beachtliches Stück bundesrepublikanischer Mentalitätshistorie mitschwingt.
Sie finden und verlieren sich, kreuzen absichtlich oder nicht die Wege, schlafen miteinander, ohne beieinander zu bleiben, bis Lisa ins Ausland geht und ihre Spur sich verliert.
Mit "Wo wirst du sein" meistert Lukas Hammerstein, wie schon im vorangegangenen Roman "Video", einen Spagat: Gesellschaftlich Relevantes darzustellen, ohne dabei dokumentarisch oder journalistisch zu werden. Voll und ganz auf dem Terrain der Literatur zu bleiben und dort etwas von dem einzufangen, was in und um uns vorgeht.
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