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Handke in Salzburg: Frisches aus dem Elfenbeinturm

Peter Handke schreibt in Salzburg "Das letzte Band" von Samuel Beckett fort. Handkes Text ist ein herausfordernder Dialog mit Beckett. Doch das scheint in Jossi Wielers Regie nur in Ansätzen durch.

Nina Kunzendorf und André Jung in Samuel Becketts und Peter Handkes Das letzte Bandd/ Bis dass der Tag euch scheidet oder eine Frage des Lichts in Salzburg.
Nina Kunzendorf und André Jung in Samuel Becketts und Peter Handkes "Das letzte Bandd/ Bis dass der Tag euch scheidet oder eine Frage des Lichts" in Salzburg.
Foto: rtr/Dominic Ebenbichler

Der Schriftsteller residiert in einem Stahlkäfig. Wie ein Erker wölbt sich dieser aus dem Bühnendunkel, ein paar Quadratmeter sind es nur, die der Dichter für seine ungeschickten Tapser zur Verfügung hat. Fällt ihm eines seiner Requisiten aus der Hand, kullert es in den Zuschauerraum. Der Schriftsteller auf der Bühne des Salzburger Landestheaters ist ein Gefangener: seiner selbst und der Rolle, die er sich zugedacht hat.

"Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" hat der junge Autor Peter Handke seinerzeit reklamiert. Das war im Jahre 1967 und es war die Zeit, als der Schriftsteller ein fürsorglicher Lenker und moralischer Leiter sein sollte. Davon wollte Handke nichts wissen und feierte lieber seine Selbstbespiegelungs-Prosa. Der Elfenbeinturm wurde ein geflügeltes Wort; und selbst mehr als vierzig Jahre später ist es im Bühnenbild von Anja Rabe im Salzburger Landestheater noch präsent.

Das Stück

Bis dass der Tod euch scheidet oder eine Frage des Lichts, Salzburger Festspiele: bis 13. August; ab 30. Oktober in den Münchner Kammerspielen.

Allerdings steckt nicht Handkes Frauenfigur im Gitterkäfig sondern Becketts Herr Krapp, dieser gute alte Bekannte der Bühnenliteratur. Bei den Salzburger Festspielen gibt man Becketts Monologklassiker aus dem Jahr 1958 "Das letzte Band" - als Vorspann zu Handkes unlängst entstandener Weiterführung des kurzen Stücks, das auf den etwas umständlichen Namen hört: "Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts."

Während bei Beckett ein alternder Dichter wieder und wieder die Tonbandaufzeichnungen von vor dreißig Jahren anhört - die hochtrabenden Erwartungen eines jungen Künstlers, die psychologisierende Innenschau einer zarten Seele, die Trennung von der Geliebten - stellt Handke diese gleich selbst auf die Bühne. Als junge Frau oder wie Handke sich ausdrückt "als blühendes Leben". Bei Beckett hat sie keine Stimme, bei Handke bläst sie dem Geliebten von einst den Marsch.

Endstation Schriftsteller - Handke in Salzburg

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"Mit deiner Art von Schweigen hast du verhindert, dass zwischen dir und mir das Schweigen herrschte", sagt sie, und: "Du bist nie Kind gewesen, lieber Herr." Es sind typische Handke-Sätze, leicht beleidigt und anklagend im Tonfall - aber auch erstaunlich offen in ihren Bedeutungen. In ihnen nur die Rache der in einer Beziehung zu kurz Gekommenen zu sehen, die weibliche Stimme, die sich jetzt endlich auch einmal Gehör verschafft, hieße, in die typische Handke-Falle zu tappen.

Handkes auf Französisch verfasstes (und von ihm selbst ins Deutsche übersetztes) Stück ist gleichzeitig eine Verneigung vor der aufs Wesentlichste reduzierten Beckettschen Altherrenfantasie (auch dieser wechselte zwischen den Sprachen) und ein herausfordernder Dialog mit ihm. Verhandelt wird nichts weniger als das Bild des Schriftstellers.

In der sanften, sich dezent am Text entlang hangelnden deutschsprachigen Erstaufführungsregie von Jossi Wieler scheint das nur in Ansätzen durch. Sein Herr Krapp ist André Jung. Ein zersauster, zerfurchter, zerstreuter Mann knapp an die Siebzig, dessen Schritte unsicher sind und dem nur Bananen geblieben sind, um die eigene Männlichkeit zu beweisen. Sie hält er in gespielter Absichtslosigkeit vor den Schritt - da drinnen regt sich nicht mehr viel.

Was André Jung zeigt, ist das fein gearbeitete Porträt des abgetakelten Künstlers, breit und sehr genau ausgespielt. Halb Clown, halb Penner und zwischendurch ist auch das Klischee vom armen Poeten mit Regenschirm in der Dachklause nicht weit. Der Elfenbeinturm ist sein Refugium, doch es ist schon längst nicht mehr selbst gewählt. Die Zeit, als noch Entscheidungen möglich waren, als der Rückzug produktiv hätte sein können, ist nur mehr auf den Tonbändern präsent. Endstation Schriftstellerklause.

Wenn sich zur Halbzeit des eineinhalbstündigen Abends der Gitterkäfig dreht und sich die Bühne öffnet, dann tut sich auch ein neuer Möglichkeitsraum auf. Sein Gesicht ist die Schauspielerin Nina Kunzendorf. Sie könnte einem Modelkatalog entstiegen sein, so attraktiv und frisch wirkt sie. "Mein Spiel jetzt" sind ihre ersten Worte, und auch wenn Handke ihre Figur als eine Anspielung auf die Nymphe Echo konzipiert hat, hat sie doch nichts Versteinertes an sich. Im Gegenteil.

Die Bilder von Marmorstatuen auf den Videoeinspielungen von Stefan Bischoff im Hintergrund macht sie schnell vergessen. Kunzendorf spricht Handkes epische Sätze im lächelnden Plauderton. Krapp hatte das Band auf dem Tisch, sie hat eines im Haar. Die schweren Künstlermythen weichen der leichten Beschwörung der Stille und der Kindheit, der Fragen und des Sommers.

Im Kern von Kunzendorfers Monolog steckt eine kleine Handke’sche Poetologie. Wie schon in seinem kleinen Elfenbeinturm-Text spricht er sich gegen das Handwerk des Deutens und Bedeutens aus, insofern hat sich in den vergangenen vierzig Jahren nicht allzu viel geändert. Die Konfrontation von Becketts Helden und der Handke’schen Nymphe inszeniert Jossi Wieler denn auch als eine Art späte Versöhnung.

Das Gesicht des Herrn Krapp hellt sich auf, die beiden kommen sich auch körperlich näher. Ein letztes Mal wird der Schriftsteller von der Muse geküsst. Aber natürlich passiert das nur in einem übertragenen Sinn. Alles andere hätte auch nicht zu diesem feinfühligen Abend gepasst.

Autor:  Stephan Hilpold
Datum:  10 | 8 | 2009
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