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Harold Pinter: Zur Erinnerung

Wie kann man die Geschichten der menschlichen Existenz erzählen? Er hat das Geheimnis entdeckt.

Seine Helden waren traurige Bürger: Harold Pinter im Duchess Theatre, London 1970.
"Seine Helden waren traurige Bürger": Harold Pinter im Duchess Theatre, London 1970.
Foto: Getty

Es war zu Beginn der sechziger Jahre in Chile, als ich das erste Mal ein Stück von Pinter sah. Diese Erfahrung änderte meine schriftstellerische Arbeit und mein Leben.

Das Ungewöhnlichste dieser eineinhalb Stunden, in denen "Der stumme Diener" aufgeführt wurde, war die Tatsache, wie vertraut, geradezu familiär-vertraut, lateinamerikanisch, mir dieses Werk vom ersten Augenblick an war, obwohl es doch in einem elliptischen Englisch von einem Autor aus dem weit entfernten Londoner Stadtteil Hackney verfasst wurde. Dieses Gefühl einer Nähe zu Pinter wuchs in den folgenden Jahren. Mit jedem Theaterstück, das ich von ihm sah - ich verschlang sie alle -, wurde er mir notwendiger, unersetzlicher. Pinter zeigte mir, dass das Drama auch ohne Verse lyrisch sein kann. Es kann poetisch sein, nur durch seine Fähigkeit, einzutauchen in die Rhythmen unserer magischen Alltagsunterhaltungen. Pinter flüsterte mir zu, dass wir oft nicht reden, um zu sagen, was wir denken und fühlen, sondern um unser Inneres zu verstecken statt es zu offenbaren. Pinter fürchtete das Schweigen seiner Figuren nicht, auch nicht ihr Stottern oder ihren Absturz in eine unerforschliche Rhetorik.

Pinter verstand, dass wenn du wütend genug auf das dringst, was wir das Reale nennen, wenn du es mit Verzweiflung und Sturheit tust, es uns dann womöglich eine andere Dimension eröffnet, etwas Phantastisches, Absurdes, Wahnsinniges. Pinter zeigte, dass auch die schrecklichsten Angstphantasien nicht immun sein dürfen dagegen, dass das Pendel auch in Richtung Humor ausschlägt. All diese Lektionen in Sachen Dramaturgie aber verblassen verglichen mit dem, was Pinter mir beibrachte über die menschliche Existenz, über die - ich wage diesen Ausdruck - Politik.

Von Anfang an ahnte ich, dass Harold Pinter eine zutiefst politische Welt erkundete. Nicht in dem offensichtlichen Sinne, in dem er von den achtziger Jahren an Werke schuf, in denen Akteure unter Polizeistaaten litten, abhängig waren von der Gnade einer Armee, eines Diktators oder des jeweiligen Folterers. In Pinters Werken aus den fünfziger und sechziger Jahren hatte seine Einbildungskraft kein Interesse daran, öffentlich zu debattieren, und ebenso wenig wollte sie die Welt verändern, gar verbessern. Seine Figuren waren traurige Bürger einer belagerten Intimität, gänzlich in Anspruch genommen von der Frage des persönlichen - ganz sicher nicht des kollektiven - Überlebens.

Und doch, indem Pinter uns in diese Leben einsperrte, zeigte er uns die zarten Abstufungen der Macht mit einer Brutalität, wie ich sie bei Autoren, die direkt politisch sein wollten, nicht erlebt hatte. Alle Gewalt, alle Herrschaft und alle Befreiung, machte uns Pinter klar, beginnt in diesen klaustrophobischen Zimmern, in denen es auf jedes Wort ankommt, in denen die kleinste Äußerung den Untergang nach sich ziehen kann. Bei jedem Satz kann es passieren, dass er einem in der geheimen Münze eines zukünftigen Leidens zurückgezahlt wird. Du möchtest die Menschheit von der Unterdrückung befreien? Sieh in diese Zimmer, achte auf die versteckte Gewalt der Sprache. Vergiss niemals, dass aus diesem Vokabular die parallele Gewalt kommt, die dem Körper des anderen droht.

Zwei Männer in einem Keller; sie sollen jemanden töten. Ein alter Stadtstreicher, der sich zum Wärter eines einsamen Zimmers macht. Eine Geburtstagsfeier, die von verrückten Invasoren unterbrochen wird. Eine Frau bügelt und kocht, während die Furcht in ihr wächst, dass jemand sie aus ihrer Wohnung werfen könnte. Ein Sohn kehrt mit einer rätselhaften Frau in das zerstörte Heim zurück, das er vor vielen Jahren verlassen hat.

Urszenen von Verrat und Bedrohung, die in jedem Winkel unseres Planeten geschehen können, Verkörperungen einer weiten Landschaft des Terrors, die Lage, in der die Mehrheit der Menschheit heute sich befindet, die ignorierte Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und womöglich auch der Jahrhunderte, die ihm folgen werden. Es war nur natürlich, dass ich auf diese in England geborenen Existenzen die verstörenden Schatten meines Lateinamerikas projizierte. Wie viele obdachlose Davies bevölkerten die Straßen von Santiago de Chile? Wie viele Frauen mit Namen Rose oder Rosa fürchteten oder ersehnten einen Gast aus ihrer unvollendeten Vergangenheit?

Wie diese Geschichten erzählen? Wie die Ungewissheit jener am Rande der Auslöschung sich bewegenden Existenzen respektieren? Wie diese Masken ablegen - und das voller Liebe und Zärtlichkeit gegenüber denen, die ja nichts sind als Opfer ihrer eigenen Illusion?

Pinter hatte das Geheimnis entdeckt.

Mein ganzes Leben über war diese Entdeckung und dieses Talent immer um mich. Als ich 23 Jahre alt war, schrieb ich mein erstes Buch, eine Untersuchung über das Theater von Harold Pinter. Viele Jahre später, als ich selbst begann, in diesem Genre zu schreiben, leitete mich seine Ästhetik so sehr, dass ich Harold Pinter "Der Tod und das Mädchen" widmete. Damals waren wir schon Freunde, er und ich und seine Frau Antonia und meine Frau Angelica. Alle unsere Begegnungen, unsere Reisen und Abendessen waren auch eine Fortsetzung jenes Gespräches, das mit ihm zu führen ich begonnen hatte, lange bevor er mich mit seiner Zuneigung beehrte.

Seine Figuren sind versunken in dem Sumpf ihrer undurchdringlichen Einsamkeiten, aber Pinter selbst blieb niemals in Andeutungen stecken. Er war immer mittäglich klar. Schon als ich sein Stück in Santiago de Chile sah, verjagte Pinter, einfach indem er ihr einen Namen gab, meine Hilflosigkeit. Nun, da er vermutlich tot ist, nun, da ich mich mit einer Welt auseinandersetzen muss, in der ich ihn nicht werde anrufen können, um seine trockene, klare Stimme zu hören, nun, da wir uns nicht mehr zusammensetzen können, wie wir das in London, New York, Wales, Paris und Edinburgh getan haben, nun, da ich mich nicht mehr mit ihm verschwören kann, um der vorletzten Verletzung der Menschenrechte entgegenzutreten, nun, da die Post mir niemals wieder neue Gedichte oder Gedanken von ihm bringen wird: Nun bleibt mir nur noch das, was ich vor fünfundvierzig Jahren im weit entfernten Santiago de Chile entdeckte, als mir dieses erste Pintersche Werk ein Licht aufsteckte. Nun bleibt mir nur zu hoffen, dass er mir und vielen anderen weiterhelfen wird, die Geheimnisse unserer glorreichen und miserablen Epoche aufzudecken. Nun bleibt mir nur, dankbar zu sein, für die ungezügelte Wahrheitsliebe, mit der sein Herz sich Klarheit zu schaffen suchte über unsere unermessliche menschliche Existenz.

Übersetzung: Arno Widmann

Autor:  Ariel Dorfman
Datum:  29 | 12 | 2008
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