Dennoch befähigen seine Eigenschaften den Roman - die Art, wie er die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Vorherbestimmtheit auslotet und uns ermutigt, uns mit andersartigen Menschen zu identifizieren -, in der Ethik eine Rolle zu spielen.
Die Frage der Gefangenen, die mich veranlasste, über dieses Thema nachzudenken - "Was bringt es, sich Geschichten auszudenken, wenn die Realität schon so unglaublich ist?" - hatte unterstellt, das Ziel von Literatur sei es, uns zu überraschen, zu beeindrucken oder zu blenden, mit anderen Worten, uns zum Staunen zu bringen. Nur schlechte Literatur wird sich dieses Ziel setzen. In der Regel nehmen Schriftsteller sich nicht vor, eine Welt zu erschaffen, die erstaunlicher oder unglaublicher ist als die Realität. Nichts kann die menschliche Realität übertreffen. Sie ist unschlagbar - sowohl in ihrem Wahnsinn wie in ihrem Erfindungsreichtum, in ihrer Grausamkeit wie in ihrer Schönheit. Dagegen kann der Roman uns einen anderen Blick auf die Realität vermitteln. Er befähigt uns, uns von ihr zu distanzieren, sie zu analysieren, zu erkennen, wie grob sie zusammen geschustert wurde, die ihr zugrunde liegenden Mythen kritisch zu betrachten.
Welche Fiktionen haben wohl zu den "unglaublichen Realitäten" der in Fleury-Mérogis eingesperrten Frauen geführt? In welche menschlichen Tollheiten waren sie als Subjekt oder als Objekt verstrickt? Liebesfabeln (in Mord und Totschlag endende Eifersucht und Ehekriege), Fabeln von der perfekten Mutter (die zu Kindstötung führten), politische oder religiöse Fabeln (die sie zu willigen oder gar begeisterten Bombenlegerinnen machten), Fabeln von Geld oder Drogen und ihren Glücksverheißungen
Das ist das große Verdienst der Literatur - statt sich als Wahrheit zu präsentieren wie die Millionen anderen Fiktionen, die uns umgeben, in uns eindringen und uns definieren, spielt sie mit offenen Karten. Sie erklärt: Ich bin eine Fiktion. Liebt mich für das, was ich bin. Benutzt mich, um eure Freiheit zu erfahren, eure Grenzen auszudehnen, eure eigene Kreativität zu entdecken und zu erwecken. Folgt den Irrungen und Wirrungen meiner Figuren, macht sie euch zu eigen; erlaubt ihnen, euren Horizont zu erweitern. Träumt mich, träumt mit mir, vergesst nie zu träumen.
Indem die Literatur sich selbst als Fiktion präsentiert, indem sie uns erlaubt zu wählen, befreit sie uns vorübergehend von den Pflichten und Zwängen der zahllosen anderen Fiktionen, denen wir unterworfen sind. Sie macht uns eine Realität zum Geschenk, die, obwohl erkennbar, genauer, tiefer, intensiver, reicher und beständiger ist als die Realität der Außenwelt. Im Idealfall gibt sie uns die Kraft, in jene Realität zurückzukehren und sie mit mehr Feingefühl zu enträtseln.
Sie kann uns sogar dazu bringen - dergleichen soll es gegeben haben - auf sie einzuwirken.
Aus dem Englischen von Uli Aumüller
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen